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"Meine Bilder sind angreifbar" - Georg Baselitz im Interview - Ausstellung im Dresdner Schloss öffnet

"Meine Bilder sind angreifbar" - Georg Baselitz im Interview - Ausstellung im Dresdner Schloss öffnet

Heute abend wird die Sonderausstellung "Hintergrundgeschichten" im Dresdner Schloss eröffnet, nächste Woche hat die Oper "Le Grand Macabre" in Chemnitz Premiere.

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Georg Baselitz bei der Bühnenbildbesprechung zur Inszenierung "Le Grand Macabre" in den Theaterwerkstätten Chemnitz, flankiert vom künstlerischen Produktionsassistenten Norbert Richter und der Leiterin des Malsaales Katja Byhan-Radewagen.

Quelle: Dieter Wuschanski

Das Visuelle verantwortet hier wie dort der Maler Georg Baselitz. Michael Ernst sprach noch vor dem Dresdner Auftakt mit ihm über Ausstellungen, Opern und Filmkunst - und warum eine Arbeit für die Semperoper eher unwahrscheinlich ist.

Frage: Momentan pendeln Sie zwischen Chemnitz und Dresden, zwei Ausstellungen und eine Oper führen Sie nach Sachsen - eine Hinwendung zu den eigenen Wurzeln?

Georg Baselitz: Ich bin seit der Wende ja mehrfach hier gewesen und hatte in Dresden mehrere Ausstellungen. Außerdem kommt meine Frau von hier, sie würde sowieso keine Ruhe geben, wenn wir nicht jedes Jahr mindestens einmal herfahren. Natürlich gibt es eine Beziehung zu Sachsen, ich kontrolliere, ob sie noch intakt ist und funktioniert. Auf meine Arbeit hat das aber keinen Einfluss.

Wie hintergründig sind denn die Dresdner "Hintergrundgeschichten"?

Als die Dresdner Bilder in den 50er Jahren aus Moskau zurückkamen, heute nennt man das Raubgut der Sieger, wurde daraus als generöse Geste ans Brudervolk in der DDR eine Propagandaveranstaltung gemacht. Auch unsere Schulklasse aus Kamenz hat sich das damals anschauen müssen. Für mich war das natürlich nur von Vorteil. Das waren meine ersten Begegnungen mit Bildern von alten Meistern überhaupt. Da ist viel hängengeblieben im Hinterkopf.

Werden die Besucher wirklich persönliche Hintergründe Ihres Schaffens erfahren?

Wenn man so veranlagt ist wie ich und seine Bilder nicht aus der Umwelt nimmt, sondern aus der Kunst oder Kunstgeschichte, dann ist so eine Sammlung natürlich von großer Bedeutung, vordergründig wie hintergründig. Ich habe irgendwann festgestellt, dass mich die Umgebung, in der ich stehe - mein Gegenüber -, beim Malen weniger interessiert als die Umgebung, aus der ich komme. Diese Erlebnisse sind mir wichtig. Das im Kopf gesammelte Material ist bedeutsam für mich.

Ferdinand von Rayskis "Wermsdorfer Wald" war 1969 Auslöser für Ihren "Wald auf dem Kopf". So wurde "Kopfstand" Ihr Kennzeichen. Wie hat Rayski das vermocht?

Eine Hintergrundgeschichte dazu: Im Lessing-Gymnasium Kamenz hing im Flur eine Reproduktion dieses Bildes. Ich habe das immer wieder gesehen, ohne mir etwas dabei zu denken. Bis mir bewusst geworden ist, was diese kahle Herbstlandschaft ohne Tiere oder Menschen eigentlich meint. Mein Onkel hat mir beigebracht, Malerei wirklich zu sehen. Ich habe daraufhin die Leere dieser Skizze mit Personal gefüllt, mit Dutzenden Jägern, Rehen und Hasen - ein völlig banales Bild. Diese Skizze mit ihrer reinen Landschaft ist einfach wunderbar.

Als ich dann in einer Zeit, als alle abstrakt malten, selbst mit dem Malen angefangen habe, wollte ich Gegenstände. Deren Bedeutung sollte ganz privat sein, intim, nur mich und mein unmittelbares Umfeld etwas angehen. Zur Demonstration des Bildes auf dem Kopf wollte ich einen belanglosen Gegenstand nehmen, eben den "Wermsdorfer Wald".

Was reizt Sie jetzt an der Auseinandersetzung Ihrer Arbeiten mit eigens reproduzierten Ikonen wie der "Sixtina"?

Es ist weniger als Reiz als ein Clinch, ein Austausch von Schlägen zwischen berühmten Bildern, von mir aus Ikonen, und meinen Lächerlichkeiten. Die Beziehung habe ich hergestellt, indem ich die Originale reproduzieren und in den meisten Fällen vergrößern ließ. Diesen Reproduktionen habe ich dann neuen Raum gegeben und sie so auf Distanz zu meinen Bildern gesetzt. Jetzt sind die alten Meister kammermäßig in schneeweiße Passepartouts gesperrt, wie in einem Käfig isoliert. Draus entsteht eine unglaubliche Wirkung, man kann nicht dran vorbei. Sie sind so intensiv, dass meine Bilder daneben, obwohl sie weiß sind, geradezu schmutzig aussehen.

