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Regional Mit "Die Hexe Baba Jaga - Geburt einer Legende" startet das Dresdner Boulevardtheater sein Bühnendasein
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17:35 09.09.2015
Zwei Sympathieträger der eher ungewöhnlichen Sorte unter sich: Baba Jaga (Rainer König) und der unterbelichtete Engel Arthur (Volker Zack). Quelle: Robert Jentzsch

Nicht mit einer Handvoll Dollar, sondern Engeln wartet nun die Komödie "Die Hexe Baba Jaga - Geburt einer Legende" auf, mit der im neuen Boulevardtheater an der Maternistraße der Spielbetrieb aufgenommen wurde. Wäre es ein Film, würde man von einem Prequel sprechen, erzählt das Werk doch die Vorgeschichte zu den bisherigen vier Stücken, in denen der Hexe Baba Jaga eine ungemein tragende Rolle zukommt. Das Konterfei dieser sexy Hexy aus Saxony ziert ja diverse Plakate und Titelbilder von Magazinen, ihr Bekanntheitsgrad liegt vermutlich höher als der so manchen Stadtrates.

"Die Hexe Baba Jaga - Geburt einer Legende" wurde von Georg Wintermann und Michael Kuhn verfasst, in Szene gesetzt von Olaf Becker. Und wieder ist es ein großer Wurf geworden. Wer da nicht hingeht, verpasst was. Auch das Haus selbst ist kaum wiederzuerkennen. Fast nichts, allenfalls noch ein halbes Dutzend Klappstühle aus Holz im Foyer, erinnert an das vormalige Theater Wechselbad der Gefühle. Eine Lounge wartet im Foyer auf durstige Kehlen, der große Saal ist ganz in dezentes Blau getaucht und perfekt ausgeleuchtet. Die Betreiber, Marten Ernst und Olaf Becker, haben nicht gekleckert, sondern geklotzt, haben zur Premiere sogar Katja Epstein nach Dresden geholt, die ihren Hit "Theater, Theater" sang, die Theater-Hymne schlechthin.

Dann griff Babuschka (Kathleen Gaube) zum Märchenbuch, konnte es losgehen. Man sieht drei Engel bei der Arbeit, aber nicht jene drei, die ab 2016 im neuen Tatort aus Dresden agieren sollen (der Arbeitstitel lautet bekanntlich: "Drei Engel für Dresden"). Dieses Trio besteht aus den beiden Erzengeln Gabriel (Berit Möller) und Luzifer (Paul T. Grasshoff) sowie dem Engel Arthur (Volker Zack), bei dessen Erschaffung nur noch ein halbes Hirn übrig war, weshalb er vom fiesen Luzifer schon mal "Semi-Hirn" tituliert wird. Ihr Boss heißt Günter Otto Thaddäus Toll (Jürgen Mai), was von Baba Jaga dann auf "Gott" verkürzt werden wird, weil "Günni" offenbar nicht ankommt. Der Allmächtige ist mittendrin, seinen Schöpfungsplan abzuarbeiten - und begeht einen schweren Fehler, als er Luzifer zum Integrationsbeauftragten ernennt, der sich um dieses Wesen kümmern soll, das aus einem (Überraschungs-)Ei schlüpfte, das vom Himmel fiel. Dieses Wesen ist, man ahnt es, Baba Jaga. Schönheit mag im Auge des Betrachters liegen, aber in diesem Fall dürfte es wenige geben, die der Aussage "So kann man sich beizeiten dran gewöhnen, dass die Welt nicht nur aus Schönheit besteht" widersprechen würden. Es ist der durchtriebene Luzifer, der Gottes Plan torpediert, der die ahnungslose Baba Jaga als Werkzeug für seine finsteren Pläne benutzt, der auch das Geld erfindet, "damit alle wissen, wofür man lebt". Und so sieht nicht nur Gott, dass es nicht gut war.

Vermittelt wird nicht zuletzt: Hässlich war die Hexe zwar zugegebenermaßen von Beginn an, böse jedoch nicht. Die Enttäuschungen und Ungerechtigkeiten des Lebens lassen Baba Jaga zu dem werden, als was sie Eingang in die Märchenbücher fand: als böse Vettel, die im Zuge einer Palastrevolution aus dem Paradies ein Babadies macht und darüber hinaus noch die Weltherrschaft anstrebt. "Wenn Du mal ein Problem brauchst, ich bin immer für Dich da!" - was als Hilfsangebot gemeint ist, ist letztlich doch eine Drohung. Und zunehmend lässt Baba Jaga auch jene Schimpfwortkanonaden und Tobsuchtsanfälle vom Stapel, für die sie berühmt-berüchtigt ist. Dagegen ist selbst der cholerisch schimpfende Wüterich Gernot Hassknecht von der "heute-show" des ZDF ein in sich ruhender Heizdecken-Buddhist.

Das Stück hat alles, was es zu einem amüsanten, hier und da aber auch nachdenklich stimmenden Abend braucht: reichlich Wortwitz und flotte Sprüche, ein paar schmissige Songs (Komposition: Andreas Goldmann), gute Akteure, von denen neben König noch Volker Zack von den Sitzen reißt. Er verleiht seiner Figur, dem Engel Arthur, eine tragische Größe. Man würde ihn am liebsten einfach knuddeln, wenn er mal wieder betrübten Kopfes wie ein FDP-Mitglied am Wahlabend dasitzt, sich der eigenen Unzulänglichkeit bewusst. Ein Hauch von Monty Pythons Film "Der Sinn des Lebens" und Mel Brooks' "Die verrückte Geschichte der Welt" liegt in der Luft, aber auch dem Comic "Prototyp", in dem Ralf König eine sehr spezielle Version der Dreiecksbeziehung zwischen Adam, Luzifer und Gott präsentiert.

Wer will, mag in diesem Baba-Jaga-Teil Blasphemie ausmachen, aber auch gestandene Christenmenschen dürften lachen, wenn darüber sinniert wird, ob es nun "Du sollst nicht ehebrechen" oder "Du sollst nicht Brecht ehelichen" heißt. Ja, Pech gehabt: Mag die Zahl der Gebote, nachdem Gott eine Tafel fallen ließ, von 15 auf 10 gesunken sein - "Du sollst nicht ehebrechen" ist immer noch dabei. Wichtige Anmerkung: Für Kinder ist das Stück nur bedingt geeignet, es sei denn, sie sind frühreif und damit in der Lage, alle gesellschaftskritischen und sexuellen Anspielungen zu verstehen.

nächste Vorstellungen: bis 31.10. (nicht tgl.)

www.comoedie-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.09.2014

Christian Ruf

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