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Malerei von Turner, Monet und Twombly in der Staatsgalerie Stuttgart

Malerei von Turner, Monet und Twombly in der Staatsgalerie Stuttgart

Eine ganz außergewöhnliche Zusammenschau von Malerei präsentiert die Staatsgalerie in Stuttgart. Es handelt sich um drei bedeutende Künstler, deren Spätwerk im Fokus der Betrachtung steht.

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Joseph Mallord William Turner: "Friede - Bestattung zur See", ausgestellt 1842, Öl auf Leinwand.Repro: © Tate, London 2011

Das Besondere daran ist, dass sie völlig unterschiedlichen Epochen der Kunstgeschichte zugeordnet werden müssen. Und auf den ersten Blick wird auch das Trennende augenscheinlich. Beim genaueren Hinsehen muss man jedoch konstatieren, dass sie in irgendeiner Weise aufeinander bezogen werden können. In dieser Ausstellung wird gleichsam die Zeitvorstellung radikal infrage gestellt. Und Malerei lässt sich eben auch unabhängig von Epochen und Traditionen betrachten, wenn man das Sichtbare verinnerlicht. Mithin werden keine stilgeschichtlichen Fragen erörtert, sondern in der Verknüpfung dieser drei Maler aus verschiedenen Epochen eine Art Ganzheitsvision offenbart. Man dringt förmlich zu einer Quelle vor, aus der alles hervorbricht, überwältigt von dem Natürlichen und Elementaren. Und schließlich kann man bei allen diesen Malern von Gestaltungsakten sprechen, die ursprünglich sind und gewissermaßen aus dem Chaos der ersten Schöpfungsstunde kommen.

Da wäre zuerst der früheste Maler dieser drei zu nennen: der englische Romantiker William Turner (1775-1851). Diese erste große Lichtgestalt der Romantik, der alle Hemmnisse seiner Zeit abstreift und etwas gänzlich Neues, noch nie Dagewesenes in vielfältigsten Visionen ans Licht bringt. Über seine vermeintliche Modernität wurde viel gestritten, doch heute ist man sich wohl darüber einig geworden, dass Turner zu den kühnsten Erneuerern in der Kunst zählt. Das grandiose Experimentieren mit Licht und Farbe und die Vorwegnahme der informellen Malerei. Ein Vorläufer des Impressionismus und des Tachismus, wenn man so will. Nichts Pedantisches in seinem Spätwerk: Apotheosen romantischer Phantasie gigantischen Ausmaßes, Formulieren wie in der Dichtung des englischen Romantikers Shelley, voller Melancholie und Ekstasen.

An die "Grenzenlosigkeit und Härte der Natur" bei Turner (die Bilder "Raue See", "Schatten und Dunkelheit", "Licht und Farbe" aus der Tate Gallery) knüpft offenbar der französische Maler Claude Monet (1840-1926) ganz unmittelbar an: die virtuos gesteigerten Naturvisionen mit sturmgepeitschter See bei Turner und die rätselhaften und geradezu verwirrenden Lichterscheinungen in den Bildern Claude Moneets. Die Vorherrschaft des Lichts bei Monet, das scheinbar alles auflöst. Die Transparenz des dünnen Farbauftrags, das Trügerische, wodurch alles ins Ungewisse geführt wird, ins Unbestimmte. All das hat wohl seine Wurzeln bei Turner. Sein Eindruck auf Maler des Kontinents war ungeheuer groß. Und Monet hat ihn wohl verstanden, wenn man Bilder wie "Das Meer bei Fécamp" von 1881 (Staatsgalerie Stuttgart) oder die "Felsen von Bellelle" von 1886 (Musée d'Orsay, Paris) sieht. Monets "Kathedrale von Rouen" von 1894 (Basel) und das "Portal im Frühnebel" von 1894 (Essen) haben die gleiche Konsistenz wie die Venedig-Bilder Turners von 1840 bis 1845. Auch von den Seerosenbildern Monets, die er in Giverny malt und mit denen er sein Werk beschließt, geht eine ungeheure Faszination aus, die weit über den Impressionismus hinausweist. Ihre befreiende Wirkung bis hin zur Moderne ist oft hervorgehoben worden.

Verblüffende Antworten auf Turner und auf Monet findet der dritte Maler, den Stuttgart gleichfalls mit seinem Späwerk präsentiert: Cy Twombly (1928-2011). Twombly ist Amerikaner und gehört wie Rauschenberg, Pollock, Newman zu den Avantgardisten der amerikanischen Kunst. Es ist eine imaginäre Welt, auf die er blickt. In seinem Schaffen hat er sich bemüht, Brücken nach Europa zu schlagen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass er bei Turner und bei Monet anknüpft. Als Schauplatz und Kulisse, wie man sagen könnte, greift er mit seinem expressiven Abstraktionismus, dem er in Amerika zuzuordnen ist, jene Lebenszeichen der Malerei eines Turner und eines Monet wieder auf, die für ihn dramatische Beispiele für seine poetische Transformation gefühlsmäßiger Assoziationen darstellen. Sein Hinüberwandern vom Gegenständlichen zur Abstraktion orientiert sich im Rhythmus und in den Formbeziehungen am reifen Malstil eines Turner und Monet. Auf gänzlich unorthodoxe Weise fördert diese Stuttgarter Ausstellung mit ihren ungewöhnlichen Bildbegegnungen die Entwicklung neuer Formen der Wahrnehmung.

Gert Claußnitzer

bis 28. Mai, Staatsgalerie Stuttgart, Katalog 29,90 Euro

www.staatsgalerie.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.05.2012

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