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Lukas Bärfuss hält die 100. Dresdner Rede – als bewegende Ode an Region und Sprachfreiheit

Die beiden Enden der Sprache Lukas Bärfuss hält die 100. Dresdner Rede – als bewegende Ode an Region und Sprachfreiheit

Die gute Nachricht mag beruhigen: Die Idioten dieser Welt sind gerecht verstreut. Diese Weisheit seiner Schweizer Mutter gab Lukas Bärfuss den Dresdnern kurz vor Schluss mit auf den Weg, während die schlechte, nämlich dass all jene jeden Morgen aufstehen, leider nicht dadurch aufgewogen werden kann, dass sie abends wieder zu Bett gehen.

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Lukas Bärfuss

Quelle: Andreas Herrmann

Dresden. Die gute Nachricht mag beruhigen: Die Idioten dieser Welt sind gerecht verstreut. Diese Weisheit seiner Schweizer Mutter gab Lukas Bärfuss den Dresdnern kurz vor Schluss mit auf den Weg, während die schlechte, nämlich dass all jene jeden Morgen aufstehen, leider nicht dadurch aufgewogen werden kann, dass sie abends wieder zu Bett gehen.

Doch das war nur eine von vielen nachhaltigen Blitzen, die den Sonntagmorgen zu einem geistigen Erlebnis jener Art machten, deren nachhaltige Emphase nur Anwesende als wahrhaftig empfinden können, weil auch jeder Nacherzähler an „Das Ende der Sprache“ stoßen muss – und zwar in jedem der reichlich vom Autor gelegten Hintersinne.

Ort der Handlung: Schauspielhaus Dresden, Tatgelegenheit: die zweite Ausgabe des 26. Jahrgangs jener Dresdner Reden, die hier im Großen Haus anno 1992 mit Günter Gaus und Christoph Hein begannen – in Zeiten, als man noch annahm, der damalige Mitorganisator Bertelsmann sei Leseklub und eine Stiftung tue nur Gutes. Klammheimlich – denn keiner wies darauf hin, aber man konnte es am Dia vorn abzählen – wurde nun die 100. ihrer Art zu einem Exempel der Redefreiheit, das 66 Minuten später in einem Beifallssturm endete, der selbst dem auslösenden Dichter, heuer garantiert viel gewohnt, ein wenig unheimlich vorkam. Unter den Begeisterten auch jener Dieter Görne, der einst als Intendant an der Entstehung und Prägung der Reihe maßgeblich beteiligt war und sich heute freut, dass noch immer im Februar zur besten Sonntagsandachtszeit fast 800 Dresdner zum platonischen Lauschlaunch pilgern.

Dabei überraschte Lukas Bärfuss, Berner Oberländer des Jahrgangs 1971, in mehreren Hinsichten. Er erzählte im warmen, ergreifenden Stile eines andächtigen Märchenonkels, von denen man sich gerne in die Irre führen lassen würde, auch wenn er metaphorisch über die Notwendigkeit der Wahrheit als Grenzregion zur Lüge, die immer der täuschenden Absicht bedarf, philosophiert. Zudem bedient sich Bärfuss als Schelm der Dialektik – sowohl seiner als auch unserer. Denn die ob der Sprache belächelten Sachsen sitzen – sobald auf Reisen – im selben Boot wie die Schweizer. Außerdem verwebt er persönliche Anekdoten – ähnlich sympathisch-ironisch wie jüngst von Peter Richter erzählt – en passant mit der Urteilskraft reiner Moral, die nur Sprachakrobaten galant gelingt: So sind Fremdenfeinde sicher auch das Volk, aber nicht in der Mehrheit – nur diese zählt in der Demokratie. Noch stärker als jener gießt er das in eine fein ziselierte literarische Form, die garantiert auch alsbald gelesen funktioniert – nur halt nicht so gut wie gehört oder gesehen.

