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Regional Lessing und Strindberg: Kostproben von Schauspielstudenten
Nachrichten Kultur Regional Lessing und Strindberg: Kostproben von Schauspielstudenten
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21:00 22.10.2017
Oscar Hoppe als Philotas in Lessings gleichnamiger Heldentragödie auf der Bühne von Hoppes Hoftheater. Quelle: PR
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Dresden

„Das Schicksal nahm aus gleichen Waagschalen gleiche Gewichte“ – damit ist die Bredouille, in der zwei Könige bzw. deren Söhne stecken, vortrefflich auf den Punkt gebracht. Der junge Heißsporn Philotas ist – welche Schmach – gleich bei seiner ersten Schlacht, als er mit nichts als Heldenepen-Flausen im Kopf blind nach vorn stürmte, in die Gefangenschaft des gegnerischen Königs Aridäus geraten. Sein Glück könnte es sein, dass Aridäus’ Sprössling das gleiche Malheur passiert ist. Begierig auf Ruhm sinnt Philotas darüber nach, wie er seinem Vater doch noch einen strategischen Vorteil verschaffen und als Kriegsheld dastehen könnte, indem er sich „zum Besten des Staates“ umzubringen gedenkt, denn „der Mensch, der zu sterben weiß, ist mächtiger als er glaubt“. Und so stößt er sich zum Entsetzen König Aridäus’ und dessen altem Feldherrn Strato, diesem „alten ehrlichen Kriegsmann“, ein Schwert in den Leib, wobei er allerdings so blöd ist, sich keinen schnellen Tod zu geben und deshalb röchelnd noch mitanhören zu müssen, dass Aridäus trotzdem bereit ist, die Entscheidung auf dem Schlachtfeld zu suchen.

Gotthold Ephraim Lessings (Helden-)Tragödie „Philotas“ wird eher selten gespielt, nun war der Einakter im Rahmen eines Gastspiels von Studenten der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ im Hoftheater zu sehen, denn kein Geringerer als Oscar Hoppe, Enkel des Prinzipals Rolf Hoppe, gab den Prinzen Philotas, der sich wie ein trotziges Kind aufführt, dessen Idealismus und die damit verbundene Bereitschaft zur heroischen Selbstaufopferung für das eigene Land, die eigene Nation aber gefährlich ist. Zudem wurde nach der Pause ein mehr als nur kurzer Ausschnitt aus August Strindbergs „Fräulein Julie“ dargeboten.

Nun reißt Philotas ja durchaus interessante, weil relevante Fragen an. Der Wunsch, ernst genommen zu werden, falscher, aber nun mal verletzter Stolz, selbstzerstörerische Wichtigtuerei, Verblendung, Lächerlichkeit, narzisstische Eitelkeit, Unreife, Trotz, wahnhafter Eifer und Fanatismus, schließlich die Verführbarkeit für (falsche) Ideale – sind es nicht auch diese Dinge, die einen Menschen Rechts- oder Linkspopulisten folgen, ihn zum Islamisten oder Autonomen, womöglich gar zum Selbstmordattentäter oder NSU-Mörder werden lassen? Anderseits: Ist die pauschale Dekonstruktion von Heroismus und Opferbereitschaft im Westen nicht der Versuch, die eigene Unzulänglichkeit und Feigheit zu kompensieren?

Die Inszenierung ist mäßig originell, da schimmert das ganze Unverständnis des im postheroischen Zeitalter steckenden und sich deshalb auf einer höheren Zivilisationsstufe wähnenden Westens durch. Oscar Hoppe muss – ganz so wie Lessings der Aufklärung verpflichtete Vorlage es will – einen Kindskopf geben, der von König Aridäus und Strato zu Recht belächelt und als ein solcher behandelt wird. Die Regie sieht vor, dass Hoppe ständig kleine Zinnsoldaten auf einem Tisch hin und her schiebt, dass er gern einen Stahlhelm Modell Wehrmacht trägt und mit diesem einen Gedanken einfängt (Vorsicht: Metapher!), dass er strammsteht wie ein Pimpf beim Appell, wenn der König das erste Mal eintritt. Mehr als ein dünkelhafter, ratloser Reflex auf den Kult um Idole und nur in diesem Teil der Welt aus der Zeit gefallene Ideale ist das nicht. Und immer wieder Aktionismus. Dass ständig die Tische rumgerückt oder gar umgestoßen werden, soll wohl verhindern, dass man einschläft, dass Pilotas bei einem Gespräch mit König Aridäus Liegestütze macht, ist überflüssig wie ein Kropf.

Der König ist ohnehin die deutlich interessantere Figur – und wird von Eidin Seyed Jalali vortrefflich gespielt. Da stimmt jeder kleine Blick, jede scheinbar belanglose Geste. Hoffentlich macht der seinen Weg, er wäre eine Bereicherung für jedes Ensemble oder für die Filmbranche. Auch Karl Schaper als Soldat Parmenio, der sich dem Irrsinn des Prinzen kurz widersetzt, dann aber dann doch vor dessen Karren spannen lässt, holte bemerkenswert viel aus der kleinen Rolle raus. Oscar Hoppes Darbietung war ebenfalls nicht von schlechten Eltern, da ist viel Potenzial, aber auch noch Luft nach oben.

Und ja, es wird viel gebrüllt, auch da, wo leisere Töne entschieden mehr wäre(n). Aber im Großen und Ganzen zeigten alle Akteure, auch die Darsteller der „Fräulein Julie“-Kostprobe (Male Emde, Enno Trebs und Stella Sticher), in der ebenfalls u.a. Fragen von Stolz und Ehrbewusstsein verhandelt wurden, dass sie nicht zu Unrecht an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ gelandet sind.

Von Christian Ruf

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