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Regional Lea Grundig als Illustratorin von Kinder– und Jugendbüchern
Nachrichten Kultur Regional Lea Grundig als Illustratorin von Kinder– und Jugendbüchern
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05:00 09.08.2017
Titel zu Kornej Tschukowski: „Die gestohlene Sonne“ mit einer farbigen Zeichnung von Lea Grundig: Der Freudentanz der Tiere, 1944 (Original verschollen). Quelle: Jüdis
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Dresden

„Zvuva Zehuva, die goldene Fliege“, gab der Ausstellung ihren Namen. Aus dem Netz der Spinne befreit, konnte sie mit der Mücke Hochzeit feiern. Diese Geschichte ist nur eine von erstaunlich vielen Kinderbüchern, die Lea Grundig 1942-1948 im britischen Mandatsgebiet Palästina illustrierte. Wie alle von Kindern geliebte Märchen erzählen sie von der Kraft der Schwachen. In Kornej Tschukowskis „Die gestohlene Sonne“ ist es ein gefräßiges Krokodil, das die Sonne verschluckt, so dass die anderen Tiere sich in der andauernden Nacht fürchten. Schließlich bittet der Fuchs den Bären um Hilfe, der das Krokodil so erschreckt, dass es die Sonne wieder ausspuckt.

Wie viel ein befreiendes Lachen für die Kinder in den Kibuzzim der 40er Jahre bedeutete; wie wichtig es war, Möglichkeiten zu schaffen, sich mit gewitzten Helden identifizieren zu können, ist heute kaum mehr vorstellbar. Sie gaben nicht nur Kraft, sie waren auch unaufdringliche Helfer beim Erlernen von Schrift und Sprache. Denn im Jishuw, im vorstaatlichen Israel, versammelten sich nach mehreren Einwanderungswellen nun vor allem jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa. Diese waren zugleich Protagonisten der Konsolidierung der hebräischen Sprache, die sich von der Sakralsprache der Thora zur gesprochenen Nationalsprache, dem Ivrit, entwickelte, sowie einer modernen hebräischen Literatur. Diese entstand bis zum Ersten Weltkrieg tatsächlich überwiegend in Osteuropa. Mit der Emigration vieler jüdischer Schriftsteller nach Palästina erstarkte sie dort im Wesentlichen als Fortsetzung der europäischen Traditionen.

Während manche Autoren heute wieder vergessen sind, avancierten andere zu Klassikern, selbst der israelischen Kinderliteratur, wie Leah Goldberg (1911 Königsberg – 1970 Jerusalem), die 1935 nach Tel Aviv kam, wie Levin Kipnis (1894 Uschomyr, Russisches Kaiserreich – 1990 Tel Aviv), und Anda Amir-Pinkerfeld (1902 Rzeszow, Polen – 1981 Israel), die nach einem ersten Aufenthalt in Palästina noch einmal nach Polen zurückkehrte, um ihre Ausbildung abzuschließen, und 1924 endgültig emigrierte. Die gut 20 Kinderbücher, die Lea Grundig mit 400 Zeichnungen für diese und andere, teils bereits vergessene jüdische Autoren, illustrierte, sind bisher in Deutschland größtenteils unbekannt.

Als verfolgte Jüdin und Kommunistin erreichte sie, nach Gefängnis und „Schutzhaft“, im Herbst 1940 auf einem der letzten drei Flüchtlingsschiffe die Küste Palästinas, das damals britisches Mandatsgebiet war. Ausgewiesen aus Deutschland, staaten- und mittellos, nur legitimiert mit einer von den Nazis ausgestellten Judenkennkarte und dem Zwangsvornamen Sara, überlebte sie den Untergang des gesprengten Schiffes „Patria“ im Hafen von Haifa, auf das sie umquartiert worden war. Als Schiffbrüchige kam sie in das britische Internierungslager Atlit bei Haifa.

Nach fast einem Jahr im Lager wurde sie zunächst von der Familie ihrer Schwester aufgenommen. Sie lernte Hebräisch und malte für die Kinder einer Freundin handgefertigte Bilderbücher. Nach einer ersten Ausstellung in Haifa begegnete sie der Journalistin Bracha Chabas, die über geflüchtete Kinder und Jugendliche recherchierte. In den Zeichnungen zu deren „Geschichte eines jungen illegalen Einwanderers“ und „Gerettete Kinder“ verarbeitete sie die eigenen Erlebnisse auf dem abgewrackten, überfüllten Flüchtlingsschiff und im Stacheldraht-gesicherten Lager.

In einem nächsten Buch, ebenfalls 1942, widmete sie sich dem „Golem von Prag“ in einer Version nach Isaac Loeb Baruch. Und auch nach ihrem Umzug nach Tel Aviv zum Vater konnte sich Lea Grundig nun ihren Unterhalt als Grafikerin und Kinderbuchillustratorin sichern. Ein enger Freund wurde ihr Nachum Eitan (Itin), der in Tel Aviv die erste Zinkografiewerkstatt gegründet hatte und auch für sie Platten für den Buchdruck fertigte. Nun folgten, neben den mit schwarzer Tusche illustrierten, auch farbig bebilderte Bücher, wie Leah Goldbergs „Zerstreuter Mann vom Dorf Azar“, 1943, Batya Kahanas „Die stolze Orange“, 1944, oder von Naftali Melumad und Levin Avital „Der Regenbogen“, 1946.

Auch internationale Schriftsteller wurden ins Hebräische übersetzt. Lea Grundig schuf Illustrationen für Janusz Korczaks „Jotam, der Zauberer“, der heute als ein Vorfahre Harry Potters gilt, für Mary Mapes Dodges „Silberne Schlittschuhe“, für polnische Volkslieder und manch anderes Kleinod früher israelischer Kinderbuchausgaben. Von den meisten gibt es heute selbst in Israel kaum Exemplare.

Der Dresdner Ärztin und Freundin Lea Grundigs, Dr. Maria Heiner, gelang es, antiquarisch dort Erstausgaben zu erwerben. Ihr ist die Ausstellung, die an Lea Grundig als Kinderbuchillustratorin erinnert, sich aber auch als Dokumentation der Entstehung eines kulturellen Fundus versteht, zu verdanken.

bis 27. August im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde Dresden, Hasenberg 1. Mo – Do: 10–17 Uhr, So: 13–16 Uhr

öffentl. Führung: 13. August, 15 Uhr

Finissage am 27.8./ 17 Uhr: Die gestohlene Sonne – oder: wie Lea Grundig als Kinderbuchillustratorin Licht in die Kibuzzim der vierziger Jahre brachte (in deutscher und russischer Sprache)

Von Jördis Lademann

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