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Regional Marinella Senatore ist Dresdens neue Stipendiatin der Stiftung Kunst und Musik
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12:14 09.09.2017
Marinella Senatore  Quelle: Stephanie Berger
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Dresden

 Dieser stahlgraue Keil stört einfach. Wie ein Stachel schiebt er sich mit seinen 14 700 Tonnen Stahl, Glas und Beton aus dem neobarocken Arsenalbau und fügt ihm so eine gewaltige Wunde zu, auch symbolisch. Er macht sofort klar: In diesem Bundeswehrmuseum werden Konventionen gebrochen. Hier werden keine chronologischen Daten angesammelt, sondern der Besucher muss sich der Geschichte stellen – der deutschen Geschichte und vielleicht auch sich selbst, seinem ganz eigenen Aggressionspotential.

Sie hat Tränen in den Augen. Sie steht sprachlos hoch oben auf der Spitze des spektakulären Keils des Militärhistorischen Museums und findet erst nach und nach wieder Worte. Marinella Senatore – die neue Stipendiatin der Stiftung Kunst und Musik für Dresden. Sie weiß viel über die Frauenkirche, die Semperoper, die Alten Meister, doch über den verhängnisvollen Februar 1945? Sie wusste davon, doch es waren nur Fakten. Jetzt hört sie hier oben auf der Plattform im vierten Stock von der Bombardierung der Stadt, in der sie für sechs Monate leben und arbeiten wird. Und sie erschrickt.

Der Keil hier trifft sie sofort. Er weist mit seiner Spitze zur Elbe hin, auf das am jenseitigen Flussufer gelegene Stadion in Ostragehege. Über dem hatte in der Nacht des 13. Februar 1945 ein Masterbomber der Royal Air Force den Scheitelpunkt jenes Areals markiert, der zur Zerstörung vorgesehen war. Zigtausende Menschen fanden in dieser Nacht den Tod. Davon erfährt Mariella Senatore und ist tief berührt: „Dieses Militärhistorische Museum ist ein echtes Juwel“, sagt sie und begründet es: „Es greift emotional an. Das ist genau die richtige Botschaft. Nur so kann man die Menschen erreichen. Mit aufbereitetem Wissen und mit Emotionen.“

Die kleine, lebhafte Frau, die von der Geschichte Dresdens so emotional berührt ist, ist die neue Stipendiatin der Stiftung Kunst und Musik für Dresden. Sie ist bekannt für ihre Performance im öffentlichen Raum – ob in Zürich, Paris, Stockholm oder London. Die Italienerin Marinella Senatore  arbeitet mit den Medien Fotografie, Zeichnung, Video, Installation und Klang. Sie bricht mit der klassischen Trennung von Künstler und Betrachter und untergräbt so die traditionelle Hierarchie zwischen dem Künstler als Autor einerseits und dem Publikum als passivem Rezipienten andererseits. Ihre Projekte, die oft in Zusammenarbeit mit Museen und Universitäten entstehen, beziehen stattdessen ganze Gemeinschaften in ihre kreative Arbeit mit ein.

Für großes Aufsehen zum Beispiel sorgten ihre Interaktionen mit Rappern in Harlem, sizilianischen Minenarbeiter im Ruhestand oder zweihundert Einwohnern der Lower East Side in New York. Mit Laien wie diesen erschafft sie dann Paraden, Opern oder Radiosendungen. Marinella Senatore erklärt den Grund für ihre Arbeitsweise: „Ich interessiere mich sehr für soziale Strukturen. Wie Menschen zusammen leben, zusammen arbeiten. Man könnte auch sagen, wie sich Individuen in einem Orchester sich zurechtfinden. Ich bin auch Musikerin, vielleicht interessieren mich deshalb die orchestralen Strukturen besonders.“

Dabei gehe es ihr nicht um das orchestrale Zusammenspiel, sondern auch darum, Begriffe wie Öffentlichkeit und soziale Verantwortung zu hinterfragen, alternative Formen des Erzählens zu finden. „Wenn wir durch unser aller Handeln ein kollektives Gedächtnis ermöglichen, wenn wir eine gemeinsame positive Erinnerung in uns tragen, dann habe ich meinen Auftrag erfüllt“, sagt sie weiter.

Genau das habe auch die Fachjury bewogen in ihrer Entscheidung für die 1977 in Cava de’Tirreni geborene und in Paris lebende Künstlerin. „Marinella Senatore ist für uns und für unsere Stadt ein absoluter Gewinn“, meint Martina de Maizière, Vorstand der Stiftung Kunst und Musik für Dresden und weiter: „Sie greift in den öffentlichen Raum ein, bringt Menschen zusammen, die sich vorher nicht gekannt haben, und arbeitet mit ihnen. Allein schon wenn sie ihre länderumspannende ‚School of Narrative Dance‘ hier fortsetzt, dann wäre das großartig. Sie stellt mit ihrer Performance wichtige provokative Fragen. Das ist es, was wir uns als Stiftung gewünscht haben.“

„The School of Narrative Dance“, 2013 entstanden, ist ein typisches Werk der 40-Jährigen. Auch hier versteht sie Kunst wieder als einen Akt des sozialen Engagements. Ihre mobile, kostenlose Schule verfolgt ein Erziehungssystem, das auf Emanzipation, Einbeziehung und Selbsttraining basiert und deren Ziele Bildung, das Austauschen von Fähigkeiten und Nachhaltigkeit sind. Marinella Senatore legt den Fokus auf das Erzählen und bedient sich dabei eines breiten Spektrums an Ausdrucksformen wie Tanz, Film, Performance, Dichtung und Oral History.

Die international agierende Künstlerin hat für Dresden noch keine Idee, diese besondere Schule aber könnte für die Barockstadt mit ihren schwierigen Montagsspaziergängen gut passen, meint sie und sagt: „Ich habe schon viel darüber gehört. Und natürlich bin ich darüber besorgt. Aber wissen Sie, ich sehe das nicht als ein spezielles Dresdner Problem, sondern ich registriere die nationalistisch populistischen Tendenzen überall – in der ganzen Welt. Ich glaube, dass man davor keine Angst haben muss, dass man sich dem stellen muss.“ Ruhig, leise, klar und besonnen. Das sagt sie auch noch.

Auch deshalb hat die Jury sich für die Italienerin entschieden. Weil sie eben kein Bild malen, keine Skulptur schaffen wird, sondern weil sie den Dialog mit den Dresdnern suchen will. Martina de Maizière erinnert an das Busmonument von Manaf Halbouni auf dem Neumarkt und erzählt von den „schmerzlichen Auseinandersetzungen“ zwischen den verschiedensten Gruppen in der Stadt und auch von den guten Erfahrungen mit den Gesprächsformaten, die es im Anschluss darauf gegeben habe. „Wir müssen diesen Weg weitergehen“, sagt sie und auch: „Wir können jetzt nicht sagen, wir machen irgendwelche Rückschritte. Wir wollen weiterhin ernsthaft versuchen, auch die Menschen für zeitgenössische Kunst aufzuschließen, die man bislang nicht erreicht.“ Das sei eine wichtige Aufgabe, eine, der sich Marinella Senatore bewusst stellen werde.

Die Italienerin freut sich jedenfalls riesig auf ihre Zeit in Dresden, auch über die Überraschungen, die hier auf sie warten, wie den stahlgrauen Keil im Militärhistorischen Museum. Solchen Ideengebern spürt sie nach, vielleicht auch für eine Performance inmitten der Stadt. Schon jetzt hat sie sich mit Gleichgesinnten im GEH8 Kunstraum getroffen, dort, wo sie auch ihr Atelier hat. Und auch mit dem Militärhistorischen Museum hat sie sich schon verabredet. Die Musikerin und Performerin wird mit ihren künstlerischen Positionen für ein anderes Bild aus Dresden sorgen. Soviel ist schon heute sicher. Auch deshalb hat sie dieses wichtige internationale Stipendium erhalten.

Von Adina Rieckmann

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