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Regional Marcio Abreus „Preto“ kommt nach Dresden
Nachrichten Kultur Regional Marcio Abreus „Preto“ kommt nach Dresden
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11:24 25.01.2018
„Vergiss nie, wer und was du bist!“; und warum – das sind zentrale Sätze im „Preto“-Text. Die Aufführung kommt ins Festspielhaus Hellerau.  Quelle: Nana Moraes
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Dresden

 „Unerzählte Geschichte“ ist immer zu entdecken, wenn Theatermacher aus Brasilien sich mit der statistischen Mehrheit der Bevölkerung im eigenen Land beschäftigen – also den Erben der Sklavenhaltergesellschaft. Die aus dem alten Europa einfallenden Kolonisatoren unterjochten ja vielerlei Volk: eingekaufte Sklaven aus Westafrika wie zuvor schon indigene Völker. Auch deshalb hat das Bild all dessen, was heute „preto“ ist, also „schwarz“, so viele Facetten, Schattierungen ohne Ende. Der Regisseur Marcio Abreu, dessen „Companhia Brasileira do Teatro“ im südbrasilianischen Curitiba zu Hause ist, bringt nun „Preto“, die neue Produktion, nach Deutschland. Und das ist eine Art Heimkehr – denn Vorstufen des Probenprozesses waren schon im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm zu sehen und im Festspielhaus Hellerau, wo Dieter Jaenicke die Jahre der eigenen Intendanz ja immer wieder mit künstlerischen Blicken auf Brasilien würzte, die zweite Heimat des scheidenden Chefs.

Abreu zeigt, wie ein Bild entsteht. Und die Farbe dieses Bildes: Schwarz. Was ist das eigentlich?

Vor allem ein Klischee – uns, die wir zuschauen, ist die Entscheidung vorbehalten. Das Theater gibt nur die Steilvorlagen, speziell im Finale: Nadja Naira zitiert für ihr Solo sämtliche Kitsch-Phantasien herbei, die handelsüblich und marktgängig sind, wenn von schwarzen Frauen, schwarzer Schönheit und schwarzer Kultur die Rede ist; und eben nicht nur in Brasilien. Und dann zerstört sie diese Bilder, mit großer Lust und mit Ansage: posiert lasziv und lässt den Körper einfrieren; kündigt Sambatanz an und Gesang, um all das ganz und gar nicht zu liefern. Prompt werfen Zitat und Verweigerung doppelt scharfes Schlaglicht auf die falschen Bilder in unseren Köpfen.

Marcio Abreu Quelle: Michael Laages

Das Unrecht solcher Bilder spiegelt nicht nur in Brasiliens unerzählter Geschichte Diskriminierung und Massaker. Und auch darum lädt Marcio Abreu „Preto“ auf mit ganz viel Selbstbefragung – was wissen wir, und worüber? Kurz nach Beginn schon stellt sich Renata Sorrah, die prominenteste, theater-, film- und fernseherfahrene Mitstreiterin im Ensemble der „Companhia Brasileira do Teatro“, den Fragen ihres jungen Ensemble-Kollegen Felipe Soares; Schwarz befragt Weiß, und die Schauspielerin wehrt sich (im Spiel) massiv gegen das, was sich wie die Verletzung ihrer Privatsphäre anzuhören scheint, vor allem aber weiße Herrschaftshaltungen untergräbt. Genau darum geht es: „Vergiss nie, wer und was du bist!“ und warum – das sind zentrale Sätze im „Preto“-Text.

Für die Schauspielerin Sorrah hatte diese bewusst-seinsstiftende Strategie in Abreus Stück schon bei den Residenzen in Deutschland besondere Bedeutung gewonnen – denn sie hat enge Beziehungen zur jüdisch-deutschen Geschichte; die private Familien-Saga der Schauspielerin wurzelt in Berlin, die Flucht von dort nach Brasilien rettete viele ihrer Verwandten vor dem Tod im Holoaust.

Weiß und Schwarz bleiben am „Preto“-Abend ständig in Bewegung, mit- und verstrickt ineinander, Renata Sorrah zum Beispiel in einer sehr erotischen Begegnung mit der Ko-Autorin Grace Passó, Felipe Soares im Duo mit Rodrigo Bolzan – diese beiden verfallen plötzlich in eine Choreographie, die sich ihrerseits völlig überraschend vom Tanz zum Kampf wandelt. Generell ist Abreus Spielstruktur voll von vollkommen überraschenden Wendungen, die Szenenfolge entwickelt sich ziemlich unvorhersehbar.

Der Regisseur hat großen Wert gelegt auf die Begegnungen mit fremden Kulturen, die ihm die Residenzen ermöglicht haben – in Deutschland boten Frankfurt und Dresden Heimat auf Zeit, Arbeitsorte gab es aber auch in Holland und Frankreich. Aufenthalte in Rio de Janeiro und Belo Horizonte, Curitiba und Santos, Sao Jose do Rio Preto und Araraquara markieren das dichte brasilianische Arbeitsnetz. Meist ist die SESC-Organisation Partner und Gastgeber, für Abreu und viele andere Theatermacher ohne festes Produktionshaus – der „Servico Social de Comercio“, ein System kultureller und sozialer Service-Häuser der brasilianischen Handelskammer, ist seit 70 Jahren der wichtigste Ort der Kulturvermittlung in Brasilien.

An allen Residenz-Stationen war jeweils schon ein kleines Stück entstanden, als Vorarbeit für die gut 100 Theaterminuten jetzt. Gespräche mit dem jeweiligen Publikum waren existenziell, reichlich Material fiel weg nach diesen Debatten – auch das ist politisch, meint Marcio Abreu. Und überlebenswichtig gerade jetzt in Brasilien: Immer neue Wellen aus Hass und Rassismus überschwemmen das Land, überspülen alle Grenzen halbwegs zivilisierten Umgangs miteinander. „Wir sind verloren“, sagt Marcio Abreu, gerade die Fratze des offenen Rassismus zeigt sich ungeschminkt wie lange nicht mehr. In den Medien. Auf der Straße.

„Preto“ markiert darum gerade jetzt auch weit mehr als nur die Grenze zwischen Volksgruppen; „schwarz“ ist das Muster sozialer Ausgrenzung. „Negro“ hat ähnliche Bedeutung; parallel zu Abreus „Preto“-Premiere in Sao Paulo hängte der Theatermacher und DJ Eugenio Lima gerade ein riesiges Plakat an die Betonwand eines Hochhauses und fragte darauf: „ONDE SAO OS NEGROS?“ – „Wo sind die Schwarzen?“

Im Brasilien des aktuellen Neo-Rassismus jedenfalls, meint Marcio Abreu markieren die Fragen und Antworten um „Pretos“ und „Pretas“, „Negros“ und „Negras“ vor allem die massive Bedrohung, die die alte Elite empfindet, die weiße Oligarchie – deren Herrschaft zusehends verfällt; schon weil sie keine Mehrheit mehr repräsentiert. Nur die des Geldes – das und die alten Privilegien verteidigt die weiße Klasse mit Zähnen und Klauen; und mit Gewalt.

Ein Kampf der Kulturen hat begonnen; er wird geführt auch und vorzugsweise gegen Künstlerinnen und Künstler, fast immer in Attacken voll falscher Moral. Gerade in den sogenannten „sozialen“ Netzen – hier wird geliked und gehasst ohne Rücksicht auf Verluste; „Ignoranz als Waffe“ sieht Marcio Abreu neuerdings im Einsatz: „Und darauf haben wir bislang keine Antwort.“ Was tun? Abreu ist aufgewachsen in Zeiten der Militärdiktatur, die ja erst 1985 zu Ende ging; er sieht und spürt heute deutlich die Echos dieser Zeit. Er erinnert daran, dass zum Erbe der Militärdiktatur auch die Werbe-Lüge von der „democracia das racas“ gehört, der Demokratie, die sich um die Unterschiede der Rassen und Ethnien angeblich nicht schert.

Die gab’s wohl nie.

„Preto“ von Marcio Abreu und der „Companhia Brasileira do Teatro“, 26. und 27.1., jeweils 20 Uhr, im Festspielhaus Hellerau. Portugiesisch mit deutschen Übertiteln. Publikumsgespräch am 27.1. im Anschluss an die Vorstellung

Von Michael Laages

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