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Regional Lingnerpodium: Meinungsgräben müssen kein Unglück sein
Nachrichten Kultur Regional Lingnerpodium: Meinungsgräben müssen kein Unglück sein
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16:24 22.02.2019
Das Lingnerpodium zum Thema „Wenn ein Riss durch die Gesellschaft geht…“ brachte v.l. Politik-Beraterin und Unternehmerin Antje Hermenau, Buchhändlerin Susanne Dagen, die Publizisten Frank Richter und Hans-Peter Lühr sowie Kunstwissenschaftler Paul Kaiser an einen Tisch. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Auf der einen Seite die Loschwitzer Buchhändlerin Susanne Dagen und die Politikerin Antje Hermenau, nun Geschäftsführerin der Freien Wähler Sachsen, auf der anderen der Publizist Hans-Peter Lühr, bis 2016 Geschäftsführer des Dresdner Geschichtsvereins, und der Kunstwissenschaftler Paul Kaiser - der „Riss durch die Gesellschaft“, um den es beim Podium im Dresdner Lingnerschloss gehen sollte, bildete sich bereits in der Sitzordnung ab. Nur, dass zwischen den Kontrahenten Frank Richter als erfahrener Moderator Platz genommen hatte, darauf bedacht, die Gegensätze zur Sprache zu bringen, nicht, sie zu versöhnen. Eine erste Erkenntnis, die man als Zuhörer gewinnen konnte: Meinungsgräben müssen kein Unglück sein, wenn die hüben und drüben Wort und Widerwort kreuzen, ohne einander die moralische Berechtigung abzuerkennen.

Aufgebrochen ist diese Kluft zwischen kulturell Aktiven, die sich für Gefährten hielten. Damit ist dieser Fall vom Elbhang symptomatisch für das, was viele in dieser Stadt erlebt haben. Emotionen sind unvermeidlich. Als „traurige Verlustanzeige eines Wandels“ stellen sich Susanne Dagens Aktivitäten für Paul Kaiser dar: die auffällige Orientierung auf konservative Polemiker gegen das linksliberale Meinungsspektrum bei den Veranstaltungen im Kultur-Haus Loschwitz, die zusammen mit Ellen Kositza, der Frau von Antaios-Verleger Götz Kubitschek über die Internetplattform Youtube verbreitete Büchersendung „Aufgeblättert. Zugeschlagen - Mit Rechten lesen“; eine Buchvorstellung mit AfD-Chef Alexander Gauland in Neustadt / Sachsen.

„Das verirrte Schaf“

Die Unterschiede in der Bewertung sind beträchtlich. Dies nimmt man als nächste Erkenntnis mit. Paul Kaiser erblickt in den Aktivitäten „eine gefährliche Form der Radikalisierung“, sieht voller Sorge jemanden in der Mitte der Gesellschaft bedenklich zündeln. Auch Hans-Peter Lühr hält die Allianz mit namhaften Vertretern der „Neuen Rechten“ und Befürwortern einer „konservativen Revolution“, die Gegensätze in der Gesellschaft radikal verschärfen wollen, für äußerst problematisch.

Susanne Dagen indes, das „verirrte Schaf“, wie sich scherzhaft nannte, versteht ihre Initiativen ganz im Sinne demokratischer Meinungsfreiheit. Sie führe den Diskurs mit umstrittenen Publizisten, die kaum anderswo ein Podium bekämen. An Beispielen legte sie dar, wie sie wiederholt versuchte, Gäste aus dem „linken“ Spektrum einzuladen, diese aber absagten, manche wohl unter dem Druck der öffentlichen Meinung. Susanne Dagen: „Ich bin radikal liberal. Meinungsfreiheit wird immer an den Rändern verteidigt, nie in der Mitte. Sie ist für die andere Meinung gemacht, für den Dissens, nicht für den Konsens.“ Und in ihrer Youtube-Sendung gehe es ausschließlich um Literatur.

Der Osten Deutschlands mitten in der Orientierungsphase

Debatten Aug in Aug an einem Tisch haben einen Vorteil gegenüber dem Austausch von offenen Briefen oder Erklärungen mit quantifizierbarem Unterschriftenschwanz: Missverständnisse lassen sich sofort ausräumen - auch dies eine Erkenntnis aus dem Abend. Paul Kaiser befürchtete im Eifer der Diskussion, das Buch-Haus Loschwitz werde zur Wahlkampfzentrale und über dem Körnerplatz könne die blaue Fahne der AfD wehen - wegen der Mitarbeit Susanne Dagens im Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung. „Bin ich nicht mehr“, konnte sie ihm zurufen. Der Blick in die Mitgliederliste auf der Internetseite der Stiftung zeigt: Ihr Name ist verschwunden. Zudem kandidiert sie bei der Stadtratswahl für die Freien Wähler.

Deren sächsische Geschäftsführerin Antje Hermenau, selbst keine Beteiligte an dem vorausgegangenen Zwist, versuchte, den darüber hinausreichenden Problemhorizont zumindest zu skizzieren. Und verschaffte uns eine nächste Erkenntnis: Den Zusammenhang dieses lokalen Vorgangs mit sächsischen, ostdeutschen und europäischen Entwicklungen. Den Osten Deutschlands sieht sie in einer neuen Orientierungsphase. Durch Eurokrise, unkontrollierte Migration, Globalisierung und Wandlung des Lebensstils sähen sich viele verunsichert. „Die im Osten Gebliebenen suchen nach einer neuen Idee für das Zusammenleben. Da bricht was auf.“

Neue Themen brauchen neue Gesprächsformate

Das gewohnte politische Links-Rechts-Schema werde unübersichtlich. „Wir sind in einer experimentellen Phase.“ Nun sei die Frage, ob man die Diskussion in alle Richtungen führe oder bei dem bleibe, was man immer schon gedacht habe. Sie halte nichts davon, Vertreter des Meinungsspektrums um den Antaios-Verlag durch Ausgrenzung zu Märtyrern zu machen. „Durch Diskursvermeidung wird das Problem nur größer.“ Man könne die AfD nur stellen, wenn man auf die Probleme der Leute eingehe.

Sie setzt auf ein neues Selbstbewusstsein der Ostdeutschen und auf deren Fähigkeit zur Selbstheilung. Über deren teils niederschmetternde Erfahrungen in den Neunziger Jahren müsse dringend gesprochen werden, findet auch Hans-Peter Lühr. Die seien komplexer als die extreme Bipolarisierung in der Bewertung der Ostdeutschen (staatsnah - staatsfern), meint Paul Kaiser. „Diese neuen Themen brauchen neue Gesprächsformate.“ Darin zumindest waren sich die Kontrahenten einig.

Hans-Peter Lühr verwies auf die inzwischen viel komplexere Welt. „Jeder reagiert auf diese Überforderung anders.“ Gültige Antworten könne es da kaum geben, lautete seine Erkenntnis. „Wir können uns nur auf den Weg vorläufiger Antworten machen.“

Von Tomas Gärtner

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