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Regional Max Raabes Werdegang zum Gentleman
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12:10 19.02.2018
Max Raabe ist gleich doppelt mit seinem Palastorchester im Dresdner Kulturpalast zu erleben. Quelle: Foto: Michael Kappeler, dpa
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Dresden

Natürlich nimmt Max Raabe sein Publikum auch in seinem neuen Programm „Der perfekte Moment… wird heut verpennt“ wieder mit auf eine wunderbare Zeitreise in die stilvolle Vergangenheit. Damals, als Jeans noch verpönt waren, die Gesellschaft den fein aufblitzenden Humor der Zwischentöne schätzte und die Herren den Damen nicht nur beim Abgang von der Bühne galant den Vortritt zu lassen wussten. Und so sitzt denn auch sein Frack perfekt, ist das Haar wohl gegelt: Denn der 55-jährige Schellack-Bariton hat mit seiner Erscheinung eine Kunstfigur geschaffen, die längst für die Schlager und Chansons der 20er und 30er Jahre steht, für einen zeitlosen Musikmix aus heiter-melancholischer Absurdität, den der Sänger mit seinem Palast Orchester neu belebt hat. Kaum zu glauben, dass dieser Herr auch in Jeans durchs Leben läuft oder gar einmal die Fassung verliert … Vor seinen Konzerten mit dem Palastorchester in Dresden traf Christoph Forsthoff den verhaltenen Mann, der bis heute ohne Handy lebt.

Frage: Wie erwirbt man sich auf einem westfälischen Bauernhof eine aristokratische Ausstrahlung wie die Ihrige?

Max Raabe: Sie hätten uns mal sonntags in die Kirche gehen sehen sollen! Nur weil man auf einem Bauernhof aufwächst, heißt das ja nicht, dass alle die ganze Zeit in der Nase bohren und sich nicht zu benehmen wissen – das ist ja ein komisches Vorurteil…

…was ich keineswegs bedienen wollte – ich habe großen Respekt vor Landwirten.

Meine Eltern haben immer auf Selbstverständlichkeiten geachtet: Dass man aufsteht, wenn man Leute begrüßt, dass man die Tür aufhält, dass man guckt, ob man irgendwo mit anfassen kann und erst anfängt zu essen, wenn alle etwas haben und auch den Tisch erst wieder verlässt, wenn alle aufgegessen haben oder auch, dass während des Essens keine Musik oder kein Fernseher lief. Und meine Onkels und Opas sind sonntags immer mit Krawatte und Anzug und Weste zum Mittag oder zum Nachmittagstee erschienen: Das war nie übertrieben, aber immer ganz selbstverständlich, dass man sich ordentlich an den Tisch setzt und wenn man abends weggeht, sich auch ordentlich in Schale wirft.

Und das hat bei dem Neffen und Enkel einen solch tiefen Eindruck hinterlassen, dass Sie auch schon diesen Stil gepflegt haben, bevor Sie als Max Raabe aufgetreten sind?

Zu Hause bin ich ganz normal mit Cordhose, schon auch mal mit Sakko herumgelaufen, aber selbstverständlich nicht mit Krawatte. Doch wenn abends etwas war, habe ich auch eine Krawatte umgebunden. Und als ich dann in die Stadt gezogen bin, habe ich diesen Stil noch ein bisschen verfeinert: Das Einstecktuch etwa ist erst hinzugekommen, als ich nach Berlin gegangen bin.

Was ist der Vorteil eines Einstecktuches?

Natürlich ist es nichts weiter als eine eitle, überflüssige Attitüde – eine der komischen modischen Schrullen, die sich jeder irgendwie leistet. Man kann gut darauf verzichten. Der Vorteil ist: Wenn Ihnen jetzt ein Missgeschick passierte, dann könnte ich Ihnen mit einem Handgriff sofort ein Taschentuch reichen …

…das nicht aus der Hosentasche kommt…

…und wo man die fürchterlichste Vorgeschichte vermuten könnte. Sondern es ist an einer sichtbaren, sauberen Stelle da, wo es sofort zur Verfügung steht, wenn der Frau, mit der man abends weggeht ein Missgeschick passiert, wenn ihre Tusche verrutscht oder gar Tränen fließen – der Rührung, wohlgemerkt: Dann kann ich ihr dieses Taschentuch reichen und sie nimmt es dann mit nach Hause. Und bei passender Gelegenheit bekomme ich es – wenn sie wirklich eine Dame ist – dann gewaschen und gebügelt zurück.

