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Mit „Orpheus in der Unterhose“ feiert die Serkowitzer Volksoper eine bejubelte Premiere

In Dresdens Saloppe Mit „Orpheus in der Unterhose“ feiert die Serkowitzer Volksoper eine bejubelte Premiere

Vor sieben Jahren gründete sich die Serkowitzer Volksoper. Und nun, zur Feier des verflixten siebten Jahres, gibt es eine neue Produktion ganz im Stile dieser subversiven Operntruppe: „Orpheus in der Unterhose“ verarbeitet die Motive des bekannten Mythos von Orpheus und Eurydike.

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Die Sängerin Dorothea Wagner als Eurydike führt sich selbst als zierliche Puppenfigur, Cornelius Uhle als Orpheus ebenso.

Quelle: Robert Jentzsch

Dresden. Das hatte es zuvor in Dresden noch nicht gegeben: „Durch die Wälder, durch die Aua“ – eine deutsche Kummeroper nach Webers „Freischütz“, subversives Musiktheater, das ist 20 Jahre her. Der Spagat zwischen Respekt und Respektlosigkeit gegenüber dem musikalischen Erbe gelang auf Anhieb, das Stück erlangte Kultstatus, weitere Projekte folgten, immer verbunden mit den Namen Milko Kersten für die Musik und Wolf-Dieter Gööck für Konzept und die Regie. Vor sieben Jahren gründeten sie die Serkowitzer Volksoper. Und nun, zur Feier des verflixten siebten Jahres, eine neue Produktion, ganz im Stile dieser subversiven Operntruppe, „Orpheus in der Unterhose“ – die Motive des bekannten Mythos von Orpheus und Eurydike, wahrscheinlich weltweit erstmals als eine so witzige wie auch hintersinnige „Crossoper“ nach Gluck und Offenbach. Hier die tragische Oper mit den berührenden Arien der Liebenden, da die spritzige Operette mit dem teuflischen Can Can, der dekadenten Götterwelt und deren Vergnügungstrip in die Unterwelt und einer Kunstfigur als „Die öffentliche Meinung“, die dafür sorgt, dass der Schein gewahrt bleibt.

Die Musik von Gluck und Offenbach, unterschiedlicher geht es ja kaum, ihre gänzlich verschiedene Sicht auf Orpheus und Eurydike, hier der Mythos von der Unbesiegbarkeit der Liebe, da der Spott an einem System hemmungs- und haltungsloser Vergnügung. Da war man gespannt, wie das alles auf die schmalen Bretter des Zirkuswagens der Serkowitzer Volksoper in der Dresdner Sommerwirtschaft Saloppe kommt. Es kommt alles zusammen, kein „Crossover“ aber eine „Crossoper“.

Das Liebesdrama zur Musik von Gluck, das berührende Gefühl des Glücks, die tragischen Töne des Unglücks bei Orpheus und Eurydike, das Unglück und die Verzweiflung zur entsprechenden Musik. Dagegen Chaos auf dem Olymp und die satanische Lust der Götter, den Menschen – hier durch einen Schlangenbiss – ihr kleines Glück zu zerstören und dessen Wiedererlangung an Bedingungen zu knüpfen, die nicht erfüllbar sind. Die Großen lassen ihre Unfähigkeit an den Kleinen aus, sie lösen ihre Konflikte mangelnder Göttlichkeit auf den Rücken der ihnen ausgelieferten Menschlein, die sich wie Puppen, wie Marionetten an unsichtbaren Fäden vorkommen.

Zwei unglückliche Menschen mehr, die Götter kratzt das nicht, und die Menschen nehmen ja auch diese angeblich so göttlichen Fügungen, also alles, was von da oben kommt, nach ganz kurzem Anflug eines Aufstandes an. Ganz nach dem Motto: Wir können da ja sowieso nichts machen, gegen die da oben.

Und alles hat Platz auf den Brettern dieses kleinen Welttheaters und manches auch davor und seitlich: Götterwelt, Olymp und Unterwelt, der Hades, die Welt der Menschen, zwei Sängerinnen, ein Sänger, drei Musiker und Wolf-Dieter Gööck als „Die öffentliche Meinung“.

