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Regional Laura Linnenbaum inszeniert in Dresden „Homohalal“ von Ibrahim Amirs am Kleinen Haus
Nachrichten Kultur Regional Laura Linnenbaum inszeniert in Dresden „Homohalal“ von Ibrahim Amirs am Kleinen Haus
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22:00 28.03.2017
Laura Linnenbaum und Ibrahim Amir. Quelle: A. Herrmann
Dresden

Vor einem Jahr gab es einen lokalen Theaterskandal, als das Wiener Volkstheater kurz vor der Uraufführung Ibrahim Amirs Komödie „Homohalal“ absetzte. Nun inszeniert Laura Linnenbaum, die mit ihrer Chemnitzer Regiearbeit über die NSU-Beate zum Heidelberger Stückemarkt geladen ist, dessen Stück am Kleinen Haus. Das Gespräch mit beiden für die Dresdner Neuesten Nachrichten kurz vor der Uraufführung am Donnerstag führte Andreas Herrmann.

Frage: Ihr Weg nach Dresden war ein besonderer…

Ibrahim Amir: Ja, nach dem das Stück am Wiener Volkstheater acht Wochen vor der Uraufführung abgesetzt wurde, rief ich meinen Verlag an. Denn sofort wollten die anderen Wiener Theater die Rechte haben. Aber diese Konkurrenzkampf wollte ich nicht – wir waren uns schnell einig: Wir versuchen es in Deutschland. Innerhalb von wenigen Tagen war klar: Dresden muss das Stück bekommen – hier bekommt es noch eine andere politische Bedeutung…

Welche andere politische Bedeutung?

Ibrahim Amir: Hier ist der Rechtspopulismus größer und die Flüchtlingsproblematik eine andere. Ich fand das stark, dass das Staatsschauspiel so ein Stück, was aufgrund des politischen Drucks in Wien abgesetzt wurde, sofort haben wollte.

Wie kommen Sie zum Regieauftrag für dieses Stück?

Laura Linnenbaum: Im Februar 2016 kam der Kontakt zustande, dann ging es recht schnell. Aber es war keine leichte Entscheidung. Meine Bedingung war, dass wir noch einmal in Ruhe am Stück arbeiten.

Ibrahim Amir: Das war auch meine Intention – das hatte ich auch in Wien angeboten, so dass man das Stück nur hätte verschieben müssen.

Warum hat man das abgelehnt?

Ibrahim Amir: Das wollten sie nicht. Zuvor gab es mehrere Gespräche und dann einen richtigen Skandal. Der Grund war, so sagte man mir, dass sich das Ensemble dagegen gestellt habe, weil sie die dargestellte Homophobie nicht teilen. Außerdem habe sich die Situation verändert: Man müsse jetzt sensibler sein. Das Stück entstand ja schon 2012/13 in einer Theaterwerkstatt mit Flüchtlingen, als in Wien eine Kirche besetzt wurde, um gegen die schlechten Bedingungen im Flüchtlingscamp zu protestieren. Davon hat das Volkstheater Wind bekommen und wollte es inszenieren. Dann kam die große Flüchtlingskrise – und alles war anders.

Aber Sie hatten doch sicher einen Vertrag?

Ibrahim Amir: Ja, schon – den haben wir geändert: Sie müssen jetzt dafür zwei Stücke von mir spielen – bis 2019. Die muss ich aber noch schreiben.

Und wenn es wieder zu extrem wird?

Ibrahim Amir: Dann wird nicht mehr diskutiert! Der öffentliche Druck, der entstand, war groß genug. Danach wollten sie es rückgängig machen, sogar eine Art Lehrstück nach dem Motto, was wir alle aus dem Skandal gelernt hätten. Aber da war es schon vorbei – bereits zehn Tage nach der Absetzung war das Stück vom Staatsschauspiel Dresden gebucht.

Wie haben Sie vom Skandal erfahren?

Laura Linnenbaum: Ach, sehr über Ecken. Ein Freund, der dort spielt, hat mir erzählt, dass das mit der Angst wohl schon so stimmt.

Angst – wovor eigentlich?

Laura Linnenbaum: Der Text spielt mit Klischees und Vorurteilen, man bleibt schnell bei der Homophobie hängen. Und der Ton, der da angeschlagen wird, ist schon oft sehr rau - eben Komödie. Das Hauptproblem: Man will nicht derart über eine Kultur, die man eigentlich nicht gut genug kennt, urteilen.

Aber der Autor kennt doch die Kultur?

Ibrahim Amir: Für mich ist das eine Pseudodiskussion. Warum soll ein Schauspieler nicht das sagen, was ein Syrier über seine Kultur geschrieben hat? Warum kommt man dann damit zu mir und sagt, das und das darfst Du aber nicht so schreiben? Das ist einfach weltfremde political correctness. Klar ist mein Vater auch homophob – mich grämt das, wenn man mir sagt: Benimm Dich!

