Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Martin Mosebach mit seinem Roman "Blutbuchenfest" im Kultur-Haus Loschwitz

Possenhaft und rabenschwarz Martin Mosebach mit seinem Roman "Blutbuchenfest" im Kultur-Haus Loschwitz

"Das Blutbuchenfest", der jüngste Roman von Martin Mosebach, ist ein Buch äußerster Gegensätze. Es enthalte viel Groteskes, Absurdes, ja Possenhaftes, erläuterte der Büchner-Preisträger jetzt bei seiner Lesung im vollbesetzten Kultur-Haus Loschwitz.

Voriger Artikel
Feature-Ring im Dreivierteltakt: Die Strottern in Hellerau
Nächster Artikel
Michael Hering wird Sammlungsdirektor in München

Martin Mosebach: Das Blutbuchenfest. dtv. 456 S., 12,90 Euro

Quelle: Cover

Dresden. Er versteht seine Texte ausdrucksstark vorzutragen. Wie viel Ironie zunächst darin steckt, war nicht zu überhören. "Dann aber färbt es sich allmählich ein; bis es zum Schluss rabenschwarz wird."

Der 1951 in Frankfurt am Main geborene Autor lässt Widersprüche aufeinandertreffen, die seinem Roman immense innere Spannung verleihen. "Es ist ein über weite Strecken komisches, zugleich pessimistisches Buch", meint er.

Zwei verschiedene soziale Welten berühren sich: Da ist zum einen die der reichen Immobilienmakler, Banker, der kulturellen Elite in einer westdeutschen Großstadt; zum andern die von Menschen in Bosnien in ihren archaisch anmutenden Lebensumständen. Wie lassen sich solch heterogene Elemente miteinander verbinden?, hat sich Martin Mosebach gefragt. Und verbinden meint für ihn, nicht einfach nebeneinander zu stellen - "nicht nur einen Zopf zu flechten, sondern zu einer Amalgamierung zu kommen".

Überzeugend gelungen ist ihm das mit der zentralen Figur des Buches, der Putzfrau Ivana, einer kroatischen Bosnierin. Die kommt in die Wohnungen der großen Figuren und bekommt beim Hantieren mit Lappen und Staubsauger tiefe Einblicke in Ehen und Betrügereien.

Ihr zur Seite gestellt hat der Autor einen Kunsthistoriker, den Ich-Erzähler. Eine jener "verkrachten Existenzen", die viel mit etwas zu tun haben, was Mosebach selbst in seinem Leben einst drohend vor sich stehen sah: Als er lustlos Jura studierte und beinahe durch das erste Examen gefallen wäre. Ein Selbstporträt ist das natürlich keineswegs, gespeist aus eigener Erfahrung aber wohl.

Das Buch führt uns mit zurück in die Zeit unmittelbar vor dem Zerfall Jugoslawiens in einem blutigen Bürgerkrieg Anfang der 1990er Jahre. Eine der Hauptfiguren, Sascha Wereschnikow, will sich dem Unabänderlichen mit einem internationalen Kongress über die Würde entgegenstemmen. Ein hilfloser Aktionismus europäischer Intellektueller, der einem mit Blick auf die Gegenwart bekannt vorkommt.

Diese Welt stellte Mosebach mit der Lesung des fünften Kapitels vor. Das beschreibt ein Business-Lunch, bei dem Wereschnikow einen reichen Sponsor anzuzapfen versucht. Damit bot Mosebach eine Kostprobe seiner großartigen Erzählkunst. Er beschreibt äußerst genau, zeichnet mit fein ätzendem Strich, dabei stets auf charakteristische Details fokussiert, und dies in einer formvollendeten Sprache. Da fließt das Erzählen und trägt einen als Leser oder Zuhörer.

Mit dem 25. Kapitel versetzte er uns in diese völlig andere Welt eines bosnischen Dorfes. Ein fröhlicher Anlass, der aber die schlimmste Wendung nimmt: Während der Hochzeit von Bruder Mirko wird Ivanas Baby von einem Leiterwagen überrollt. Es ist eines jener emotionalen Wechselbäder, das einen als Leser erstarren lässt. Der Autor gestaltet das fein differenzierte und tief berührende Porträt einer Frau in der Beziehung zu ihrem Kind; einer Frau, die wir "einfach" zu nennen geneigt sind, womit wir es uns, wie uns der Text demonstriert, zu einfach machen. "Sie sah ihr Leben als Kampf und war gerüstet, daß sich nach und nach jede erdenkliche böse Überraschung einstellen werde, die sich aus der unheilvollen Verbindung von Schicksal und Zufall ergab." Auf solch gekonnt unaufdringliche Weise berühren sich individuelles Schicksal und blutige Geschichte in diesem Buch.

Der Text zeigt uns - vor allem in seinen bildhaften Vergleichen, die auf Antike, Bibel oder Historie zurückgreifen - einen Erzähler von klassischer Bildung. Wie er denn im Gespräch auch häufig Goethe zitiert, namentlich, wenn es um die Arbeit des Schriftstellers geht. Etwa bei der unvermeidlichen Frage danach, was selbst erlebt, was frei gestaltet sei. Ausgedacht, so viel verrät er, sei sehr weniges. Diese "Tagesreste", Elemente der Wirklichkeit indes setzen sich im Schreiben anders zusammen: "Dies ist ein mit offenen Augen geträumtes Buch."

Tomas Gärtner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr