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Lesung: „Gerade war der Himmel noch blau“

Neues Buch von Florian Illies Lesung: „Gerade war der Himmel noch blau“

Florian Illies beweist in seinem neuen Buch „Gerade war der Himmel noch blau“: Glaubhaft kann man über Kunst und Literatur nicht wissenschaftlich nüchtern schreiben, sondern nur mit Begeisterung oder Enttäuschung. Jetzt hat er das Buch beim Festival „Literatur Jetzt!“ in Dresden im Albertinum vorgestellt, im Gespräch mit Schriftsteller Marcel Beyer.

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Quelle: dpa-Zentralbild

Dresden. Über Kunst, so zeigt uns Florian Illies, kann man glaubhaft nur mit Begeisterung oder Enttäuschung schreiben. Der Journalist (Frankfurter Allgemeine, Die Zeit), Kunsthändler und Buchautor (“Generation Golf“, 2011, „1913“, 2012), Jahrgang 1971, hat sich nach dem Kunstgeschichtsstudium rasch gegen akademische Nüchternheit und für Emphase entschieden. Auch bei der Literatur. Hat er doch erfahren, wie Goethes „Faust“, durch die Mühle eines germanistischen Proseminars gedreht, zum „Fäustling“ werden kann.

Statt Caspar David Friedrichs (1774-1840) Gemälde analytisch zu zergliedern, schreibt er dem Maler lieber einen bewundernden Liebesbrief. Wir finden ihn neben 31 weiteren Texten aus 25 Jahren über Kunst und Literatur in dem Band „Gerade war der Himmel noch blau“. Den hat er jetzt im Gespräch mit dem in Dresden lebenden Schriftsteller Marcel Beyer beim Festival „Literatur Jetzt!“ im Lichthof des Albertinums vorgestellt.

Das 19. Jahrhundert ist eine der großen Leidenschaften von Florian Illies. In dessen erster Hälfte blickten die Maler anders in den Himmel:

Sie entdeckten die Wolken. Dabei gewannen sie die Erkenntnis, dass das Ewige flüchtig, das Flüchtige ewig ist. Noch in Bertolt Brechts großartigem Liebesgedicht „Erinnerung an die Marie A.“ hört er diesen Gedanken nachhallen: Das Gesicht der Geliebten weiß der Dichter „wirklich nimmer“, nur an jene weiße Wolke über ihr, die nur Minuten blühte, erinnert er sich noch.

Der norwegische Maler Johan Christian Clausen Dahl (1788-1857) ermunterte Caspar David Friedrich in Dresden, sich auf die Schönheit des Flüchtigen einzulassen - mit einem genauen Blick in die Wolken. So ernennt Florian Illies die gemeinsame Unterkunft der beiden, das Haus an der Elbe Nummer 33, zum „ersten Wolkenkratzer“.

Wer Wolken im Bild festhalten wollte, musste schnell sein. So entdeckten die Maler in den Dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts die Geschwindigkeit. Eben war eine rasch trocknende Ölfarbe erfunden worden.

Sie ermöglichte das Arbeiten in der Natur. Die ersten Ölskizzen entstanden. Illies betrachtet diese „Short Cuts der Malerei“ als „Essenz für den Versuch, das Leben zur Kunst zu machen“. Nirgends offenbare sich die Seele des Künstlers so sehr wie in dieser Spontaneität. Windeseile scheint in diesem Fall förderlich gewesen zu sein.

Es ist die scheinbare Wiedergabe der Natur, die sich aber als Fiktion erweist, wie Illies feststellt. „Was wir für die Realität halten, ist im Grunde Erfindung.“ Er erzählt uns auch, wie diese Entdeckung flüchtiger Sensationen zugleich eine radikale Säkularisierung bedeutete. Schon Carl Gustav Carus (1789-1869) fragte besorgt, ob es dem nüchtern realistisch himmelwärts blickenden Clausen Dahl nicht vielleicht an Demut fehle. Bis dahin galt der Himmel als Gottes Ort. „Nun waren da Wolken und dahinter nichts mehr.“

Die letzten mit dieser Aufmerksamkeit bedachten Wolken findet Illies bei dem Schweizer Ferdinand Hodler (1853-1918), da schon als „Teiggebilde“

dargestellt. „Das ist also von vorn bis hinten ein Phänomen des 19.

Jahrhunderts.“

In den letzten Jahren begegnen ihm Wolken an ganz unverhoffter Stelle:

in der stets im Singular auftretenden, damit Einzigkeit suggerierenden digitalen „Cloud“ der Software-Firmen. „Die wird zum Sitz des Weltwissens. Das Wort scheint Sicherheit zu vermitteln. Unsere Daten sind da oben scheinbar in Gottes Hand.“

Florian Illies: Gerade war der Himmel noch blau. Texte zur Kunst. S.

Fischer. 304 S., 20 Euro

Von Tomas Gärtner

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