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"Lachen, wenn's zum Heulen ist": Der Chef der Dresdner Herkuleskeule Wolfgang Schaller wird 75

"Lachen, wenn's zum Heulen ist": Der Chef der Dresdner Herkuleskeule Wolfgang Schaller wird 75

75 wird er heute: Wolfgang Schaller. 45 Jahre mit der Dresdner Herkuleskeule liegen hinter ihm, und so wie man ihn kennt, weitere Zeit mit dem Kabarett vor ihm. "Vorzurückzurseiteran", das immer noch aktuelle Programm aus dem Vorjahr, fängt so an, dass man eigentlich gleich wieder nach Hause gehen könnte.

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Wolfgang Schaller, Künstlerischer Leiter der Dresdner Herkuleskeule.

Quelle: Matthias Hiekel/dpa

Denn die Kabarettisten gestehen, dass sie nicht anders können als uns nach dem Motto "Gönnen wir uns mal zwei Stunden Lachen über eine schlechte Welt, die uns nicht braucht und an der wir eh nix ändern können" an einem sarkastischen Exkurs teilhaben zu lassen. Tomas Petzold sprach darüber und anderes mit Wolfgang Schaller.

Frage: So irre witzig und vielfältig der Exkurs auch ist - es bleibt doch ein fatales Gefühl. Sehen Sie eine Chance, da herauszukommen?

Wolfgang Schaller: Es ist ja das Grundproblem, dass viele sagen, es hat sowieso keinen Zweck, ich mische mich nicht mehr ein. Dieses Gefühl ist in der DDR schon dagewesen, aber da gab es noch klare Fronten, heute hingegen durchschauen wir die Probleme überhaupt nicht mehr. Auf die Frage "Was darf bei Ihnen im Kühlschrank nicht fehlen", habe ich mal geantwortet: "Licht." Ich würde das auch auf das Kabarett übersetzen: in diese Unübersichtlichkeit und Undurchsichtigkeit der Probleme ein bisschen Licht bringen. Ich habe ja auf viele Fragen auch keine Antworten. Ich bin in der glücklichen Lage, nur Fragen stellen zu müssen. Ich nenne Probleme, damit wir nicht vergessen, dass es Probleme sind. Wissen Sie: Wir hatten uns so an die Mauer gewöhnt. Sie steht, und dagegen kann man nichts machen. Und plötzlich war sie weg. Durch uns. Und das gilt für mich noch heute: Ein bisschen Mut machen, sich eben nicht bloß am Fernsehsessel festzuhalten. Sondern zur Zivilcourage aufzurufen: Macht mal den Mund auf, lasst euch nicht alles gefallen.

Frage: Warum ist das heute schwieriger oder anders als früher?

Wolfgang Schaller: Ich denke, man muss sich heute sehr viel informieren, bis nachts fernsehen, Zeitungen und Bücher lesen, um einigermaßen zu orten, wo man steht in den Konflikten dieser Welt. Und dann muss meine Wut auf die Verhältnisse zur Wut meiner Kollegen werden, und die müssen es auf ein pluralistisches Publikum übertragen. Wir leben ja in unserem Land auf einer Insel der Seligen. Und auf dieser Insel haben es sich die Kabarettisten und das Publikum vielleicht ein bisschen zu gemütlich gemacht. Einer der reichsten und einflussreichsten Großinvestoren Amerikas, dieser Warren Buffet sagt, "die Zukunft wird der Krieg der Reichen gegen die Armen sein, und die Reichen haben diesen Krieg begonnen und werden ihn gewinnen." Das im Kabarett zu sagen, ist nicht gerade das große Vergnügen, das die Leute erwarten. Leiter und Autor sind sich da im Weg. Als Autor würde ich dem Publikum gern bewusst machen, in welcher Zeit wir leben, aber als Leiter brauche ich zum Überleben unseres großen Ensembles einen vollen Saal, und der ruft nach dem großen Vergnügen. Der Achtzigjährige und der Dreißigjährige, die Hausfrau und der Professor, und wer auch immer wie politisch denkt - sie sollen am Ende sagen: "Das war ein toller Abend, hier gehen wir wieder hin". Glücklicherweise klappt dieser Spagat, wir haben fast jeden Abend einen ausverkauften Saal.