Diesen Effekt finde ich großartig, genau das wollte ich. Vielleicht bin ich auch zu weit gegangen, kann sein.

Warum betonen Sie "Lächerlichkeiten"?

Weil meine Bilder schon vom Sujet her angreifbar sind. Obendrein stehen sie meist auf dem Kopf. Taugt das was? Da bestimmen Publikum und Markt gerne mit. In diesem Abhängigkeiten, bei aller Freiheit, befindet man sich. Ich habe mich mein Leben lang dagegen gewehrt, erfolgreich. Anfangs bin ich rausgeflogen, Schicksal. Aber ein angenehmes Schicksal! Meine Biografie ist voll mit diesen Widerständen, die ich glücklicherweise umsegelt habe. Deshalb kann ich es mir leisten, lächerliche Bilder zu machen. Was ich nicht mag, ist Pathos. Im 19. Jahrhundert war es ja Hauptanliegen der Gesellschaft. Das finde ich widerlich, egal ob in der Malerei oder in der Musik. Reduzieren auf das Einfachste, weg vom Pomp - ich glaube, dann wird augenfällig, was Kunst meint.

Ab Samstag sind zwei der wichtigsten deutschen Maler, Sie und Gerhard Richter, in Dresden mit Sonderausstellungen präsent. Ist diese Nähe für Sie von Bedeutung?

Es ist einfach so, dass Richter ebenso wie ich aus dem Umkreis von Dresden kommt. Ich bin zwar jünger, war aber viel früher im Westen als er. Darüber hinaus ist Richter ein Düsseldorfer, also ein französisch-amerikanischer Künstler, und ich ein Berliner, also ein russisch-polnisch-ostdeutscher Künstler, das macht große Unterschiede. Wir machen ganz verschiedene Sachen und jeder kann sich freuen, dass sie so verschieden sind.

Mit Richter (und Anselm Kiefer) verbindet Sie auch ein weiteres Künstlerporträt in den Kinos, ein Film über Sie. Ein geeignetes Medium für bildende Kunst?

Überhaupt nicht. Ich trau diesem Medium gar nicht, habe aber die Arbeit von Evelyn Schels gern unterstützt. Dabei ist ein wunderbarer Film herausgekommen. Der zeigt eine Seite von mir, die nix mit Kunst zu tun hat, die Leute werden es lieben. Das ist genau so eingetreten, denn das Publikum schaut gern mal hinter die Kulissen.

1993 arbeiteten Sie erstmals an einer Oper, "Punch und Judy" von Harrison Birtwistle in Amsterdam, jetzt Sie in Chemnitz mit "Le Grand Macabre" von György Ligeti beschäftigt. Warum machen Sie sich im Theater so rar?

Damals habe ich das Bühnenbild gemacht und auch an der Choreografie mitgearbeitet, weil das Team mich darum gebeten hatte. Da sind riesige Puppen entstanden, um die Figuren mehrfach zu doppeln. Entscheidend für meine Zusage war, dass "Punch und Judy" aus den 60er Jahren datiert, also derselben Zeit wie meine "Helden".

Einen ähnlichen Bezug gibt es in Chemnitz. Ingrid Mössinger, die Generaldirektorin der Kunstsammlungen, hatte mich gefragt, ob ich was für das dortige Theater machen würde. Man sei da sehr aufgeschlossen für Neues. Also habe ich mich für Ligeti entschieden, weil ich dessen gesamte Musik großartig finde. Das Problem ist nur, dass ein Theater vom Maler erwartet, dass er etwas malt. Kommt nicht in Frage, ich habe für die vier Bilder dieser Oper ganz schlichte Räume geschaffen. Wer das sieht, wird vielleicht fragen, was hat das mit Baselitz zu tun? Das finde ich völlig in Ordnung. Ich möchte auf keinen Fall ein Bild von mir im Theater sehen.

Die Weltuntergangsstimmung von Breughelland werden Sie also nicht visualisieren?

Das ist ja ein bekannter Stoff, Weltuntergang. Bei Ligeti ist das ganz was anderes, da ist das Märchen, Revue, Satire, Groteske, einfach Theater. Und zwar fantastisches Theater! Wenn Sie nur die Musik hören, klingt das manchmal ganz traurig. Auf der Bühne ist das ganz anders, da ist das alles mit Leben gefüllt.

Wann wird es einen Baselitz in der Semperoper geben?

Ich hab da überhaupt keinen Ehrgeiz, mir ist das eher lästig. Warum? Weil mich so eine Arbeit aus dem Atelier reißt. Aber genau dort ist mein Platz, im Atelier kann ich machen, was ich will, da bin ich unabhängig von Applaus.

Ich würde es sicher ablehnen, weil ich denke, Dresden spielt das gar nicht, was ich machen möchte. Hier habe ich zwei, drei Sachen von Henze gesehen, doch dessen Zeit ist hier vorbei, nicht? Was die Zukunft betrifft - Lyon ist nicht Dresden. Gut, ich schließe nichts aus, aber ich würde mich auf keinen Fall aufdrängen.

i"Le Grand Macabre", Premiere 28.9., 19.30 Uhr, Oper Chemnitz

Kunstsammlungen Chemnitz: Georg Baselitz "Aus der Sammlung", bis 31. Dezember

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.09.2013

Michael Ernst

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