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Maskuliner Proletensieg bei „Endstation Sehnsucht“

Zittauer Hauptmann-Theater Maskuliner Proletensieg bei „Endstation Sehnsucht“

Das Zittauer Hauptmann-Theater wagte sich erstmals an das Standardwerk des amerikanischen Realismus: Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“ feierte Premiere, der in Berlin lebende Holländer Ivar Thomas van Urk liefert das Familiendrama – 70 Jahre nach der Uraufführung am Broadway.

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Blanche (Kerstin Slawek) verliert in der Nacht, in der sie Tante wird, den Zweikampf mit Schwager Stanley (David Pawlak) – und die Solidarität ihrer Schwester.

Quelle: Foto: Pawel Sosnowski

Dresden. Als die Görlitzer Stadtväter anno 1946 wahrlich mutig ihrem Theater den Namen Gerhart Hauptmann gaben, dessen Leichnam just von den Russen per Sonderzug von Agnetendorf gen Stralsund und weiter zum Zweitwohnsitz Hiddensee zwecks großem Begräbnis transferiert wurde, schrieben sie den Theatermachern einen Auftrag ins Stammbuch: jährlich einen Hauptmann auf die Bühne zu bringen.

Davon hat man sich aber schon lange mehr als faktisch distanziert, zumal das Görlitzer Theater als reiner Musiktempel seinen großen Namen in der Phase zwischen den beiden Fusionen mit Zittau (also von 1988 bis 2011) neißeaufwärts ins Dreiländereck abgab. So gab es im dritten Jahrtausend bislang nur drei – künstlerisch allesamt sehr geglückte – Versuche, dem Erbe doch noch zu huldigen: „Bahnwärter Thiel“ in Görlitz, „Die schwarze Maske“ als Gastspiel aus Jelenia Góra und „Die Winterballade“ in Zittau – letzteres pünktlich zum Theatertreffen 2012, das dort vor Ort unter dem Credo des ersten deutschen Realismusgroßmeisters stand.

Nun, ab Januar 2017, sind die Werke Hauptmanns zwar urheberrechtlich frei, aber bislang keine wirklichen Versuche einer Hauptmann-Renaissance erkennbar – und zwar in ganz Sachsen. Das mag am Druck der Kassenquote liegen, denn der Bildungskanonbürger ist nirgends mehr in der Überzahl, nicht einmal mehr in abopflichtigen Kommentarspalten der Leit(d?)medien.

Das Zittauer Hauptmann-Theater wagte sich nun erstmals an das Standardwerk des amerikanischen Realismus: Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“ feierte Premiere, der in Berlin lebende Holländer Ivar Thomas van Urk liefert das Familiendrama – 70 Jahre nach der Uraufführung am Broadway. Es führt – noch mit Winterkulisse großer, nett beleuchteter Schneehaufen vorm Theater – in die schwüle Hitze von New Orleans, wo Stella und Stanley Kowalski sich einem leidlich glücklichen Proletenleben mit viel Arbeit und Alk sowie harten Kumpanen und ebensolchem Sex ergeben.

Stan, laut Stella der einzige mit Potenzial für mehr, ist klarer Chef im Haus und auch der seines Poker- wie Bowlingquartetts. Seine Untermieter im kleinen Vorstadthaus an der Straßenbahnendhaltestelle namens Sehnsucht, die Williams einst wirklich vor Ort entdeckte – Eunice und Steve Hubbel, stilecht karg von Sabine Krug und Tilo Werner gegeben –, sind ebenso schlicht in Anspruch wie Alltagsleben.

Nun schneit plötzlich Stellas ältere Schwester Blanche DuBois herein, hocheitler wie -gebildeter Südstaatenadel, die in ihrer eigenen Traumwelt lebt, sich für unwiderstehlich hält, aber ihren Landsitz und ihren Job als Lehrerin verlor, weil sie sich ab und an mal ein schnelles Affärchen gönnt, was man mit eigenen Schülern nicht machen sollte. Sie verkennt die Zeichen der Zeit ganz und gar und verklärt sich die Welt, wie es ihr gefällt. Nun hofft sie wohl – mehr oder weniger unter Vortäuschung eines Kurzbesuches – auf einen Neuanfang bei Schwester und Schwager, vermasselt aber mangels Eigen- und Fremdreflektion und ausdauerndem Lügen alles. Auch die zarte Bande zum sensiblen Mitch, sehr schön zerrissen wie befangen gespielt von Klaus Beyer, wird dadurch zerstört.