Frage: Ihr nächstes Programm heißt nun aber "Die Zukunft lügt vor uns"...

Wolfgang Schaller: Im Alter hat man das Recht, radikaler zu denken. Das kann ja auch vergnüglich sein, denn das ist doch eine spannende Frage: Wo geht's hin mit der Demokratie in Deutschland. Wo geht's hin mit dem friedlichen Zusammenleben der Völker, wenn die Atomwaffen wieder einsatzbereit gemacht werden. Wenn man das alles weiß, dann kann einem um die Zukunft schon ein bisschen Angst werden. Und sich trotzdem jeden Tag zu sagen, grade in meinem Alter: "das Leben ist schön" - das ist schon ein Balanceakt.

Frage: Ist diese Gesellschaft, speziell in Deutschland mit seiner merkwürdigen Streitkultur, eigentlich noch demokratiefähig?

Wolfgang Schaller: Haben wir überhaupt eine Streitkultur? Für Frau Merkel ist doch alles alternativlos. Demokratie aber lebt vom Streit der Alternativen. Vor allem lebt Demokratie vom Demos, also vom Volk. Aber fast die Hälfte des Volkes glaubt nicht mehr an die Demokratie, fast die Hälfte geht nicht mehr wählen. Wie heißt es bei "König Lear"? "Verrückte führen Blinde". Nach dem Anschlag in Paris haben alle "Satire darf alles" gerufen, auch die, die Tucholsky für eine russische Tabaksorte hielten, und gleichzeitig hieß es, zugunsten der Sicherheit müssten Bürgerrechte eingeschränkt werden. Wir beginnen, die Demokratie mit den Mitteln der Diktatur zu verteidigen, und zwar so lange, bis wir die Demokratie besiegt haben. Außerdem: Satire darf nicht alles. Aufgabe der Satire ist nicht die Beleidigung, sondern die gesellschaftliche Analyse. Ich würde beispielsweise auf Leuten, die wie der frühere Bundespräsident schon am Boden liegen, nicht rumtreten. Das machen wir als Kabarettisten gern, dafür kriegt man auch viel Beifall.

Frage: Ist ein Nummernprogramm, in dem dann auch mal gefragt wird, worüber denn noch nicht geredet wurde, die rechte Form, den Hebel anzusetzen?

Wolfgang Schaller: "Die Zukunft lügt vor uns" besteht aus einzelnen Nummern. Aber wir klopfen alles auf die Frage ab: Was wird? Wird die Schere arm-reich immer größer? Wie werden wir leben im digitalen Zeitalter? Wie lösen wir das mit der Einwanderung". So gesehen doch kein Nummernprogramm.

Frage: Wohl nicht zuletzt der Versuch, auch auf die Fragen einzugehen, die mit und durch Pegida aufgeworfen werden?

Wolfgang Schaller: Wir wählen Volksvertreter, die dann nicht das Volk vertreten. Sondern Lobbys. Das kann nicht gut gehen. Der soziale Frieden ist gefährdet, wenn zu viele das Gefühl haben, ihre Stimme wird von den Politikern nicht mehr gehört. Da kann ich nur sagen: Verschafft euch auf der Straße eine Stimme! Aber ich habe auch eine Verantwortung, wem ich hinterherlaufe. Ich war einmal bei einer Gegendemo, das war die allererste, und da habe ich gedacht, die Hälfte von mir gehört eigentlich auf die andere Seite, weil es da auch um Forderungen geht, die ich unterschreibe. Aber wenn die Schwachen auf die noch Schwächeren einschlagen, auf Flüchtlinge, an deren Elend der Westen mit seiner Politik im Iran, in Syrien oder Libyen nicht unschuldig ist... Zu denen, die bei Pegida jetzt das Sagen haben, gehöre ich nicht.

Frage: Das Kabarett ist nach wie vor eine Tummelplatz von Quereinsteigern, aber Quereinsteiger spielen ja heute überhaupt oft tragende Rollen. Offenbar ist es nicht ganz leicht, sich satirisch treffend mit einigen von denen auseinanderzusetzen, wenn ich nur an die Bundeskanzlerin denke?