Angesichts Ihres offenbar schon früh ausgeprägten Sinns für Stil und Benimm erstaunt es ja, dass Sie seinerzeit kurz vor dem Abitur von der Schule geflogen sind…

Obwohl man eine Krawatte trägt, kann man ja ein ziemlicher Chaot sein (lacht). Ich hatte miserable Zensuren in Mathe und in Griechisch und konnte mir aussuchen, wo ich eine Nachprüfung mache – doch da ich nicht fleißig genug war und stattdessen lieber durch die Welt gereist bin, wurde ich dann des Instituts verwiesen. Die Quittung dafür ist, dass ich heute singen und im Unterhaltungsgeschäft arbeiten muss. Hätte ich mal aufgepasst…

Vor 30 Jahren haben Sie mit Kommilitonen das Palastorchester gegründet – gab es da schon Überlegungen, diese Idee über mehr als drei Jahrzehnte fortzuführen?

Im Leben haben wir nicht daran gedacht! Allerdings plane ich grundsätzlich nicht weit voraus – ich könnte Ihnen heute nicht sagen, wie lange ich das noch vorhabe zu machen. Natürlich ist das Jahr in seinen groben Zügen geplant, aber das heißt nichts: Ich lebe von Konzert zu Konzert und von Probe zu Probe.

Drei Jahrzehnte mit dem Palastorchester auf der Bühne sind eine lange Zeit – doch Sie selbst sagen, Sie würden sich immer noch wie ein 17-Jähriger fühlen. Hat man als 17-Jähriger Angst vor dem Alter?

Das ist noch zu früh – ich bin 55, da muss ich mir noch keine Gedanken um das Alter machen. Es bringt doch nichts, die Zeit zu beweinen, die einem davon läuft: Wir sind gesund und müssen nicht fürchten, dass man auf uns schießt, wir brauchen keinen Rollstuhl und haben alle Freiheiten. Genau in diesem Moment steht uns die ganze Welt zur Verfügung, denn wir haben alles, was wir brauchen, um glücklich werden zu können.

Ein Glück, das bei Ihnen sicher vollendete Umgangsformen beinhalten würde – gibt es eigentlich etwas, das Sie nicht im Griff haben, einmal abgesehen von gelegentlichen Ausflügen auf dem Surfbrett?

Seinen wahrhaftigen Charakter lernt man ja erst als Autofahrer im Berufsverkehr kennen – und da habe natürlich auch ich meine Unbeherrschtheiten (lacht)... Da erweitert sich mein Vokabelschatz enorm und man merkt erst einmal, wie aufmerksam man doch dazu lernt, ohne diese Ausdrücke eigentlich in seinem aktiven Wortschatz zu wähnen.

Würden Sie denn nicht auch auf der Bühne gern einmal ausbrechen und die Emotionen laufen lassen?

Einen ersten Ansatz dazu gab es ja schon mit dem Stück „Kein Schwein ruft mich an“, als ich dachte: Ich stelle mich jetzt im Frack auf die Bühne und singe dann mit dieser Haltung und Eleganz Kraftausdrücke wie Schwein und Sau – das hatten zuvor selbst ein Udo Lindenberg oder Punkbands nicht zu bringen gewagt. Das war sozusagen mein Ausraster…

Manches in Ihrem Auftreten wirkt wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten – und doch mögen Sie das Wort Nostalgie nicht.

Das Wort Nostalgie an sich ist ja sehr schön, nur wird es gern verwendet mit dem Beigeschmack „Früher war alles besser“ und „Die gute alte Zeit“ – und dann finde ich es unpassend für das, was ich mache. Denn es war weiß Gott nicht alles besser, und es ist auch nicht die gute alte Zeit: Das will ich eben alles nicht damit verstanden wissen.

17.2./20 Uhr, 18.2./18 Uhr Kulturpalast

Von Christoph Forsthoff

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