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Literarische Kalender als Begleiter durch das kommende Jahr

Literarische Kalender als Begleiter durch das kommende Jahr

Höchste Zeit für Leser, sich nach einem literarischen Begleiter für die kommenden zwölf Monate umzuschauen. Greifen wir drei besondere heraus aus dem Angebot an Inspirierendem für Wand oder Tisch.

Der Jahreswechsel naht.

Regionales bietet "Literarisches Dresden 2012", den Susanne Dagen, rührige Mitinhaberin des Buchhauses Loschwitz, herausgegeben hat, gemeinsam mit Karsten Heim, der die Bilder beisteuerte - von Reproduktionen historischer Stiche, Gemälde, Postkarten bis zu stimmungsvollen Farbfotos von heute. Viel Abwechslung bieten diese Wochenblätter. Nicht nur Dichter und Schriftsteller liefern Verse oder Sätze, auch Komponisten, Maler, Schauspieler, Architekten, Philosophen. Erhellende Blicke auf Stadt, auch die Umgebung - Meißen etwa.

Emotional fährt der Betrachter Achterbahn. Ganz oben umschmeichelt Balsam des Dresdners Seele, da tönt es: "Paradies für die Nordländer" und "südlicher Charakter". Dann geht's jäh hinab, man bekommt Ätznatron verabreicht. "Unbedeutendheit", "Begrenztheit", "Kleinlichkeit" höhnt es uns entgegen. Die bitterste Pille hat ausgerechnet der Dresdner Autor Uwe Tellkamp gedreht. Sein kreuzgereimtes Spottgedicht beginnt so: "Dresdner schleimen hintenrum / gerne ihren Haß. / Denunzieren gar nicht dumm, / macht doch so viel Spaß." Zur Dosis Heimatliebe der allzu gemütlichen Sorte erwerben wir hier zugleich also das Gegengift.

Den "Lyrikkalender 2012" darf man als Leistung eines wahren Herkules unter den Editoren ansehen. Jeden Tag ein Gedicht, gelesen im Deutschlandfunk - so hat der Heidelberger Lyrikspezialist Michael Braun 2006 angefangen. Von 2007 an gab's die dann als Kalender. Dazu - dies ist das Besondere - zu jedem Gedicht auf der Blattrückseite ein Kommentar. So sind Anthologien mit insgesamt mehr als 1800 Gedichten entstanden.

Dieser Kraftakt endet jetzt. 2012 erscheint die letzte Ausgabe. Als Höhepunkt, Auswahl aus den vergangenen Jahren. Ein best of deutschsprachiger Verskunst von Walther von der Vogelweide bis in Moderne und Gegenwart.

Das meiste Vergnügen im Wechsel der Tage indes dürfte uns "Der deutsche Lyrikkalender für junge Leser 2012" mit seinen 366 Gedichten bescheren. Anspruchsvolle Poesie, die aber nicht überfordert, sondern mit ihrer Wortlust akute Ansteckungsgefahr birgt. Da treffen wir auf konkrete Poesie oder Variationen über Ernst Jandl ("Katjas Katz kratzt").

Einiges - Frantz Wittkamps "Reimreise" etwa - kann man schon Kindern in den ersten Schuljahren zumuten. Unbedingt gemeinsam laut lesen! Anderes - zum Beispiel Gedichte von Hölderlin, Novalis, Stefan George oder Hugo von Hofmannsthal - dürfte eher Jugendliche ansprechen.

Die Verse reichen von den Anfängen deutschsprachiger Dichtung im Mittelalter über Barock, Klassik und Romantik, ein kleines bisschen 19. Jahrhundert bis in die Moderne, mit reichlich Ringelnatz und Morgenstern. Aber das meiste ist Gegenwartslyrik. Unter den 200 Dichtern auch einige sächsische: Kerstin Becker, Jörg Bernig und Michael Wüstefeld.

Worum es in den Gedichten geht? Um Jahreszeiten, Zeitgenossen, Landschaften, Pflanzen, Tiere, wunderliche zumeist, um Mutter und Vater und dass die sich auch mal trennen, um Kritisch-Politisches.

Über alles aber dominieren die Wortspiele. Da jongliert Peter Rühmkorf mit Konsonanten und Vokalen oder es zeigt uns Christa Wisskirchen in ihrem herrlichen "Ping-Pong-Gedicht", wie im Hin und Her der Reime unversehens ein Gedicht entsteht. So etwas lädt zum Weitermachen ein.

Diese Art Schrift können leidenschaftliche Gedichteleser verschenken, um damit Lyrikmuffel zu missionieren. Gerade wer meint: Ach Verse - versteht man nicht, kann hier auf den Geschmack kommen. Auch als Erwachsener, aber sicher. Das Deckblatt jedenfalls, wo "für junge Leser" draufsteht, verschwindet ja beim täglichen Umblättern.

Susanne Dagen / Karsten Heim (Hrsg.): Literarisches Dresden 2012.

edition Ebersbach. 22,00 Euro.

Michael Braun (Hrsg.): Lyrikkalender 2012. Für jeden Tag ein Gedicht.

Wunderhorn. 24,80 Euro.

Shafiq Naz (Hrsg.): Der deutsche Lyrikkalender für junge Leser 2012.

alhambra Publishing. 13,00 Euro.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.12.2011

Tomas Gärtner

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