Das Phänomen Bärfuss war von Karin Großmann, satzgenaue Chefreporterin der mitveranstaltenden Sächsischen Zeitung, eingeladen und prägnant vorgestellt worden: als Autor und Dramatiker, der statt Happy End die Grenzen der Realität auslotet und dabei die Dunkelkammern des Lebens als absurd beleuchtet – ein Moralist im besten Sinne. In Dresden vor allem mit „Zwanzigtausend Seiten“ und „Der Bus“ zu erleben.

Dem wurde der Gehuldigte in allem gerecht: Er näherte sich dem Sujet, der Stadt und seinem Thema in konzentrischen Kreisen immer mehr an, gab vor, abzuschweifen und angesichts der europäischen Lage eigentlich eine Rede über Horvath und dessen „Geschichten aus dem Wiener Wald“ halten zu wollen, aber schilderte angesichts seiner eigenen Biografie die erstaunlich reichhaltigen und prägenden Begegnungen mit Dresden, Sachsen und der Lausitz: Als er ein kleiner Junge war, las er wie alle Kästner – und bewahrte davon den Untergang der Stadt als Fanal.

Dafür begegnete ihm Otfried Preußler und dessen Schwarze Mühle im Koselbruch bei Schwarzkollm. Sein Held Krabat gerät ihm – dem ebenso ausgestoßenen wie armen Kind, das in Bibliotheken rumhing, weil es warm war und so zum Kenner geriet – zum Gefährten in der Kindheit, die Lausitz irgendwie zur gefühlten Heimat, so dass er als Zwölfjähriger in Gedanken, aber als Zwanzigjähriger in echt hier war und alles erkundete – samt Zusammenbruch einer anderen Utopie. Diese Schilderung einer Jugendreise mit seinen Freunden Matz und Andi im Golf von Matzes Mutter, die über Zwickau und Fast-Noch-Karl-Marx-Stadt in die schwarze Barockzeit des Realsozialismus und an den Trümmerberg der Frauenkirche sowie letztlich zur Mühle, nach Hoyerswerda, Ostberlin und Prag führte, ist die Klammer und die eigentliche Überraschung des Morgens – einer Rede auf die Redefreiheit.

Denn neben der Bedeutung von Haseks bravem Soldaten Schwejk, dessen Schelmenweisheit ihm auch den Abschied vom Militär erleichterte, stieß der Schweizer immer wieder zwangsbeiläufig nach Dresden und damit in den gebannt lauschenden Saal zurück: Das unrühmliche Ende der Sprache ist die Gewalt. Nicht nur körperliche, sondern auch die Gewalt einzelner Worte. Ebenso Kastrationen dank Gedankenverknappung auf Schlagworte oder Parolen. Oder Postings wie Twittereien.

Die Freiheit der Sprache erhält sich allerdings nur, wenn Sätze sinnvoll aus dem Rahmen der Grammatik herausbrechen und in neue Sinnsphären gleiten können, das so genannte „Framing“ von Werbetextern oder anderen Populisten beschränkt die Vielfalt in gefährlicher Weise. Das erkannte, so schließt Bärfuss einem seiner grandiosen Kreise, schon Victor Klemperer in „LTI“ – die Verarmung der Sprache ist immer das erste Anzeichen eines aufziehenden Totalitarismus.

Somit bleibt der Kampf gegen Spracharmut moralische Autoren- wie Pazifistenpflicht – darob wartete eine erstaunlich positive wie romantische Pointe: Denn das andere Ende der Sprache, jenes jenseits der Antipode namens Gewalt, ist dass der Liebe. Auch im Kuss endet die Sprache. Und auch dieses Ende – die quasi hermeneutische Auflösung der Sprachgewalt – ist natürlich begrenzt, denn leider kann der Menschenmund immer nur eine(n) küssen – und von jenen, mit denen man im Leben die meiste Zeit verbringt, küsst man die wenigsten. Die Ahnengalerie der Dresdner Redner wurde zum Jubiläum um eine wahre Perle bereichert.

Von Andreas Herrmann

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