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Regional Leuchtenforensiker fürs Dresdner Schloss
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07:31 27.04.2018
Die Leuchtenforensikerin Annette Jacob hat erkundet, wie die zerstörten Leuchter für den Kleinen Ballsaal im Dresdner Schloss wieder neu aufgebaut werden sollten. Quelle: Historische Leuchten Jacob
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Leipzig/Dresden

Sie nennen sich selbst – wenn auch mit einem zarten Schmunzeln – Leuchtenforensiker: Annette Jacob und Thomas Hinz. Beide widmen sich in ihrem Leipziger Studio mit Leidenschaft der Forschung und bildlichen Rekonstruktion alter Leuchten. Diesmal geht es um einen besonderen Auftrag.

Suche nach dem Barbedienne-Stil

Seit anderthalb Jahren sind sie in den Schlössern Frankreichs und in Antiquitätenläden unterwegs – auf den Spuren nach dem Stil des Franzosen Ferdinand Barbedienne. Er war es, der die große Leuchterfamilie für den Kleinen Baalsaal im Dresdner Schloss einst geschaffen hat. Und um die geht es. „Zwei große Bronzekronleuchter mit Glasbehang, sieben Bronzewandarmleuchter mit Glasbehang, je acht Kerzen, drei Bronzestandleuchter mit Glasbehang auf dem Kamin, zwei Bronzeständer mit Lampen, Wandarmleuchter, Bronze mit Glasbehang, 12 Kerzen,12 Bronze, Lampen mit Glasbehang an der Galerie angebracht.“ So steht es geschrieben im Schlossinventar von 1918. Das Inventar jedoch sage nicht viel aus, meint Annette Jacob. Es erzähle nur, wieviele Leuchter es gewesen seien, nichts jedoch über deren reichen Schmuck, deren aufwendige Verzierung.

Schlössertour durch Frankreich

„Zerstört bleibt zerstört“ sagt die gelernte Kristallschleiferin und Diplomdesignerin und auch: „Die Beweise sind eher dürftig.“ Der Kleine Ballsaal wurde bei dem Bombenangriff im Februar 1945 vernichtet, mit ihm auch die große Leuchterfamilie. „Jetzt den Stil der Leuchten von Ferdinand Barbedienne zu finden, das ist der Auftrag, das ist unsere Aufgabe als Leuchtenforensiker“, erklärt die Leipzigerin. Sie würden viele, kleine Informationen sammeln, sie wie ein Puzzlespiel zum Ganzen zusammensetzen, zu Papier bringen und weitertragen. „Wir finden ja nur selten Beweise“, ergänzt Thomas Hinz. Der Diplomingenieur und 3D-Designer beklagt: „Es gibt einfach viel zu wenige Fotos. Also müssen wir soviel sehen wie möglich. Deshalb unsere Schlössertour durch Frankreich. Dort gibt es noch viele Arbeiten aus der Werkstatt von Barbedienne. Wir fotografierten Detail für Detail. Das war schon sehr aufwendig, nicht nur, weil wir ab und an der Räumlichkeiten verwiesen wurden. Das Aufsichtspersonal beäugte uns auch immer sehr kritisch.“

„Kunstobjekte, die Sie schätzen werden“

Die königlichen Familien in Europa jedenfalls seien ganz verrückt gewesen nach den Bronzeleuchten des Franzosen. Das erklärt auch den ausführlichen Briefwechsel zwischen der Werkstatt und dem sächsischen Hof, den Christoph Walther, Chefrestaurator für das Dresdner Schloss, entdeckt und gründlich studiert hat. Dort ist in einem Brief von 1867 die Rede davon, dass „H. Barbedienne der theuerste Broncefabricant“ sei. Bereits am 26. Juni 1868 schreibt der Hofmarschall Graf von Vitzthum an die Werkstatt in der Boulevard Poissonniere, Nr. 30 in Paris: „Der Ballsaal im königlichen Schloss in Dresden ist jetzt genug fertig gestellt, um eine Entscheidung bezüglich der Bronzen treffen zu können… Ich bin sicher, mein Herr, dass Sie abgesehen vom Auftrag, den man Ihnen geben wird, mit dieser Reise zufrieden sein werden, ich kann Ihnen im Schloss die Kunstobjekte in Bronze und Porzellan zeigen, die Kenner wie Sie schätzen werden.“ Nur ein halbes Jahr später kündigt die Firma Barbedienne an: „Herr Graf, morgen werden wir die Kristalle der Kron- und Armleuchter verpacken, um sie als Frachtpost zu verschicken. Die Bronzen werden in 10 Tagen folgen, aber wir schicken sie als Eilgut.“