Wolfgang Schaller: Gerade beim neuen Stück habe ich gemerkt, wie schwierig es ist, satirisch dieser Figur näherzukommen. 70 Prozent der Leute, auch die, die im Saal sitzen, lieben ihre Kanzlerin, und das ist ein Phänomen. Weil: Sie ist eine Vertreterin des Neoliberalismus, sie tut alles für die Konzerne und Banken, aber der kleine Mann hat den Eindruck, sie tut alles für ihn - Millionen Spareinlagen gehen den Kleinsparern durch ihre Politik jährlich verloren, aber wir lieben Frau Merkel.

Frage: Weil es ihm ohne diese Kanzlerin vielleicht viel schlechter ginge?

Wolfgang Schaller: Ja, weil alle das Gefühl haben, Deutschland geht's gut, wir sind die Nummer eins in Europa, wir sind wieder wer. Ach, waren das schöne Zeiten, als uns Kabarettisten ein Witz über Angelas Frisur genügte, und ein Saal klopfte sich vor Lachen auf die Schenkel. Kabarett ist ja vielerorts so was wie Musikantenstadl mit Politikerwitzen. Natürlich kann es auch politisch sein, wenn einer über seine kaputte Klospülung erzählt. Ich habe mich mit meinen Kollegen geeinigt, das Politische im Politischen zu suchen. Wer im ZDF die Anstalt kennt - Wagner und Uthoff, großartig. Sie sind für mich Brüder im Geiste.

Frage: Ich glaube, das spürt man auch, aber die haben natürlich noch ein paar andere Möglichkeiten der Recherche und der Präsentation...

Wolfgang Schaller: Vor allem haben sie im Saal ein gleichgesinntes Publikum. Und sie spielen einmal, können also hochaktuell sein. Die Herkuleskeule spielt ein Programm 200 Mal. Und "Leise flehen meine Glieder" können wir gar nicht vom Spielplan nehmen, weil es auch beim 700. Mal noch ausverkauft ist. Und das Programm muss auch in der Kneipe noch funktionieren. Wenn der Veranstalter gut bezahlt. Alles muss sich rechnen. Die Kunst ist nicht frei von Zwängen.

Frage: In der Vorstellung, die ich jetzt gesehen habe, gab es eine etwas groteske Situation, als das Publikum aufgefordert wurde, mehr für die Geburtenquote zu tun. Ich habe aber, pardon, kaum eine Frau im gebärfähigen Alter gesehen ...

Wolfgang Schaller: Da waren das vielleicht alles junge Akademikerinnen im besten Karrierealter. Die gebären ja erst mit 60. Ernsthaft, wo sind Sie da reingeraten? Wir sind nämlich sehr stolz, dass unser Publikum sichtbar jünger geworden ist. Aber wir wollen auch am Einlass keine Schilder anbringen: Für Alte verboten!

Frage: Wie groß ist die Erwartungsfreude bezüglich des Kulturpalastes?

Wolfgang Schaller: Im Kulturpalast wird sich eine verjüngte Herkuleskeule vorstellen, in der ich nicht mehr der Leiter sein werde. Ich möchte weiter schreiben und Kabarett machen, aber nicht mehr für alles verantwortlich sein. Der Kulturpalast ist eine Chance für die Herkuleskeule, mitten im Zentrum. Ich privat hoffe, dass wir ein politisches Kabarett bleiben. Gerade weil andere sich der fröhlichen Unterhaltung, dem Volkstheater, der Boulevardkomödie widmen, soll das politische Kabarett unser Markenzeichen bleiben: Lachen, wenn's zum Heulen ist, mal laut, mal leise, mal albern, mal nachdenklich.

Frage: Was lesen Sie zur Zeit?

Wolfgang Schaller: Ich lese leider zu viel, meines Berufs wegen, Problembücher über den Zustand dieser Welt. Ich kann mir glücklicherweise einen Urlaub auf der Insel leisten, lese aber dort Bücher über Finanzkrisen und Krisenherde. Sich das immer anzutun, da muss man schon perverse Neigungen entwickeln. Zur Zeit lese ich mein eigenes Textbuch und merke, was ich alles vergessen habe aufzuschreiben. Und was ich noch nicht gut genug geschrieben habe. Und dann ändere ich den Text, gebe ihn stolz meiner Frau zu lesen, und sie fängt an herumzukritisieren. Zusammen am selben Kabarett und verheiratet - eine Tragikomödie!

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.04.2015

Tomas Petzold

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