Laura Linnenbaum: Das ist einfach ein Stellvertreterdiskurs: Man will die Kultur schützen, aber meint nur die Vorurteile einzelner Figuren, die überall vorkommen. Das wird einfach verwechselt. Und es zeigte sich: Keiner, der darüber schrieb, hatte je das Stück gelesen.

Was ist anders in Dresden 2017 als in Wien 2016?

Laura Linnenbaum: Wir hatten Zeit, gemeinsam weiter an Figuren und Stück zu arbeiten. Das Personal wurde von 15 auf neun Personen reduziert, dadurch wurden die Konflikte vielfältiger. Außerdem haben wir es nach Dresden verlegt – an Schauplätze, die man wiedererkennen wird. Aber die Geschichte kann generell überall spielen.

Also es gibt Figuren, Rollen, Charaktere, keine Textflächen ?

Laura Linnenbaum: Ja, es ist eine ganz klassische Komödie. Es geht um Doppelmoral – und zwar einer revolutionären Zelle, die sich zwanzig Jahre nach einem misslungenen Anschlag wieder trifft. Bei einer Beerdigung, weil einer gestorben ist. Sechs AktivistInnen und drei Nachfahren – alle sind inzwischen erfolgreich und etabliert. Einer von ihnen, Said aus dem Irak, erfährt genau jetzt, dass sein Sohn schwul ist – und dessen Freund demnächst auftauchen wird – dann zeigt sich, wie schnell die klare und heile Welt unter ideologisch Gleichen wanken kann…

Gab es in Dresden Schauspieler, die sagten: „Das kann ich jetzt nicht spielen?“

Laura Linnenbaum: Nein, aber immer einfach ist es natürlich nicht. Wenn man über mehrere Seiten toben soll: „Ich bring Dich um!“, dann sucht und diskutiert man eine Weile.

Dann wird das Stück – auch in der arabischen Welt – keinen Skandal hervorrufen?

Ibrahim Amir: Ich glaube nicht.

Laura Linnenbaum: Nein, dazu haben wir zu gut zusammen gearbeitet.

Aber schon der Titel ist doch darauf angelegt?

Laura Linnenbaum: Ja, er spielt mit Vorurteilen, aber heißt eigentlich nur: koscherer Mensch.

Was passiert stattdessen morgen Abend?

Ibrahim Amir: Es wird ein toller Abend!

Laura Linnenbaum: Wir haben alle sehr viel Arbeit reingesteckt – und das sieht man: Es wird ein liebevoller Abend. Man wird viel lachen, aber dann merken, dass man am Ende über sich und die eigenen Ängste lacht.

Sie sind syrischer Kurde aus Aleppo. Ist dort jetzt Frieden?

Ibrahim Amir: Meine Eltern leben in Nordwest-Aleppo, wir skypen jeden Tag. Darüber, dass jetzt endlich die Waffen schweigen, freuen sich alle. Aber keiner weiß, wie es weiter geht, die Lebensmittel sind sehr knapp.

Wenn es einen friedlichen Weg dahin gäbe: Würden Sie einen gemeinsamen kurdischen Staat begrüßen?

Ibrahim Amir: Ob Staat, weiß ich nicht genau. Aber zumindest ein politisches Gebilde, was uns Schutz und Sicherheit vor Angriffen gibt. Bislang ist es überall – also im Irak, im Iran, in der Türkei und in Syrien – so: In Friedenszeiten werden wir von den Regierungen diskriminiert und im Krieg von Extremisten gejagt. Dazu kommt die kurdische Spaltung – in die konservative im Osten und die säkulare Richtung im Westen. Ein Gebiet der Sicherheit wäre gut. Dazu sollten alle Waffenlieferungen in die ganze Region gestoppt werden!

Welches Thema werden Sie als nächstes dem Wiener Volkstheater unterjubeln?

Ibrahim Amir: Ein junger Mann von hier, Anfang bis Mitte 20, geht nach Syrien und kämpft mit den Kurden gegen den IS (lacht)…

Was kommt bei Ihnen – so rings um den Heidelberger Stückemarkt – als nächstes?

Laura Linnenbaum: Ab Freitag warten Bonn, Göttingen, Münster – in dieser Reihenfolge. Genaueres darf ich noch nicht sagen, aber ein Shakespeare und ein deutscher Klassiker sind darunter. Und in Chemnitz darf ich nächstes Jahr den Sieger des Dramatikerpreis inszenieren.

Was bedeutet denn die Einladung zum Stückemarkt für eine junge, normale Regisseurin?

Ibrahim Amir: Dass sie kein normale Regisseurin mehr ist!

Die Uraufführung am Donnerstag im Kleinen Haus 1 ist ausverkauft, Restkarten eventuell an der Abendkasse. Weitere Vorstellungen: 4. & 13. April sowie 1. Mai. (je 19.30 Uhr).

Von Andreas Herrmann

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