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Mit Ironie gen Mausoleum

Samt & sonders im Kleinen Haus Mit Ironie gen Mausoleum

Bei „Samt & sonders“ plauderte Leander Haußmann zukünftige Spielfilmpläne und amüsante Anekdoten aus dem Nähkästchen. Zwischendrin äußerte der Berliner Regisseur aber auch seine Meinung zu ernsten Themen wie den Missbrauchsvorwürfen an Regisseur-Kollege Dieter Wedel und seine Kindheit am Müggelsee.

Mit Büchsenbier aus der Semperoper locker an den Bühnenkante: Leander Haußmann und Cornelius Pollmer spielten das Talkendspiel konsequent aus.

Quelle: Andreas Herrmann

Dresden. Leander Haußmann liebt Bad Schandau seit DDR-Zeiten – weil sein Vater hier schon bei der DDR-Serie „Rote Bergsteiger“ drehte. Er war aber über zwanzig Jahre nicht in Dresden: „Nicht eingeladen“, meint er lakonisch und beschert den rund 140 Besuchern im Kleinen Haus einen hoch amüsanten Abend – den zweiten der Reihe „Samt und sonders“ unter Obhut des Dresdner Staatsschauspiels, die Gastgeber Cornelius Pollmer eigens für Leute wie Haußmann ersann.

Nach Autor Axel Hacke (DNN berichteten) kam damit nun ostdeutsche Avantgarde, dank Stasi und Ostprovinztortur vor der Wende mit allen Wassern der Ironie und des Rollenspiels gewaschen. Haußmann brillierte gut aufgelegt mit sichtlich Spaß am offenen Format, riss das Geschehen mit Anekdoten sofort an sich und war offenbar auf alles vorbereitet – selbst ein Nacktbad am stilisierten Müggelseeufer schien nicht unwahrscheinlich.

Denn Ausstatter Thilo Zürn, der den Namen und ein Stichwort weiß, um dann die beiden Akteure mit einer Bühnenkonstellation zu überraschen, hatte heuer die Müggelseespree als Wohnort und Haiangelparadies arrangiert, garniert durch eine Schilfaue und Schönefelder Flugzeugalarm per Comicanimation. Im ultravioletten Kühlkoffer waren zuhauf Radeberger Büchsenmilch sowie Sandwichs und Würstchen geparkt.

Dazu saß Stimmungskanone und Ex-Schauspielkollege Torsten Ranft als anfangs filmender Sidekick erst im Publikum, später auf der Bühne, um gemeinsam in Filmzeiten wie „Sonnenallee“ zu schwelgen, aber auch aus alten Polizeirufzeiten (Ranft als Kreuzworträtselmörder) und Bochumer Kantinenzeiten zu erzählen, die er kriechend verließ, während Regisseur Haußmann von Blackouts auf der Bauprobe wegen der Haschkekse der Regieassistentinnen berichtete.

Fakt ist: Bei der zweiten Folge des uninszenierten Gesprächsformats, das nach der besser gefüllten Medienpremiere nun eher Film- und Theaterfreaks zog, wäre mehr an Performance möglich gewesen. Doch Pollmer, pausierender Landeskorrespondent der Süddeutschen Zeitung, ist einerseits Dresdner und andererseits Autor – also keine geborene Rampensau, obwohl er beim Start durchaus „konstruktives Chaos“ als Ziel vorgab. Er hatte sich dafür genau belesen, vor allem bei Haußmanns 2015er Werk „Buh. Mein Weg zu Reichtum, Schönheit und Glück“, und rekurrierte immer wieder auf biografische Details – wie das geplante Familienmausoleum oder den Filmflop „Hotel Lux“, während sein Gast gern in Selbstironie und Angriffsfreude davongaloppierte.

Sehr und beiderseits unprätentiös hingegen die Passage zur systemimmanenten Wedel-Kampagne: Man tritt nicht auf am Boden Liegende – und ein Regisseur hat beim Film nicht viel zu sagen, beim Casting keine Gelegenheit und auch am Theater rein gar nichts von einer Affäre mit einem Bühnensternchen. Er selbst habe genau eine Affäre gehabt – die sei seit 15 Jahren seine Frau und Mutter gemeinsamer Kinder. Er habe halt nicht die Castorf‘sche Gabe, alles immer laufen zu lassen.

Sympathisch der Schluss, als Haußmann auf eine Pointe drängte, aber Pollmer in Endspielmanier bei sich blieb – und zugab, dass er keine vorbereitet habe. Hier gab es seitens des Komödianten für alle noch en passant eine Lehrstunde in Sachen Unterhaltungsinszenierung, die beim nächsten Mal vielleicht schon greift.

Denn „Samt & sonders“ wird fortgesetzt – dass das Format nicht unbedingt gleich von Beginn an den großen Saal im Kleinen Haus rockt, hätte man ahnen können. Und Tricks und Kniffe, wie halbleere große Säle gemütlich kaschiert werden, kann sich das Staatsschauspiel bei Konsultationen in der umliegenden Provinz anschauen, wo wegen temporärer Landflucht samt latentem Bildungsnachlass nicht gleich Theaterhäuser umgebaut werden.

Von Andreas Herrmann

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