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Liebesleid und Landlust: Premiere von "Wie es euch gefällt" im Schauspielhaus

Liebesleid und Landlust: Premiere von "Wie es euch gefällt" im Schauspielhaus

Man stelle sich vor, Shakespeares Liebespaare erzählten im Alter die Geschichte ihres Kennenlernens: "Schatz, weißt du noch, wie du dich damals im Ardenner Wald als Mann ausgegeben, mir homoerotisch angehauchte Liebeslektionen gegeben und mich schließlich geheiratet hast, in einer Riesenzeremonie mit drei anderen zufällig am selben Ort gestifteten Paaren?" Nein, man schaut diese Komödien nicht wegen ihrer filigranen Plot-Konstruktionen oder gar ihrer thematischen Varianz.

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Getümmel auf der Bühnenschräge. Doch wie (fast) immer bei Shakespeare entwirren sich schließlich die Knoten.

Quelle: David Baltzer

Bei "Wie es euch gefällt" - dem am wenigsten originellen Shakespeare-Drama, dessen Handlung komplett einem Schäfer-Roman von Thomas Lodge entlehnt ist - wächst der Knoten der Irrungen am Ende so dick an, dass ihn der Autor abschlagen muss, indem er den Liebesgott vom Himmel steigen lässt, um Ordnung zu stiften. In der Fassung, die am Sonnabend ihre stürmisch gefeierte Premiere im Schauspielhaus hinlegte (Dramaturgie: Robert Koall), wird der antike Joker angenehmerweise nicht gezogen. Stattdessen serviert Jan Gehlers Inszenierung eine anti-klimaktische Auflösung, die den romantischen Überschwang geschickt zu dämpfen weiß: Wie bei Shakespeare hat der Melancholiker Jaques (dem Philipp Lux mit Geweih als wortwörtlicher Platzhirsch Gestalt verleiht) das letzte Wort, anders als im Stück trägt die Rückkehr der in den Wald geflüchteten Hofgesellschaft, zurück zur zeitweise ausgehebelten Standesordnung, keinen triumphalen Charakter, sondern die Schwermut jeder guten Party, die an ihr unvermeidliches Ende kommt.

Dass es trotz der ernsten Coda drei sehr kurzweilige Stunden sind, die im Wald geliebt, verkleidet und sehr viel ins Gebüsch uriniert wird, ist ein großes Verdienst des jungen Ensembles wie auch der gekonnten Szenengestaltung (Bühne: Sabrina Rox), die den Ardenner Wald als Vehikel für eine durchaus zeitgemäße Satire funktionalisiert: Spielwiese und Ersatz-Nimmerland für eine ewig pubertierende, vergnügungssüchtige Rasselbande, ein Schlaraffenland für gestresste Landlust-Abonnenten, die Naturverbundenheit predigen, aber trotzdem gut gelaunt Tiere schlachten, ihre Lieblingsbäume etikettieren und sich (ein brillanter Regieeinfall) in eine im Chor blökende Schafherde verwandeln.

Freilich knirscht es im Handlungsgefüge, denn die Auflösung hängt an zwei kaum motivierten Sinneswandeln der Antagonisten und auch Shakespeares Liebesplot ist eher verworren als mitreißend angelegt. Die Prinzessin Rosalinde, Shakespeares smarteste Heldin, erwählt sich mit Orlando (Benjamin Pauquet, der viel aus dem blassen Jüngling macht) ein reichlich tumbes Herzblatt und gibt ihm in Männerverkleidung den romantischen Sparringspartner, während sich eine Schäferin in den vermeintlichen Knaben verliebt und Rosalindes beste Freundin mit Orlandos Bruder anbändelt. Dennoch wird das Titelversprechen eingehalten und bekommt jede potentielle Zielgruppe geboten, was ihr gefällt: die Linke eine (zumindest zeitweise) Aufhebung der feudalen Ordnung, der Feminismus eine ganz auf Rosalinde zugeschnittene One-Woman-Show, das gesamte Publikum den zeitlosen Witz Shakespeares. Fast jeder dürfte den Monolog von Jaques kennen ("Die ganze Welt ist eine Bühne"), der hier klug über den gesamten Abend verstreut wird, weitere brillante Sentenzen darf der Narr Touchstone aussprechen, der "klüger redet als er denkt" und in dessen Rolle sich André Kaczmarczyk zum Star des Abends aufspielt: akrobatisch, zynisch, lüstern und als knallharter Snob im permanenten Widerstreit mit den Bauern sowie seinem zwischen Zwangsjacke und Zirkusgewand alternierenden Narrenkleid (Kostüme: Irène Favre de Lucascaz). Rosalinde ist bei Sonja Beißwenger hervorragend aufgehoben, ohne dass ihre Darstellung den Ensemblecharakter des Stückes sabotiert. Thomas Eisen als dem Körperkult frönender Herzog und Thomas Schumacher in einer Doppelrolle als schwäbelnder Schäfer sowie als missgünstiger Oliver begeistern in ihren Rollen, auch ihre Kolleginnen Nina Gummich und Yohanna Schwertfeger hinterlassen hervorragende Eindrücke.

Wer Zweifel hegt, ob dieses kleine dekadente Verwirrspiel das richtige Stück für Dresden anno 2015 ist, der vergegenwärtige sich, dass sich Jan Gehlers Inszenierung zwar plumpe Aktualisierungen versagt, dass aber die zwischen den Bäumen verliebt herumturnende Gesellschaft vor einem Tyrannen flieht und in Arden Asyl erbittet, und dass ein erschöpftes Mitglied der Entourage (anders als in Shakespeares Stück) tot zusammenbricht. Immer wieder wird deutlich, dass die Gastfreundschaft allen Beteiligten Opfer abverlangt, und dass ein Narr ohne Narrenfreiheit am Hof genauso mundtot sein kann wie ein verliebt Stammelnder, zu dem die (politische) Realität nicht mehr durchdringt. Frei nach Dürrenmatt: Einer grausam entstellten Realität kommt nur noch die Komödie bei. Nichts könnte uns derzeit angemessener sein als dieser spielfreudige, facettenreiche, und unbedingt zu empfehlende Theaterabend.

nächste Vorstellungen: heute, 5. 18., 24.2.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.01.2015

Wieland Schwanebeck

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