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Regional Marc-Uwe Kling liest in Dresden aus „Quality Land“
Nachrichten Kultur Regional Marc-Uwe Kling liest in Dresden aus „Quality Land“
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11:51 27.09.2017
Marc-Uwe Kling Quelle: Andre Kempner (Archiv)
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Dresden

Gewohnt unauffällig, schlaksig und mit seinem Markenzeichen, der Baskenmütze, behütet, nimmt Marc-Uwe Kling am Montagabend auf der Bühne des Kulturpalastes Platz. Der eigentliche Blickfang ist sein Sidekick „Boris the Beast“. Der derb aussehende Gitarrist ist wohl der erste Metaller, der im neuen Kulturpalast aufspielt. Der restlos ausverkaufte Saal macht deutlich: Kling als selbsternannter Kleinkünstler spielt längst in der Liga der Großen mit. „Gerade heute, gerade hier habe ich Boris aus Sicherheitsgründen mitgebracht“, spielt der Autor auf das sächsische Ergebnis der Bundestagswahl an und erntet dafür ersten Beifall.

In seinem, wie sich später herausstellen wird, nicht ganz vom Känguru befreitem Roman „Quality Land“ erzählt der 1982 geborene Kling mit zahlreichen präzise gesetzten und mit typisch trockenem Humor gespickten Pointen vom Alltag der Hauptfigur Peter Arbeitsloser in einem durchautomatisierten Land. Nach einer Jahrhundert-Wirtschaftskrise beschließt die Marketing-Agentur „www-weltweite Werbung“, das Land als Ausweg der Krise einfach in Quality Land umzubenennen, statt eine wirkliche Problemlösung anzustreben.

Der Versandgigant von Qualitiy Land, „The Shop“, ist bereits ins Gehirn der Bewohner vorgedrungen und erfüllt Konsumwünsche schon, bevor man sich dessen bewusst wird. Bezahlt wird mit dem „Quality Pad“. Statt Kreditkartennummer drückt man einen Kuss auf die Webpräsenz des Unternehmens und übermittelt so die Zahlung. Jeder menschliche Bewohner bekommt zudem einen Androiden als persönliche Assistenz zur Seite gestellt, der über einen Chip im Ohr wie ein Blutegel mit „seinem“ Menschen verbunden ist. Viele im Publikum schüttelt es bei dieser Vorstellung.

Dann spielt der Metaller Boris das Jingle zum ersten „Werbeblock“, die zwischen den von Kling gelesenen Kapiteln des Buches erscheinen. Je nach Weltanschauung können Interessierte „Quality Land“ in einer weißen oder schwarzen Ausgabe erwerben, die sich im Inhalt unterscheiden. „Schwarz für Leute, die bei Facebook Pegida geliked haben, weiß für Menschen, die Facebooks Seite bei Facebook liken“, witzelt der gebürtige Stuttgarter.

Dann erzählt der mehrfach ausgezeichnete Kling, wie sich Peter Arbeitsloser und seine Freundin Sandra als Teil der weichgespülten Gesellschaft aufmachen, „Hitler: Das Musical“ zu sehen, in dem besungen wird, was der Diktator für ein guter Mensch gewesen wäre, hätte er keine Gräueltaten begangen – und der Autor kann zeigen, was er als Stimmenimitator drauf hat. Leider verlässt ihn Sandra daraufhin, weil sie ein höheres gesellschaftliches Level erreicht hat und von der Dating-Plattorm „Rate Me“, deren Name an Cobains Song „Rape Me“ angelehnt ist, neu verkuppelt wird. Peters Level sinkt, das bedeutet in Quality Land auch, dass ihn selbstfahrende Autos nun eher überfahren würden oder die Polizei seinen Mord weniger ernst nehmen würde. Damit überspitzt Kling aktuelle Tendenzen einiger Gruppierungen, Menschen unterschiedlichen gesellschaftlichen Wert zuzumessen. Alles übernimmt in Quality Land die Technik. Social Bots pflegen online den Kontakt zu Freunden und E-Poeten schreiben Romane nach Algorithmen, die erkennen, was der Mensch lesen will. Kreativität ist in Quality Land nur noch ein mathematischer Ausdruck. Alles wird filmisch mit Virtual Reality-Brillen festgehalten, die aktuell gerade in unserem Alltag angekommen sind. In Quality Land kann jeder in 3D seine eigene Geburt miterleben. „Erinnerungen sind gnädig, Technik ist gnadenlos“, schließt das Kapitel.

Hauptfigur Peter hat eine Schrottpresse, mit der er kaputte Maschinen und die fast menschlichen Androiden zerquetschen muss, wenn sie Fehler haben, denn das Konsumschutzgesetz erlaubt keine Reparaturen. Doch Peter hat Mitleid. Deshalb rettet er sie in seinen Keller. Zusammen mit einem Rechtsanwalt, der ein Gewissen entwickelt hat und daraufhin berufsunfähig wurde, lässt Kling ein Känguru in Form eines rosafarbenen „Quality Pads“ reinkarnieren, das auf Grund eines unbekannten Fehlers dem Kapitalismus abgeschworen hatte und seinen Besitzer mit nasaler Stimme und frechen Bemerkungen nervte, so dass er es entsorgte. Das bringt Kling und seinen Metall-Gitarristen Boris dazu, zum Ende einen Lobgesang auf den „Unbekannten Fehler“ anzustimmen, das einzig Unberechenbare und damit Menschliche, das in der durchautomatisierten Welt von Quality Land geblieben ist.

Kling will an diesem Abend nicht nur in die Zukunft blicken, sondern gibt auf Grund „der Angst machenden aktuellen Entwicklungen“ bekannt, dass er die Hälfte seiner Tour-Gage für wohltätige Zwecke spenden will. Das Publikum darf abstimmen, welche Projekte, die sich für den Klimaschutz, Flüchtlingshilfe oder gegen Rechts einsetzen, das Geld bekommen.

Tomke Giedigkeit

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