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Mahler im Kulturpalast

Saisoneröffnung der Dresdner Philharmonie Mahler im Kulturpalast

Mit Gustav Mahlers 8. Sinfonie Es-Dur, der so genannten Sinfonie der Tausend, eröffnete die Dresdner Philharmonie am Freitag ihre 147. Spielzeit – es ist die erste vollständige Saison des Orchesters im neuen Saal des Kulturpalastes Dresden. Und es gab noch eine Premiere: Zum ersten Mal erklang in diesem Konzert auch die Eule-Orgel, der eine eigene Weihe am 8. September gewidmet ist.

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Die Gesangssolisten auf der Empore (v.l.): Gerhild Romberger, Janina Baechle, Ailish Tynan, Christine Brewer, Stephan Genz, Brandon Jovanovich und Ain Anger.

Quelle: Jörg Simanowski

Dresden. Es musste diese Sinfonie sein – das war eigentlich jedem Musikfreund klar, der die Wiedereröffnung des Kulturpalastes herbeisehnte. Gustav Mahlers 8. Sinfonie Es-Dur strahlt eine gigantomanische Festlichkeit, gar Maßlosigkeit aus – verbal ist diesem Werk, das Genre, Besetzung und Bedeutungshorizonte mühelos sprengt, kaum beizukommen, eine akustische Überforderung und willige „Erschlagung“ ist dem einer Aufführung beiwohnenden Hörer gewiss – schade, dass es nur zwei Aufführungen gab und leider auch der Rundfunk offenbar keinerlei Interesse an diesem Ereignis zeigte, so blieb dieses außergewöhnliche Musikerlebnis am Ende doch nur (zu) wenigen vorbehalten.

Im neuen Konzertsaal im Dresdner Kulturpalast rüttelte Mahlers Monstrosität auch an Grenzen akustischer wie architektonischer Gegebenheiten, aber der Beiname „Sinfonie der Tausend“ war auch 1910 schon mehr aus PR-Sicht gedacht, wenngleich Mahler tatsächlich mehr als 1000 Mitwirkende zur Verfügung hatte. In Dresden formierten sich knapp 400 Sänger und Instrumentalisten auf der Bühne sowie auf den Emporen seitlich und oberhalb, damit entstand ein exzellent verfolgbarer Raumklang, lediglich das vokalsinfonische Fortissimo wirkt im Obertonspektrum weiterhin problematisch.

Die ersten Töne der Sinfonie gehörten Holger Gehring an der Eule-Orgel, die an diesem Freitag erstmalig im Konzert zu hören war. Gerade in diesem vokalsinfonischen Werk setzt die Orgel immer wieder harmonische Akzente, bildet Brücken und Linien aus, die – das kann man schon nach diesem ersten Eindruck feststellen – sich exzellent im Raum mit Orchester und Chören verbinden, zudem ist das Pleno, die volle Ausnutzung der Register, wirkmächtig, körperlich spürbar. Das alles dann noch in der Jubeltonart Es-Dur, mit dem zwanzigminütigen, volltönenden Pfingsthymnus am Beginn der Sinfonie – ein wahrer musikalischer Sturm entfachte sich da unter der Leitung von Chefdirigent Michael Sanderling, dem in der Interpretation vor allem eines hervorragend gelang: weit über die bloße Organisation der Kräfte und der Darstellung seiner Tempo- und Lautstärkeabsichten hinaus einen Schwung und emotionalen Schub herzustellen, der in stetiger Balance mit Klarheit und Präzision befindlich war. Diese wirklich hervorragende Interpretationshaltung ausgerechnet bei diesem komplexen Stück herzustellen und über neunzig Minuten auch in der besten Spannung, der eben, in der nicht überstrapaziert wird, aber auch keine Unterspannung entsteht, zu halten, das war die wohl intensivste Erfahrung dieses Konzertabends.

Dafür stand dem Dirigenten nicht nur sein spielfreudig-hochkonzentriertes und kompetentes Orchester zur Verfügung, sondern auch mehrere exzellente Chöre und ein Solistenensemble von Weltrang. Schon im ersten Teil hatten Christine Brewer, Ailish Tynan, Janina Baechle, Gerhild Romberger und die Herren Brandon Jovanovich, Stephan Genz und Ain Anger mit einer volltönenden, souverän die waghalsig komponierten Partien meisternden Gestaltung überzeugt – lediglich Jovanovich hatte mit dem sensiblen Einsatz seiner durchschlagenden Tenorstimme deutliche Probleme. Hingegen waren vor allem Ain Angers selbstbewusst-wärmender Pater Profundus, Ailish Tynans Partie der Una poenitentium im zweiten Teil sowie auch die von oben singende, junge US-Amerikanerin Heather Engebretson (Mater Gloriosa) Labsale wunderbarer Stimmführung – den Ausdruck zwischen zarter Liedsinfonie und stimmgewaltigem Hymnus auszugleichen, muss ein Sänger in diesem Werk ja erst einmal hinbekommen.

Dies unterstützte Michael Sanderling mit einem Ruhe ausstrahlenden, aber stets Puls und Ausdruck fördernden Dirigat. Den einleitenden Pfingsthymnus gestaltete er mitreißend, kompakt und mit großem Drang zum Schlussakkord, nach dem erst einmal die eigene Atemtätigkeit zu überprüfen war. Die Chöre übernehmen in der gesamten Sinfonie tragende Aufgaben, es war eine nur fantastisch zu nennende Gesamtleistung von MDR-Chor, Staatsopernchor Dresden (Einstudierung Jörn Hinnerk Andresen) und den Philharmonischen Chören (Einstudierung Gunter Berger), stellvertretend sei das überaus frische „Er überwächst uns schon“ und die präzis deklamierte „Waldung“ aus dem zweiten Teil genannt. Die Wandlung vom Geisterhaften, Naturgeborgenen – mit einem in der Dramatik des scheinbar nur Hingestellten, Unbedeutenden wahnsinnig spannenden Orchesterstücks zu Beginn des zweiten Teils – bis hin zum final erreichten „Retterblick“ war etwas Besonderes. Sanderling stattete die Faust-Musik mit einem wunderbaren Bogen aus, so dass der abschließende, eher irdisch-zuversichtlich denn entrückt dargebotene Chorus Mysticus, nicht wie oft gern zelebriert, abgetrennt als Epilog wirkte, sondern als zwingendes, transzendentes Tor zwischen Anfang und Ende, Leben und Tod funktionierte. Damit kam diese Aufführung möglicherweise Mahlers Intention eines Lobpreises des schöpfenden, schaffenden Menschengedankens näher, als man über diese Sinfonie lange diskutieren und analysieren mag – die Töne sind stärker und sie breiteten sich im Kulturpalast in wundervoller Weise aus.

Von Alexander Keuk

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