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Regional Malte Kreuzfeld bringt „Meister und Margarita“ auf die Chemnitzer Schauspielbühne
Nachrichten Kultur Regional Malte Kreuzfeld bringt „Meister und Margarita“ auf die Chemnitzer Schauspielbühne
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18:43 19.03.2018
Feurig: die Chemnitzer „Meister und Margarita“-Inszenierung mit Jan Gerrit Brüggemann (Voland), Ulrike Euen (Margarita) und Andreas Manz-Kozár (Meister, v.l.) Quelle: Dieter Wuschanski
Dresden

Der Höllenfürst kommt, mit kleinem Gefolge wieder einmal auf die irdische Welt, um seinen Ball zu feiern – oder jenen seltsamen Menschen aufzusuchen, der nach dem Vorbild eines Wanderpredigers Gut und Böse in einem Reich der Freiheit und Wahrheit versöhnen will. „Der Meister und Margarita“, ein Jahrhundert-, nein Jahrtausendbuch, aufgeschrieben von Michail Bulgakow im Moskau der Stalinzeit.

Seit 1985 ist gibt es nun die mindestens vierte Inszenierung des Romans in Sachsen, jeweils in einer eigenen Fassung. Nach Bernd Rump (Schicht-Theater Dresden), Heinz Czechowski (1988 Leipzig) Felicitas Zürcher (2012 Dresden) nun also die des Regisseurs Malte Kreutzfeldt am Chemnitzer Schauspiel. Sie zeichnet sich jedenfalls dadurch aus, dass sie am stärksten der Schwarzen Magie huldigt und die Geschichte des russischen Faust der Sowjetzeit frei von lokalem oder gar folkloristischem Kolorit, aber sehr wohl im Sinne von Goethes Aufforderung erzählt: „Drum schonet mir an diesem Tag Prospekte nicht und nicht Maschinen. Gebraucht das groß’ und kleine Himmelslicht…“

Nikolaus Porz übersetzt das auf seiner Bühne in ein gelegentlich überbordendes Vielerlei an Licht-, Pyro- und Videotechnik, lässt aber anfangs nur den Blutmond eindrucksvoll in gefährliche Nähe rücken. Ehe sich Voland in den Streit zweier Literaten einmischt, in den Streit, ob Jesus Christus – wie auch immer er historisch und politisch zu bewerten sei – überhaupt existiert habe. Quasi gleichzeitig findet das Verhör oder Gespräch des Pontius Pilatus mit dem der Volksverhetzung bezichtigten Jeschua statt, protokolliert von einem Sekretär beziehungsweise dem Meister, der an seinem Roman schreibt und damit nicht zuletzt die Aufzeichnungen des Levi Matthäus korrigieren wird. Freilich ist nicht die Zeit deutlich zu machen, wie sich dabei die Einsicht des Pilatus entwickeln wird und zugleich seine Feigheit, daraus Konsequenzen zu ziehen.

Denn ein Kopf muss rollen möglichst schnell, der des Literaturzeitschriftchefredakteurs Berlioz. Die Prophezeiung schwirrt schon vielfach durch den Raum, während Voland den Streithähnen seine Zigaretten anbietet. Jan Gerrit Brüggemann gibt den angeblichen Professor zunächst als einen dieser modernen Magier, ein bisschen eitel und schmierig, schlecht gelaunt wohl angesichts der farblosen Gestalten, mit denen er sich da auseinandersetzen muss. Er hält die Zeit an, lässt Berlioz (Christian Ruth) rückwärts laufen und sogar sprechen, doch der kann die Chance nicht nutzen, Anja hat schon das Sonnenblumenöl verschüttet, auf dem er ausgleiten wird, um unter der Straßenbahn zu enden. Freilich, je effektvoller die Tricks, desto mehr verkürzen sich die Dialoge auch hier zu Anekdoten und Bonmots, aufkommende Eindringlichkeit wird buchstäblich gesprengt durch letztlich billige Effekte. Selbst die Kreuzigungsszene wird kitschig eingefärbt durch die Schnulze von der Caprisonne. Pilatus, den Bulgakow allerdings von der Insel träumen lässt, hätte der Song vielleicht gar nicht gefallen, aber der Meister mochte ja auch nur Margarita und nicht ihre gelben Blumen.