Zwei Leipziger haben sich auf die Spur des Franzosen Ferdinand Barbedienne begeben. Sie wollten herausfinden, wie die im Krieg zerstörten Leuchter des Kleinen Ballsaals im Dresdner Schloss wohl ausgesehen haben könnten. Denn die sollen nachgebaut werden.

Foto und Lupe und Pixel für Pixel

Die Formensprache dieser Kron- und Armleuchter wiederzuentdecken, aber so, dass man sich in das Handwerk hineindenken und maßgetreue Zeichnungen anfertigen kann, das war eine immense Herausforderung, erinnert sich Thomas Hinz. „Sie müssen wissen“, sagt er, „Diese Firma hat sehr viele Stilrichtungen entwickelt. Es ist nicht so, dass sie in ein Musterbuch gucken und sich ein Blatt mit dem Muster x aussuchen können. Dazu waren die Franzosen viel zu vielseitig. Und genau aus diesem Grund konnten wir auf nichts zurückgreifen, sondern mussten genau diese verschiedenen Stile erforschen.“ Da habe nur die Methode „Foto und Lupe und Pixel für Pixel“ geholfen, wirft Annette Jacob ein. Und die genaue Recherche von Christoph Walther – von der fotometrischen Vermessung des Kleinen Ballsaals, den aufwendigen Materialanalysen, Entwürfen und Modellierungen jedes einzelnen Leuchters mal ganz abgesehen.

30 Stunden für einen Leuchterarm

Mario Lorenz ist es, der diese große Leuchterfamilie im Auftrag des Sächsischen Immobilien- und Baumanagements (SIB) herstellen darf. Auch weil er mit seiner traditionsreichen Firma einer der Wenigen ist, der diese Aufgabe überhaupt bewältigen kann. Allein für einen einzigen geschwungenen Arm benötigt der Sachse 30 Stunden. Die Leuchterfamilie aber besteht aus 258 vergoldeten Armen. Ganz lakonisch sagt der Gürtlermeister: „Wir haben kiloweise Messing verbraten. Wir haben es umgeformt, gelötet, geschliffen, poliert. Wir haben die ganze Palette des Gürtlerhandwerks ausgelebt in diesem Auftrag. Und wir haben Glück gehabt.“

Das ist ein Riesenprojekt

Er habe dank der akribischen Arbeit der Leipziger wenigstens eine Idee gehabt, wie die Leuchterfamilie aussehen muss. Und er hatte eine Vorlage – die drei Kaminleuchter, die zwar beschädigt sind, aber immerhin noch existierten. „Diese drei Leuchten standen Pate für die ganze Rekonstruktion der übrigen Leuchten. Und ohne sie wäre es wirklich schwer gewesen, diese große golden glänzende Leuchterfamilie wieder zum Leben zu erwecken“. Ganz davon ab, fügt er noch hinzu, dass seines Wissens nach niemand im deutschsprachigen Raum sich an solch ein Projekt herangewagt habe. „Das ist ein Riesenprojekt, nicht nur weil die beiden großen Leuchter in Summe 1000 Kilogramm wiegen“, sagt er und weiter, „sondern weil solch eine Herausforderung einen auch zu Demut zwingen kann, um nicht zu sagen, in die Knie.“

Schon heute Weltkulturerbe

Mario Lorenz sieht das Ergebnis – so wie Annette Jacob und Thomas Hinz – schon klar vor Augen. Er schwärmt schon heute von dem vielen Gold, das ab Herbst dann öffentlich zu sehen sein wird: „Dieser

Von Adina Rieckmann

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