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Meißner Kantorei 1961: Christfried Brödel übergibt an Georg Christoph Sandmann

Stabwechsel Meißner Kantorei 1961: Christfried Brödel übergibt an Georg Christoph Sandmann

Stabwechsel bei der Meißner Kantorei 1961: Christfried Brödel, der am 17. Dezember 70 wird, übergibt das Amt zu Jahresbeginn 2018 an Georg Christoph Sandmann. Er ist ein erfahrener, freiberuflich tätiger Dirigent. Sorgen indes bereitet Christfried Brödel die Zukunft der Kirchenmusik auf dem Land.

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Der scheidende und der neue Leiter der Meißner Kantorei 1961: Christfried Brödel links, Georg Christoph Sandmann rechts.

Quelle: Steffen Giersch

Dresden. „Wenn es gelingt, die Meißner Kantorei noch ein weiteres Jahr am Leben zu erhalten, dann ist das jeden Einsatz wert“. Das hat sich Christfried Brödel 1981 gesagt, als er die künstlerische Leitung des renommierten Laienchores übernahm. Dann aber wurden es 36 Jahre. Am 17. Dezember wird Christfried Brödel 70. Er gibt er die Verantwortung für die Meißner Kantorei 1961 ab – an Georg Christoph Sandmann, der das Amt zu Jahresbeginn 2018 antritt. Sandmann, 1965 in Berlin-Treptow geboren, lebt heute in Werdau bei Zwickau, ist Professor an der Dresdner Musikhochschule, bringt Erfahrungen als Chorsänger und Dirigent, vor allem bei Opernaufführungen mit. Nach Jahren als Generalmusikdirektor ist er seit 2010 freischaffend. Er leitet Chöre, Sinfonieorchester in Sachsen und ist als Intendant des Internationalen Musikwettbewerbs „Pacem In Terris“ (Bayreuth) tätig.

In der Meißner Kantorei hat Georg Christoph Sandmann Mitte der Achtziger für zwei Jahre mitgesungen. Bei einem Konzert war er Gastdirigent. Entdeckerfreude und Neugier betrachtet er als zwei wichtige Eigenschaften des Ensembles. Sie will er weiter fördern, wie er sagt. Die Pflege der Musik vergangener Jahrhunderte, vor allem aber der klassischen und zeitgenössischen Moderne sowie Uraufführungen, gehören zu den charakteristischen Komponenten, die er fortführen werde. „Neu hinzu kommt: Ich möchte vergessene Komponisten ans Licht holen.“ Als Beispiel nennt er Georg Göhler (1874-1954).

Die Meißner Kantorei habe er als motiviertes Hochleistungsensemble kennengelernt, das moderne Musik mit geistlichem Wort kombiniert, so Sandmann. Sein erstes Konzert mit der Kantorei hat er für 5. Mai im thüringischen Bad Salzungen geplant. Auf dem Programm stehen Werke von Schütz, Reger, Göhler, Hessenberg, Pepping und Raphael.Gegründet hatte das anspruchsvolle Laienensemble 1961 Dr. Erich Schmidt (1910-2005). Zunächst nur, um ein Werk aufzuführen: das 1960 in der Schweiz uraufgeführte „Ezzolied“, das Willy Burkhard 1927 geschrieben hatte. Schmidts Begeisterung für ein zeitgenössisches Werk und sein Enthusiasmus wirkten ansteckend. Nach erfolgreichen Aufführungen in Meißen und Dresden wollten die Sänger zusammenbleiben. Sie hatten die intensive Chorarbeit als Möglichkeit freien Denkens und Redens abseits verordneter Ideologie entdeckt.

Zu den fünf bis zehn Konzerten jährlich kommen die Sänger aus ganz Mitteldeutschland zusammen. Proben, Reisen und Konzerte schweißten eine ebenso traditionelle wie kreative Gemeinschaft zusammen, die auch zu einer Glaubensgemeinschaft wurde. Denn sie wollen die Stücke nicht nur sauber intonieren, sondern beschäftigen sich intensiv mit der christlichen Botschaft, welche die Werke in zeitgenössischer Formensprache verkünden. Genau darin sieht Christfried Brödel das Geheimnis für die Ausstrahlung dieses Ensembles. Drei Jahre, nachdem er dessen Leitung übernommen hatte, gab der Pfarrersohn aus dem vogtländischen Elsterberg den Mathematikerberuf auf, in dem er promoviert hatte, und wechselte zur Kirchenmusik. Als Konzerthöhepunkte der Meißner Kantorei sind ihm Jörg Herchets Kantaten, Hans Peter Türks Motetten oder Günter Neuberts Oratorium „Laudate Ninive“ in Erinnerung geblieben.

Als 1988 Wolfram Zöllner starb, der Leiter der Kirchenmusikschule, wurde er dessen Nachfolger. Rektor der späteren Hochschule für Kirchenmusik blieb er bis 2013. Mit Sorge beobachtet Christfried Brödel die schwieriger werdende Situation für die Kirchenmusik in Sachsen. Eine bedenkliche Schere tue sich auf: In den drei Großstädten, wo große und hervorragende Kirchenchöre eine Vielzahl an Konzerten geben, beobachtet er eine Blüte. Auf dem Land hingegen fehle Personal, blieben Potenzen ungenutzt. Um Mitarbeiter auch in zehn Jahren noch bezahlen zu können, werde die Schrumpfung jetzt bereits vorweggenommen. „Wir als Kirche ziehen uns aus der Fläche zurück“, sagt er. „Das tut weh.“

Dabei sieht er in der geringen Bezahlung der Kantoren nicht das einzige Problem. Vielmehr im Druck, der auf ihnen lastet: „Von früh bis in die Nacht sind sie damit beschäftigt, Bestehendes zu erhalten. Ständig haben sie das Gefühl, nicht genügend zu tun. So können sie nicht frei und kreativ sein und neue Wege gehen.“ Zu DDR-Zeiten habe der Kirche und ihren Musikern der politische Wind kräftig ins Gesicht geblasen. „Das stärkt.“ Inzwischen jedoch breite sich Gleichgültigkeit der Kirche gegenüber aus. Ein ungünstiges Umfeld. „Dabei wünschte ich mir mehr Freude, Aufbruch, Mut, Neues zu wagen, ein stärkeres Wir-Gefühl.“

Ganz zur Ruhe will sich Christfried Brödel keineswegs setzen. „Ohne das Musizieren ginge es mir schlecht.“ Er gibt weiter Kurse, leitet Konzerte, etwa mit dem Solistenensemble „vocal modern“. Als Vorsitzender der Neuen Bach-Gesellschaft will er vor allem einen drohenden Traditionsabbruch verhindern und jüngere Leute für diese Musik begeistern. Außerdem schreibt er an einem Buch über die Kirchenmusik in der DDR. Es soll an vieles erinnern, was mittlerweile fast vergessen ist. „Vor Langeweile jedenfalls fürchte ich mich nicht.“

Abschlusskonzert als Leiter der Meißner Kantorei am Sonnabend, 16. Dezember, 17 Uhr, Dreikönigskirche Dresden, mit Werken von Siegfried Reda, Wilfried Krätzschmar sowie Advents- und Weihnachtsliedbearbeitungen des Barock und der Romantik; am Sonntag, 17. Dezember, 21.05 Uhr, im Deutschlandfunk Jörg Herchets Kantaten 1-3 zum Fest der Geburt Christi, Aufzeichnung von 2016 in der Christuskirche Dresden

Von Tomas Gärtner

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