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Regional Magazin „Plasma“ ist in zwei Universen daheim
Nachrichten Kultur Regional Magazin „Plasma“ ist in zwei Universen daheim
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11:27 30.08.2018
Professionell in Szene gesetzt: das jüngste „Plasma“-Heft. Quelle: Nora Heinisch
Dresden

Plasma ist ein großartiges Wort. Der Explosivlaut gibt ihm etwas sehr Dynamisches, der Klang das Exotische, das Ende ist ein offener Vokal wie eine Erwartung. Seine Bedeutung steht dem nicht nach. Gebilde oder Geschöpf heißt es und kommt aus dem Griechischen. Heute ist das Wort Plasma vor allem zu Hause in der Science Fiction. Doch Wissenschaftler wenden hier ein: Nein, Plasma ist (fast) überall. Es wird auch als vierter Aggregatzustand bezeichnet, das Universum ist voll davon – Sterne wie unsere Sonne sind Plasmen. Mit dieser kleinen Einführung soll es aber auch schon wieder sein Bewenden haben. Denn es geht nicht um eine Vorlesung über Plasmaphysik, sondern um Kunst. Und gleichzeitig weit darüber hinaus.

Am Anfang steht eine junge Frau, eine Künstlerin, die in Dresden ihr Studium beendet. Ihre Diplomarbeit, ausgestellt in den heiligen Hallen der hiesigen Kunsthochschule, unterscheidet sich kräftig von denen ihrer Jahrgangskollegen. Es ist eine Rauminstallation, besser eine Welt-Raum-Installation. Denn was dort unter dem Namen „U.S.S. Plasma 8105“ nicht nur gesehen, sondern auch betreten werden kann, gleicht dem Setting eines Science-Fiction-Filmes.

Diana Wehmeier bei ihrem Vortrag auf der TNW-Konferenz in Amsterdam Quelle: Tim Dechent

„Ich war schon immer ein Cineast“, sagt Diana Wehmeier heute. Es klingt wie eine Erklärung ihrer 2015 entstandenen Diplomarbeit, „die auch als Filmset gedacht war“, wie sie erklärt. Diese Grenzüberschreitung hat eine Vorgeschichte, die unter anderem in der Dresdner Neustadt spielt. Dort habe sie in der Auslage eines Buchladens „Die Physik der Zukunft“ gesehen, erzählt Wehmeier. In dem populärwissenschaftlichen Sachbuch beschreibt der Wissenschaftler Michio Kaku, wie die Welt bis ins Jahr 2100 aussehen wird. Dabei geht er von bereits gesicherten Sachverhalten und dem daraus resultierenden Möglichen aus. Dieses Spiel mit der Zukunft, vor allem ihre technologischen Chancen – das hat auch die 33-Jährige gebürtige Hallenserin gereizt.

Vielleicht lässt sich Wehmeiers Arbeit am treffendsten so charakterisieren: mit einer Grenzüberschreitung und den dahinter liegenden Optionen. Aus dieser Neugier heraus ist „Plasma“ entstanden – ein interplanetarisches (!) Kunst- und Wissenschaftsmagazin, das derzeit in seiner vierten Ausgabe vorliegt und mittlerweile komplett in Englisch gehalten ist (im aktuellen Heft mit einer Ausnahme: Russisch). Im kurzen Editorial schreibt Wehmeier, dass Kunst durchaus eine Inspiration für Spitzenforschung sein kann. Künstler sehen nicht nur die Dinge anders, stellen sie anders dar – sie können auch der Zukunft so manche Gestalt geben, einzig in dem sie sich auf ihr Gespür, ihre Phantasie, ihren Assoziationsreichtum verlassen. Umgekehrt gilt das natürlich auch. So hat Apple-Mitbegründer Steve Wozniak einst in einem Interview gesagt: „Ein guter Ingenieur ist wie ein Künstler. Wenn man etwas entwickelt, ist jedes Detail wie ein Pinselstrich, der genau passen muss.“ Diesen Rückgriff auf das Kreative, das Künstlern wie Forschern eigen ist, setzt Wehmeier mit ihren Mitstreitern in „Plasma“ um – und gleichzeitig in Szene.

Das Heft besticht dabei durch seine Professionalität. Grafisches Design spielt hier mehr als eine Nebenrolle, das Auge des Lesers isst mit. Jüngster Beweis: die Nominierung für den Sächsischen Designpreis in der Kategorie Kommunikationsdesign. Inhaltlich liegen dann knapp 200 (!) Seiten ausgebreitet, die Fotos von zum Teil bestechender Qualität. Spezielles Gimmick: Die aktuelle Ausgabe wird von drei unterschiedlichen Covern geziert. Und all das wie gesagt in englischer Sprache – eine internationale Klientel ansprechend und deren Erwartungen ebenso entsprechend. Denn auch wenn englische Verlautbarungen in jüngster Zeit etwas ins Gerede gekommen sind: Es ist und bleibt die internationale Verkehrssprache – in der Politik, in Wissenschaft und Kunst, nicht zuletzt in den sozialen Medien – und somit auch ein Werkzeug des Kosmopolitischen. Seit 2015 hat Wehmeier jährlich ein Heft herausgegeben, mit immer stärker ausgeprägtem internationalen Anstrich.