Und wie das so ist bei einem kleinen Wanderzirkus, da muss jeder eigentlich alles spielen und singen. Hier – und das ist sehr gelungen – gibt es zudem ein von Steffi Lampe fachlich beratenes und trainiertes Spiel der Puppen. Die Sängerin Dorothea Wagner als Eurydike führt sich selbst als zierliche Puppenfigur. Cornelius Uhle als Orpheus ebenso, und auch die skurrile Gestalt des Hans Styx von Offenbach, also dieser traurige Prinz von Arkadien, wird als bezaubernde Prinzenpuppe von Marie Hänsel geführt, die sonst als munterer Cupido treffsicher ihre Pfeile abschießt. Auch auf Zeus in Gestalt eines Insekts, einer Fliege, und auf Offenbachs herrliches Summduett mit Eurydike wird nicht verzichtet, bietet sich ja geradezu an, als erotisches Puppenspiel.

Und überhaupt, die Götter, Milko Kersten als Zeus, Dietrich Zöllner als Göttergattin Hera, Daniel Rothe als Pluto, ein in so skurriler wie üppiger Ausstattung von Ella Späte ausgepolstertes, infernalisches Damenorchester in Glitzergold mit dem spielerischen Charme der deftigen Übertreibung im bewusst eingesetzten Stil des Liebhabertheaters.

Wolf-Dieter Göök als die öffentliche Meinung ist eine in die Jahre gekommene Prostituierte, er oder sie beobachtet und kommentiert, mitunter ganz schön verzweifelt, immer kurz davor aufzugeben, hier eben keine Offenbachsche Ordnungshüterin. Im Beruf käuflich, als Mensch aber nicht mit der schönen Schlusspointe, dass wir uns ja in Griechenland befinden, wo die Wiege der Demokratie steht und das Kind darin, eben jene Demokratie, noch immer in den Windeln liegt, die auch scheinbar lange nicht gewechselt wurden. Und dann sind wir auch schon, mit Orpheus und Eurydike, mit der ganzen Göttermischpoke, in Dresden angekommen.

So wie man sich fragte, wie denn die tragische Oper und die freche und anzügliche Operette im Spiel zusammengehen, so fragte man sich das auch bei der Musik, gespielt von den drei Musikern der „Musi nad Labem“ unter der Leitung von Milko Kersten an den elektronischen Tasten. Es wird richtig gut gesungen, zwei junge, natürliche Sopranstimmen, da kommt der Gluck zum Klingen, ebenso beim Bariton, da vernimmt man berührende, existenzielle Töne, vor allem wenn ihm Mozart noch zu Hilfe kommt und der verzweifelte Orpheus sich mal schnell in den ebenso verzweifelten Papageno aus der Zauberflöte hineinintoniert.

Bei den Musikern gehen Witz und Können zusammen, Kersten lässt die Tasten zwitschern, setzt Akzente, haut auch mal als überforderter Obergott aufs Blech. Zöllner, total komisch als Hera, spielt die größten und tiefsten Instrumente, Kontrabass und Tuba und Rothe als Pluto Klarinette und Blockflöte, auch mal Kontrabass, wenn Hera zum Banjo greift. Das hat viel Witz, das hat viel frechen Schmiss bei Offenbach. Und dann gelingt es aber auch, der mitfühlenden Musik von Gluck ganz andere Klänge zu geben. Musik und Spiel kommen in vielen Facetten gut zusammen: auf keinen Fall billiges Crossover.

Und der Titel, „Orpheus in der Unterhose“, die Frage lässt sich nicht vermeiden. Wer lässt die Hosen runter? Überraschender Weise niemand. Das schönes Wortspiel reicht, da fallen keine Hüllen, es gibt keinen Sänger im regietheatermäßigen groben Feinripp mit Eingriff. Die vergoldeten Götter, die stehen längst schon da wie einst der Kaiser in den neuen Kleidern, nur fehlt hier immer noch das mutige Menschenskind.

Nächste Aufführung am Sonntag, 19.30 Uhr, dann immer Donnerstags und Sonntags, letztmals am 10. September, Saloppe

www.serkowitzer-volksoper.de

Von Boris Gruhl

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