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„Lachkoma“ in der Herkuleskeule

Abschied und Neuanfang „Lachkoma“ in der Herkuleskeule

Opa Bursche erklärt den beiden Neuen, wie es langgeht in dem Kabarett. Die Debütanten richten sich ein, so gut es geht, und geben ein bisschen an mit dem Know-how der schönen neuen Welt, bei aller Ehrfurcht vor einem Kollegen, der, wie sie vermuten, schon Kabarett gespielt hat, „als die Russen das Winterpalais stürmten“.

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Rainer Bursche (Mitte) verabschiedet sich von der Herkuleskeule. Mit ihm stehen Katrin Jaehne und Alexander Pluquett zum ersten Mal auf der Kabarettbühne.

Quelle: HL BOEHME

Dresden.

Das ist so die vertrackte Logik, mit der inkorrekt schwarzer Humor gelegentlich umkippt in einen gerade noch erträglichen Tritt in den trägen Hintern denkfauler Zeitgenossen. Mit dem man sich letztlich lieber zwischen alle sinnbildlichen und realen Stühle (auf der Bühne) setzt statt nur auf wohlfeile Solidarisierung. Darin bleibt sich der Mann, der tatsächlich noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Licht der Welt erblickte, wohl bis zum letzten kabarettistischen Atemzug treu, sogar im Gespräch mit dem Herrgott, an den er nicht glaubt.

Zweimal ein Vierteljahrhundert lang war er die Inkarnation des stets widerborstigen, weil mit unverwüstlichen Mutterwitz begabten kleinen Mannes. Zu DDR-Zeiten als Amateur bei der „Lachkarte“ und mittlerweile auch als Profi bei der „Keule“. Nun klingt es nach Abschied, die neue Sommerinszenierung, die jetzt in der neuen Spielstätte im Kulturpalast ihre erfolgreiche Premiere erlebte, sei seine letzte, heißt es.

Das Programm ist eine Art Nachlese oder Best-of mit aktuellen Einsprengseln – und zwei der insgesamt vier Neuen im Ensemble, die zur Premiere etwas unbeleckter wirkten oder vielleicht auch wirken sollten, als es ihre Vita erwarten ließe. Katrin Jaehne kennt mancher schon vom Boulevardtheater, Alexander Pluquett war vorher bei den Berliner „Stachelschweinen“, beide sind, wie viele gute Kabarettisten, Quereinsteiger in den Schauspielerberuf gewesen.

Was ihnen, zumindest noch, fehlt, ist die Verwurzelung im Milieu, also dem sächsischen im Allgemeinen und dem der Herkuleskeule im Speziellen, und da wirken die Conférencen im lockeren oder nachdenklichen Plauderton, mit denen die Übergänge im Nummernprogramm beziehungsweise dessen Roter Faden ad hoc gesponnen werden sollen, doch etwas zu eingeübt, auch oft mehr agitatorisch als satirisch.

Die aus den üblichen Anmoderationen aktueller TV-Magazine allzu bekannten Pauschal- oder Vorurteile werden ein bisschen zu selten hinterfragt. Am Ende erklärt sich der Programmtitel wohl am besten über einen summarischen Blick auf „unsere“ Demokratie, den Zustand des „vereinigten“ Europas, den Umgang mit Ausländern/Flüchtlingen/Immigranten sowie die Rolle Deutschlands respektive das Auftreten deutscher Touristen in der Welt, der eine solche schüttelkrampfartige Lähmung erzeugen könnte.

Zur hohen Schule des Kabaretts gehören aber glücklicherweise neben dem Ausdruck ungereimter Bauchgefühle auch bissig gereimte, von wohl gesetzten Noten begleitete Episteln, und da zeigte man sich schon recht gut in Form wie etwa beim zackigen Fundamentalisten-Rap oder bei der Heraufbeschwörung eines kommenden starken Mannes á la Tschings Khan. Thomas Wand benutzt den herrlichen Konzertflügel, um dahinter sein elektronisches Equipment zu verstecken.

Immerhin liefert Pluquett Naturtöne und den Nachweis, dass er nicht umsonst Trompete studiert hat, Jaehne glänzte in einem umjubelten Solo als ehemalige Gefängnisaufseherin, die, zur Lehrerin umgeschult, vom Regen in die Traufe gekommen ist. Alles gerade noch rechtzeitig, bevor der Mensch in der digitalen Zukunft 4.0 nur noch einen Riskofaktor darstellt („Roboter an die Macht“).

So gesehen macht es Rainer Bursche ausgesprochen schlau, indem er sich so peu à peu von der Bühne verabschiedet. Nicht ohne seinen Nachkommen auf den Brettern wie im Leben die Botschaft zu hinterlassen, dass sie sich nicht nur auf den Herrgott verlassen dürfen, sondern unverdrossen ihr Geschick in die Hand nehmen müssen, wenn sie auch künftig komafrei lachen wollen. Viel mehr Frohsinn darf man im Sommer des Hamburger G-20-Gipfels (der hier allerdings noch keine Rolle spielte) von einem politischen Kabarett wohl nicht verlangen.

Nächste Aufführungen: 11.,12.,14. und 18. bis 22 Juli jeweils 20 Uhr, Herkuleskeule

www.herkuleskeule.de

Von Tomas Petzold

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