Die Nacht der Zerstörung

Über der Begegnung schwebt schier vorhersehbar die Eskalation, denn den Zweikampf mit Stanley, dem polnischstämmigen Kraftbolzen, der ab und an mal im Suff echt gewalttätig wird, kann sie nicht gewinnen. In der Nacht, wo Blanche Tante wird, vergewaltigt sie der selige Vater, also der Schwager, in einer Anwandlung von Strafe. Doch, so die Freudsche Pointe von Williams: Pack schlägt sich und verträgt sich – und die Ursache der Unruhe muss ganz klar weg...

Van Urk, der Zittau vor anderthalb Jahren einen äußerst respektablen „Nathan“ bescherte, inszeniert das gekonnt stilecht: Die Hoffnungslosigkeit wird auf über zweieinhalb Stunden ausgewalzt, Lichtblicke gibt es nur kurz vor der Pause in der rührenden Szene der Annäherung zwischen Blanche und Mitch sowie in der liebevollen Geduld der jüngeren Schwester, sehr genau und differenziert gespielt von Martha Pohla, die erst zum Schluss schwindet. Die Hauptlast liegt aber auf Kerstin Slawek und David Thomas Pawlak, die sich als Antipoden immer wieder belauern und ganz und gar nichts schenken. Sie spielen das mit vollem Einsatz – man erfährt nur nicht genau, worauf eigentlich ihre Arroganz und seine Brutalität beruhen.

Das Bühnenbild von Udo Herbster, der schon bei „Alois Nebel“ hier vor einem knappen Jahr auf Schrägheit setzte, zeigt die Kowalski-Wohnung als dunklen, großen, aber nach außen offenen Raum, in dem weit verstreut Bett, Tisch und Bad stehen. Das widerspricht der ursprünglichen, textlich angelegten Enge und macht das Geschehen noch trostloser und unerklärbarer. Das Grundproblem liegt aber woanders und ist nicht grenzlandspezifisch: Die stets immanente Frage, was das Geschehen da vorn mit einem selbst zu tun haben soll (als Crux des Realismus), dürfte den Großteil des Publikums nur peripher tangieren.

Perspektivwechsel hätte gut getan

Lüge, Suff, Prügel und Missbrauch ist heuer weder Privileg der Unterschicht, noch gibt es hierzulande ein solidarisches Proletariat, das in Zeiten maximal ausdifferenzierter Freizeitgestaltung vom Saal heraus irgendwelche Bezugspunkte zur Bühne hätte. Und sich allein über die Schablone von vermeintlich Minderbemittelten, die in der Freizeit bowlen oder pokern, moralisch zu erheben, reißt in noch schlimmer als bei Williams gebeutelten Umwelten keinen aus seinem Plüschsessel.

Es werden keine wirklichen Stränge zum Stückkontext gelegt: Dem industriellen Aufschwung nach dem gewonnenen Weltkrieg, einhergehend mit dem schleichenden Niedergang der ländlichen Gutsherren, auch der angelegte Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie bleibt doch recht unterbelichtet. Vielleicht hätte ein Perspektivwechsel gut getan, um die globale Verrohung und Verbildung des Abendlandes, die gar offiziell „Leichte Sprache“ erfordert und rechten wie linken Populismus erst ermöglicht.

Wenn man es dann noch, wie das Original, konsequent in den Südstaaten verortet, käme man – ohne jede Dampfhammeraktualisierung – vielleicht einem Erklärungsmuster für jüngere und wie kommende Wahlergebnisse und deren absehbare Folgen und damit gesellschaftlicher Relevanz näher. Falls das Zittauer Publikum – die gefeierte Premiere war nur zu rund zwei Dritteln gefüllt – sich nicht so recht erwärmt, so bleibt der Trost, dass es Williams und Artgenossen nicht nur im Hauptmann-Revier, sondern in ganz Sachsen recht schwer haben.

nächste Vorstellungen in Zittau am 25., 26. & 28. Februar sowie 15. & 25. März

Premiere in Görlitz am 28. April

www.g-h-t.de

Von Andreas Herrmann

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