“Plasma“ ist aktuell für den Sächsischen Designpreis nominiert. Quelle: Nora Heinisch

International gehe das Heft (aktuelle Auflage: 20 000) auch am besten weg, erzählt die Künstlerin. Neben Berlin nennt sie New York, London und Los Angeles, wo die Nachfrage am stärksten sei. Im September wird es für das jüngste Heft in London eine Release-Party geben. „Dort ist die Community aus Science und Art sehr ausgeprägt“, sagt die Plasma-Chefin. Im Mai sprach Wehmeier auf der Konferenz The Next Web (TNW) in Amsterdam über die Verschränktheit der Sphären: darüber, dass Künstler und Filmemacher die Wissenschaftsgemeinde durchaus befeuern können, indem die sich bei ihren Forschungen von künstlerischen Inhalten via Film, Presse oder Ausstellungen inspirieren lässt .

Gerade ist Diana Wehmeier schon wieder unterwegs in eigener Sache, diesmal unter anderem an der Caltech-Privatuniversität im kalifornischen Pasadena. Auch dem berühmten MIT will sie einen Besuch abstatten – künstliche Intelligenz ist das Thema. Im aktuellen „Plasma“-Heft finden sich ähnliche und doch wieder ganz andere Geschichten – wie die Vorstellung der russischen Kunst- und Wissenschaftsstiftung Laboratoria, der Abstecher ins Moskauer Garage Museum im Gorki Park, ein Text über bionische Erweiterungen des menschlichen Körpers wie Exoskelette – oder der Blick auf künftige NASA-Projekte. Dazu kommen SF-Geschichten und – Tusch! – ein Horoskop für 2018

Hinter all dem steckt immer wieder eine Menge Arbeit. „Und die Finanzierung ist jedes Mal ein Akt“, räumt Wehmeier freimütig ein. Der Erfolg stellt sich langsam ein. Vorsichtig genug, will sie ihn gar nicht beschwören. Doch in diesem Jahr könnte erstmals noch eine weitere „Plasma“-Ausgabe dazukommen. Die Nachfrage sei groß, sagt sie. Und freut sich sichtlich darüber.

Im Blog auf der Website sind noch mehr Geschichten nachzulesen, die über das Print-Angebot hinausgehen. Ein Stück über den aktuell im Orbit arbeitenden deutschen Astronauten Alexander Gerst, zum Beispiel. Er präsentierte sich im Europäischen Astronautenzentrum in Köln, bevor er seine aktuell laufende Mission in Richtung ISS antrat. Diana Wehmeier kam ebenfalls zum Pressetermin – und hat daraus eine Story gestrickt, die auch die Ungemütlichkeiten des Raumfahrens zeigt, weil Gerst dieses Thema offenherzig ausbreitete.

Einen kleinen Exkurs in die SF-Literatur soll es an dieser Stelle aber doch noch geben. Stanislaw Lems großartiger Roman „Solaris“ endet mit dem Satz: „Ich wusste nichts, ich hegte nur den unerschütterlichen Glauben, daß die Zeit der grausamen Wunder noch nicht vorbei war.“ Es ist das von Zweifeln geprägte Fazit eines Wissenschaftlers, der wie zahlreiche Kollegen vor ihm dem Geheimnis des Exoplaneten Solaris auf den Grund gehen wollte. Des Forschers finale Hypothese: Der Planet ist eine Art Baby Gottes, das sich und seine Fähigkeiten gerade erst spielerisch ausprobiert. Solaris ist also eine Art denkender, handelnder Planet – was er dem Umstand verdankt, dass seine Oberfläche fast ausschließlich von einem Ozean aus Plasma bedeckt ist.

Da ist er also wieder, der vierte Aggregatzustand. Das gedruckte „Plasma“ gleicht ihm durchaus ein wenig. Noch machen sich eher wenige Menschen seine Existenz bewusst. Doch das kann sich ändern. Plasma ist schließlich, siehe Solaris, alles zuzutrauen.

Plasma – Interplanetary Art & Science Magazine #4, in ausgewählten Buchhandlungen (in Dresden bei „Büchers Best“ in der Neustadt), 16 Euro (oder online)

https://plasma-magazine.com

Von Torsten Klaus

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