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Regional Martin Roth gestorben
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10:49 07.08.2017
Noch im Mai war Martin Roth auf der Biennale in Venedig, auch als Gast einer Party des Deutschen Pavillons.  Quelle: picture alliance/Felix Hörhage/dpa
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Dresden

Dass er sich treu blieb, wunderte nicht. Noch im Mai war Martin Roth nicht nur als Gast auf der Biennale in Venedig, er arbeitete: als Kurator für den Pavillon Aserbaidschans. Es trug ihm Kritik ein: Darf man für ein autoritäres Regime tätig sein?

Diese Frage erinnert an ein Szenario, das schon ein paar Jahre zurückliegt: an die Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ im Nationalmuseum in Peking, eröffnet im April 2011. Die damalige Schau war maßgeblich gefördert worden vom Auswärtigen Amt und spielte dementsprechend eine wichtige Rolle im bilateralen Austausch von Deutschland und China. Organisiert worden war sie von der Trias der größten deutschen staatlichen Museumsverbünde: Berlin, München und Dresden. Und Martin Roth, als Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), galt als eine der maßgeblich treibenden Kräfte, dass diese Ausstellung zustande kam.

Kurz vor ihrer Eröffnung war bekannt geworden, dass die chinesische Seite dem Sinologen und Autor Tilman Spengler die Einreise verweigert hatte. Das führte naturgemäß zu entsprechend kritischen Kommentaren. Die bezogen sich aber plötzlich nicht mehr auf das Vorgehen der Chinesen gegen Spengler, sondern auf die gesamte Ausstellung. Auch damals kam eine ähnliche Frage auf: Arbeitet man für die chinesische Führung, wenn man mit ihr arbeitet? Darauf hatte Roth einen Satz parat, den er zur Eröffnung einzuflechten wusste: „Aufklärung ist ein bis heute andauerndes Experiment.“

Wenige Wochen später wurde öffentlich, dass Roth sein Generaldirektoren-Amt in Dresden aufgeben würde. Er hatte eine Anfrage erhalten, die einfach nicht abschlägig beantwortet werden konnte. Roth ging nach London, an das dortige Victoria and Albert Museum. Zuvor ließ er im Interview noch einmal seine Freude am Disput aufblitzen, auch und gerade mit Blick auf die „Kunst der Aufklärung“-Ausstellung: „Es ist ja nicht so, dass ich nicht polarisiert hätte. Auch beim Thema China habe ich die Debatte gesucht. Ohne Debatte kriegen sie nichts im Leben angestoßen. Man muss nicht immer Recht haben, aber ohne Debatte passiert nichts. Und wenn man das anzettelt, muss man das aushalten.“

„Wenn ich es jetzt nicht mache, dann nie“

Ausgehalten hat er das. Ebenso die ach so typischen Dresdner Fragen, warum er denn nach London gehe, sprich das Elbtal verlasse. Roth wusste um die Bedeutung Dresdens und seiner Kunstsammlungen. Er wusste sicher genauso gut, dass Sachsens Landeshauptstadt aber auch ein Ort muffiger Provinz sein konnte (wie ihm vor allem so manche Auseinandersetzung mit politischen Mandatsträgern vor Augen führte).

Gegen dieses Provinzielle hilft Weltläufigkeit. Also dockte Roth mit seinen Plänen für die SKD an nicht weniger an als am Globalen. Und man darf, ob nun neidvoll oder doch besser neidlos, hinzufügen: Er hatte Erfolg damit. Und führte die Dresdner Ausstellungen damit wieder in einen Aufmerksamkeitskosmos, den sie zweifellos verdienen.

