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Regional Leise rieselt der Sand
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11:24 26.07.2018
Sandtheater Boulevardtheater Dresden Quelle: ROBERT JENTZSCH
Dresden

Für viele ist der Bade- ja vor allem ein Strandurlaub. Denn im Meer ist es zu kalt, es gibt Algen, Quallen und Seeigel. Da bleibt man lieber am Ufer, schwimmen kann man auch im Hotelpool. Wenn wir aber den ganzen Tag am Strand liegen, dann soll der bitteschön aus weichem Sand sein, nicht aus Kieseln und Felsen, auf die nur Leute schwören, die den Fakirkurs mit summa cum laude bestanden haben. Also wird der Sandstrand gesucht, der aber einen Nachteil hat: Überall rieselt der Sand hin.

Zwischen die Seiten unserer Zeitschriften und Krimis, zwischen die Zehen, in die Badehose respektive den Bikini. 30 Gramm Sand schleppt jeder während seines Urlaubs weg vom Strand – jeden Tag. In hinterhältig kleinen Portionen lässt er sich davontragen von uns Wirtstieren, wobei man sich auf Mallorca oder den Kanaren mittlerweile fragt, ob die los alemanes ihre liebsten Urlaubsziele nicht mittlerweile in gemeinschaftlicher Arbeit nach Alemania verfrachten. Zollfrei.

Eine Angelegenheit voller Magie

Woher Lina Li vom Dresdner Sandtheater den leichtkörnigen Stoff für ihre Shows nimmt, ist nicht bekannt. Fest steht, dass sie mit dem, was das Sandmännchen arglosen Kindern hinterlistig des Abends in die Augen streut, ungemein Zauberhaftes anzustellen vermag. „Elbsand – Die Sommershow“ hatte nun im Dresdner Boulevardtheater Premiere, es war eine unglaublich faszinierende Angelegenheit voller Magie.

Nun hat ja der Dichter Novalis mal beteuert: „Mannigfache Wege gehen die Menschen, und ihre Schritte zeichnen rätselhafte Figuren in den Sand.“ Li hingegen zeichnet mit den Fingern in den Sand, wobei das, was sie so malt, nur kurze Zeit rätselhaft bleibt, relativ rasch erkennt man, was die Leute so landläufig mit Dresden und Umgebung verbinden: die Bastei, Pirna, Porzellan, die Frauenkirche, die Semperoper, die Sixtinische Madonna, das Blaue Wunder… Verfechter der Quadratisch-Praktisch-Hässlich-Moderne müssen tapfer sein, nicht ein Staubkorn wurde aufs Zeichnen des Kongresszentrums oder der Klötze in der „Gartenstadt“ Striesen verschwendet.

Ein Kunstwerk weicht dem nächsten

Gemalt wird, und zwar mit erstaunlichem Blick für Detail, fast ausschließlich mit der rechten Hand, nur hier und da greift die Linke unterstützend ein.

Viel Sand braucht die Künstlerin nicht, das Material wird umgehend „recycelt“. Kaum ist ein Bild, das im Overhead-Projektor-Verfahren auf eine Leinwand „gebeamt“ wird, fertig, muss es dem nächsten weichen, wird einfach weggewischt. Ach ja, die Sache hat was schon fast Philosophisches in puncto Flüchtigkeit und Vergänglichkeit. Ein bisschen erinnert das an die Wasserkalligraphie, wie sie in China häufig auf der Straße oder auch in Parks betrieben wird, die der Übung und der Meditation dient. Meistens werden Sprüche und Sprichwörter hingepinselt, die dem Beobachter und Vorübergehenden Glück und Wohlergehen wünschen, aber auch klassische Texte und Gedichte.

Immer wieder wird von Li mit flinken Fingern ein bekanntes Bauwerk um ein sich innig in die Augen schauendes, Händchen haltendes oder tanzendes Paar ergänzt. Einmal sitzt ein Paar in einem Café vor einem Fenster, zwischen ihnen auf dem Tisch eine Vase mit Blumen, dann taucht die Bedienung auf. Das Schokoladenmädchen? Gut, im Zweifel für die schöne Illusion.

Zeichnungen bis ins kleinste Detail

Es liegt viel Liebe in der Luft, wie bringt es doch ein hübscher Spruch so trefflich auf den Punkt? „Liebe ist…Liebesbotschaften in den Sand zu zeichnen.“ Die Gesichter sind weit mehr als Punkt-, Punkt-, Komma-, Strich-Verfahren geschuldet, sondern regelrecht aparte Porträts. Sogar die Nasenlöcher werden von Lina Li nicht vergessen. Einmal steht ein Paar am Bug eines Schiffes, Leonardo und Kate lassen grüßen. Vortrefflich ist auch die Musikauswahl: Viel Klassik, aber auch viel Klaviermusik, wie sie etwa von der in Berlin lebenden Künstlerin Agnes Obel gespielt wird, verstärkt die Emotionalität eines Moments.

Im Kontext der Sixtinischen Madonna durchschwebt „Halleluja“ den Saal, aber nicht die englische Version, wie ist durch Leonard Cohen populär wurde, sondern eine in spanischer Sprache.

Die Perspektive stimmt manchmal nicht ganz, aber das sind Petitessen, an der sich allenfalls auf Hyperrealismus voll abfahrende Korinthenkacker stören. Und es wird von der Künstlerin nicht nur die heile Welt beschworen.

Es gibt da ja diese eine Nacht. Als Sirenen heulten und Flugzeuge Bomben abwarfen, wobei dröhnende Marschtritte akustisch deutlich machen, dass zuvor in Dresden nicht gerade friedlich gesinnte Kolonnen durch die Stadt gezogen waren. Am Ende schreibt Lina Li „Ich liebe Dresden“ in den Sand und pinselt ein Herz hinzu. Der Jubel ist unbeschreiblich, wer nicht klatscht, muss wohl aus „Leipzsch“ kommen. Letztlich trifft auf die berührende, alles andere als in den Sand gesetzte Performance die alte Poesiealbum-Weisheit „Spuren im Sand verwehen, Spuren im Herzen bleiben“ zu.

Auch zwei Kinderstücke werden von Lina Li im Boulevardtheater gespielt. Zum einen das bekannte Märchen vom Aschenputtel. Etwas frecher geht es beim Kinderbuch-Klassiker vom Wilhelm Busch zu, wenn Max und Moritz armen Menschen wie der Witwe Bolte oder dem Schneider Böck Streiche spielen, welche die Grenze zur Körperverletzung mitunter deutlich überschreiten.

Nächste Vorstellungen von „Elbsand – Die Sommershow“: 1., 6. & 7.8., 19.30 Uhr, Aschennputtel: 1., 6. & 7.8., 11 Uhr Max & Moritz: 1., 6. & 7.8., 15 Uhr www.boulevardtheater.de

Von Christian Ruf

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