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Lesung zur kommentierten Ausgabe von „Mein Kampf“ im Militärmuseum

Lesung und Diskussion in Dresden Lesung zur kommentierten Ausgabe von „Mein Kampf“ im Militärmuseum

Es gibt nicht nur die Brüller vor der Frauenkirche, es gibt auch das vernünftige und aufgeklärte Dresden. Zum Beispiel am Montagabend bei Lesung, Vortrag und Diskussion zu Hitlers „Mein Kampf“ im Militärhistorischen Museum, eine Begleitveranstaltung zur laufenden NSU-Sonderausstellung.

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„Mein Kampf“, kommentiert vom Institut f. Zeitgeschichte München.

Quelle: ifz

Dresden. Es gibt nicht nur die Brüller vor der Frauenkirche, es gibt auch das vernünftige und aufgeklärte Dresden. Zum Beispiel am Montagabend bei Lesung, Vortrag und Diskussion zu Hitlers „Mein Kampf“ im Militärhistorischen Museum, eine Begleitveranstaltung zur laufenden NSU-Sonderausstellung. Angesichts eines Verkaufserfolges der kommentierten Ausgabe von 85 000 Exemplaren bei einem Umfang von fast 2000 Seiten und einem Preis von 59 Euro hätte auch die Vermutung nahe gelegen, eine solche Veranstaltung könne verkappte Anhänger nazistischen Ungeistes anlocken.

Doch davon war nicht andeutungsweise etwas zu spüren. Die Fragen und das Verhalten der Gäste im überfüllten Auditorium des Museums gaben vielmehr den Intentionen der Herausgeber Recht. Der in Sachsen geborene Historiker Roman Töppel ist einer der vier Kommentatoren der vom Münchener Institut für Zeitgeschichte im Januar 2016 veröffentlichten Ausgabe. „Es ist wichtig, dass das Symbol dieses Buches nicht durch ein Verbot aufgewertet wird und damit die Aura des Gefährlichen bekommt“, wiederholt er. Es gelte, „Mein Kampf“ durch Erklärung zu entzaubern.

Erklärungen musste Töppel reichlich abgeben, nicht nur zu den von Tom Quaas gelesenen Originalpassagen, sondern vor allem auf die sachlichen Fragen des Publikums hin. Es ging um die Selbstverständigungs-, aber auch um die Kampfschrift der „Bewegung“, die Lügen, die wissenschaftlichen Absurditäten, die Stilblüten. Besitzt das noch eine verführerische Kraft, obschon nicht einmal die rechte Szene mehr diese „Bibel“ ihres Führers liest? Schüler des Radebeuler Lößnitz-Gymnasiums, die im Geschichtsunterricht selber den Besuch der Veranstaltung angeregt hatten, hörten doch jede Menge Warnungen für die Gegenwart heraus. Vieles klinge ähnlich, wie jetzt auch wieder bei Björn Höcke oder anderen AfD-Rednern zu hören, und wenn man wisse, wohin solche Haltungen damals führten, sei „alles noch viel schlimmer“.

Ein Menetekel verbindet auch ein Psychologe mit der heutigen Lektüre von „Mein Kampf“. Für ihn ist es „das Buch eines verängstigten Menschen auf der Suche nach seiner Identität“. Die finde er vor allem im totalen Feindbild, etwa gegenüber den Juden, „um sich selbst zu spüren“.

Auch in den heutigen so genannten Bewegungen herrsche ein Opfermythos, die Legende von der eigenen Unterdrückung, warnte einer der Zuhörer. In den anschließenden Foyergesprächen beim Wein spielte die Frage nach der subtilen Faszination des Bösen eine Rolle. Ein älterer Herr verneinte diese völlig und plädierte für eine nüchterne Betrachtung, dann „blättere alles ab“. Eine Gruppe junger Historiker hingegen konstatierte sehr wohl einen latenten Reiz all dessen, was „den Stempel Hitlers oder des Nationalsozialismus trägt“. Von endlosen Fernsehserien angefangen bis hin zur Kleidung. Möglicherweise hänge solche „ungebrochene Faszination“ auch mit langer Tabuisierung zusammen, vermutete ein junger Mann. Aber Veranstaltungen wie diese würden am effizientesten dagegen helfen, lobte er. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Von Michael Bartsch

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