Als Roth von Dresden nach London wechselte, gab es etliche bedauernde Stimmen (es gab auch die anderen, aber denen sei hier einfach kein Platz eingeräumt). Besonders in Erinnerung geblieben ist ein Kompliment von Klaus Vogel, dem Direktor des Hygiene-Museums, der Roth als „so etwas wie den inoffiziellen Außenminister unseres Kulturstaates Sachsen“ bezeichnete. Und damit vielleicht am treffendsten die Bedeutung dieses Mannes beschrieb. Was auch daran liegt, wie gut er Roth kannte. Denn als Vogel 1991 nach Dresden kam, um im Hygiene-Museum Ausstellungsleiter zu werden, war Roth in diesem Haus sozusagen brandneuer Direktor.

Seinen Gang nach London hatte der gebürtige Stuttgarter und dreifache Vater aber auch mit dem Willen begründet, noch einmal eine ganz neue Herausforderung anzunehmen. „Wissen Sie, manches ändert sich an einem bestimmten Punkt. Bei mir war’s vielleicht mit 48. Das war der Zeitpunkt, bis zu dem ich mir sagte: Wenn ich es jetzt nicht mache, dann später. Daraus wurde dann: Wenn ich es jetzt nicht mache, dann nie mehr“, erklärte er damals im DNN-Interview. Und fügte hinzu: „Ich hätte kein Problem, irgendwann viel kleinere Brötchen zu backen. Vielleicht wünsche ich mir das sogar.“

An seinem neuen Wirkungsort sorgte er fast nebenbei für Ausstellungen, die interessant und publikumswirksam gleichermaßen waren. David Bowie und Pink Floyd wurden ebenso Gegenstand gefeierter Ausstellungen wie das weite Feld des Designs. Darüber hinaus aber blieb er immer ein äußerst wacher Beobachter und Kommentator der deutschen Kulturlandschaft, ließ sich zum Beispiel über das Kulturgutschutzgesetz aus oder kritisierte das Berliner Humboldt-Forum.

Nach fünf Jahren an der Spitze des Victoria and Albert Museums folgte 2016 etwas, das Roth bald danach als Hauptgrund für seinen Abgang aus London nannte: das Brexit-Votum. Nach der Entscheidung der Mehrheit des britischen Wahlvolkes, die EU zu verlassen, zeigte sich Roth darüber bitter enttäuscht. Damit werde die Arbeit von Generation zerstört, schrieb er den Briten ins Stammbuch.

Sein Weggang aus London blieb aber ambivalent. War es wirklich nur der Brexit, der ihn ziehen ließ? Roth war zu einem Ehrenamt berufen worden, zum neuen Präsidenten des Instituts für Auslandsbeziehungen in Stuttgart. Damit war er wieder stärker dem Politischen zugewandt – eine Teilaufgabe, die er zumindest in London kaum hat wahrnehmen können.

Wie er diese und mögliche andere Rollen noch ausgefüllt hätte, wird nun nicht mehr zu erleben sein. Gestern kam die Nachricht, dass Martin Roth nach schwerer Krankheit am Sonntagmorgen in Berlin gestorben ist. Er wurde 62 Jahre alt.

„Wir verlieren einen tollen Menschen“

Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD) zeigte sich noch am Abend erschüttert. „Wir verlieren einen tollen Menschen, hervorragenden Kulturmanager und erfolgreichen Museumsdirektor. Er war ein so offener, ehrlicher und agiler Mensch, der immer gestalten und verbessern wollte und sich nie mit den Dingen zufrieden gab. Der Freistaat Sachsen wird den einstigen Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen als den Mann in Erinnerung behalten, der der Kunst neuen Raum gegeben hat – so mit der von ihm geleiteten Sanierung des Albertinums und der Galerie Neue Meister. Er hat die Museen neu erblühen lassen. Sachsen wird ihm auf ewig dankbar sein, dass er während der Flutkatastrophe 2002 geistesgegenwärtig die Rettung der wertvollen Gemälde und Skulpturen organisierte. Mein Mitgefühl und Beileid gilt der Familie von Martin Roth. Ich werde ihn als wahren Freund in Erinnerung behalten.“

Von Torsten Klaus

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