Wer den Roman nicht wenigstens ein bisschen kennt, wird es erst einmal nicht leicht haben, in dem Ganzen einen Sinn, eine Absicht zu erkennen. Eine Geschichte in groben Zügen lässt sich dagegen gut verfolgen, denn Kreutzfeldt hat für eine klare Struktur der Abläufe an abstrahierten Schauplätzen gesorgt. Im Umfeld von Jerusalem sowieso, wo die herrlich klare Schilderung Bulgakows zum Tragen kommt. Voland schaut da gern vorbei, nistet sich ansonsten ein in Berlioz’ Wohnung: mit dem eilfertig geschwätzigen Kater Behemoth (Susanne Stein, auch Pilatus), dem schießwütigen Dämon Azazzello (Philipp von Schön-Angerer), der schrillen geschwänzten Gella (Maria Schubert) und dem im Wiener Dialekt nicht verbürgte Ratschläge erteilenden Korowjew (Stefan Schweninger). Hier findet gewissermaßen alles statt, was unter Gesellschaftssatire zu Wucher, Geldgier, faulem Fisch etc. zu verbuchen ist, und zwar in einem recht zeitgenössischen Sinne. Des Berlioz abgetrennter ungläubiger Kopf ist irgendwie immer dabei, aber Anspielungen auf längst vergangene „sozialistische“ Verhältnisse sind weitgehend ausgespart.

In der Psychiatrie immerhin, wo alle landen, die dem Teufel oder gefährlichen Gedanken zu nahe gekommen sind, leistet man sich ein Zitat. „Niemand hat die Absicht, Sie für verrückt zu erklären“, versichert Dr. Strawinski (Wolfgang Adam), ansonsten eine Art Freud-Karikatur, in überliefertem Tonfall dem Dichter Besdomny. Der war bei seiner vergeblichen Verfolgung des Magiers aufgegriffen worden, nur mit eine Unterhose bekleidet, und erzählt nun wirres Zeug von ungebetenen Gästen, die der Zauberei mächtig und am Tod des Literaten schuldig seien. Ehe er in der Schizophrenie versinkt, wird ihm der Meister erscheinen, der sich nach dem allgemeinen Verriss seines noch nicht einmal veröffentlichten Romans hierher geflüchtet hat, was sich wiederum als eine sehr gegenwartsnahe Anspielung verstehen lässt. Und schließlich auch Margarita, eine große, starke Frau (Ulrike Euen), die leider kaum Zeit hat, ihre unvergleichliche Liebe und Treue zum Meister glaubhaft zu machen, ehe sie sich mit zunehmender Überzeugung, aber wenig plausibler Körpersprache in eine Hexe verwandelt, um der Einladung des Höllenfürsten zu folgen.

Nachdem das wuselnde, grell, phantastisch und bunt schillernde Getriebe einer Weltstadt auf eine Folge von Provinzanekdoten reduziert erschien, versenkt sich Kreutzfeldt nun teilweise geradezu wortgetreu in das mystisch-philosophische Finale des Romans. Jeschua hat über Levi Matthäus ausrichten lassen, der Meister habe nicht Licht, sondern Ruhe verdient, und so sei in seinem Reich nicht der rechte Platz für das Paar, sondern eher an einem Ort, zu dem nur der Herr der Finsternis Zugang hat. Auf dem Weg dahin üben sie Barmherzigkeit, um eine Kindsmörderin wie den Pilatus von höllischer Qual zu befreien. Dass sie gemeinsam auf ihr ewiges Haus zufliegen und sie es glücklich und verdient erreichen, unterscheidet sie von Heinrich und Margarete oder Philemon und Baucis, und das hat nun nichts mehr mit Satire zu tun. Aber die kosmische Versöhnung findet statt, während die Erde im Chaos versinkt und Atompilze aufsteigen, von denen Bulgakow, bei dem das Leben in Moskau seinen bald annähernd gewohnten Gang weitergeht, noch nichts wissen konnte.

Das am Ende leicht reduzierte Publikum war recht begeistert von einer so engagierten wie professionellen Ensembleleistung.

nächste Termine: 24. März, 5., 14. & 20. April

www..heater-chemnitz.de

Von Tomas Petzold

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