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Kurt Weills "Viel Lärm um Liebe" in der Staatsoperette Dresden

Kurt Weills "Viel Lärm um Liebe" in der Staatsoperette Dresden

Reichlich bejubelt wurde am Freitag die Premiere "Viel Lärm um Liebe" an der Staatsoperette Dresden, als ein langer Abend vorüber war. Die etwa drei Stunden waren von mehrfachem Szenenapplaus gestreckt worden, dabei war diese Produktion auch ohne Publikumshilfe schon eine herbe Melange.

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Der Henker wartet schon, doch Frauenliebling Cellini (Miljenko Turk) entgeht dem Scharfrichter.

Quelle: Schulte-Bunert

Zunächst: Was für ein Stoff! Der Renaissancegelehrte Benvenuto Cellini (1500-1571), Bildhauer und Goldschmied aus Florenz, er war nebenher ein triebhafter Ganove durch und durch. Ein Erotomane mit besten Kontakten zum schönen sowie zum (meist weniger schönen) Herrschergeschlecht. Seine (Auto-)Biografie geriet zur Vorlage mehrerer Opern und Dramen.

Alsdann: Kurt Weill (1900-1950), der deutsche Jude aus Dessau, er wandelte sich nach seinen Erfolgen mit der "Dreigroschenoper" und "Mahagonny" mehr und mehr zum amerikanischen Komponisten, ohne jedoch die europäischen Strickmuster des musikalischen Unterhaltungsgewerbes ganz außer acht lassen zu können. So entstand dann nach dem Buch von Edwin Justus Mayer und zu Liedtexten von Ira Gershwin jene Mixtur aus Operette und Musical, mal Broadway-Operette genannt, vielleicht besser als Show bezeichnet.

Die Staatsoperette Dresden nun, in den vergangenen Jahren immer mal wieder mit Raritäten hervorgetreten, sie hat sich nach den eher unbekannten Operetten von Johann Strauß und dem Dresden-Musical "Pardon My English" von George Gershwin nicht allein an die deutschsprachige, sondern zudem an die europäische szenische Erstaufführung des frei nach Shakespeare gezimmerten Titels "Viel Lärm um Liebe" (original "The Firebrand of Florence") gewagt. Das klingt rekordverdächtig. In London, Wien und Dessau gab es bisher nur konzertante Aufführungen; zum Kurt-Weill-Fest 2014 ist das Stück schon vor Dresdens Erstaufführung als Gastspiel eingekauft worden.

Die Frage ist, ob das Ganze wohl auch das Zeug zum Rekord hat? Oder doch eher auf den puren Verdacht hin geplant und am vergangenen Wochenende von einer wissenschaftlichen Tagung begleitet worden ist? Es ist ein verworrener Zweiakter um eine Vierecksgeschichte, wie sie immer und überall (nur nicht immer so blaublütig) einmal vorkommt. Künstler hat Muse und Muse liebt Künstler, auch die Macht (in diesem Fall Herzog Alessandro de'Medici von Florenz) begehrt die Muse und kommt so der reinen Kunst in die Quere. Auf den Künstler hat obendrein die Mächtige (hier: Medici-Gattin und eigentliche Herrscherin von Florenz) ein Auge geworfen, das führt zu heftigsten Verwicklungen, Intrigen und Irritationen.

Regisseur Holger Hauer hat diese stilistisch und inhaltlich verquirlte Mixtur in Szene gesetzt. Sein Problem: Auf das englischsprachige Original konnte er für Leuben kaum zurückgreifen, also musste eine deutsche Textfassung her. Die hat Roman Hinze offenbar nach dem Motto "Was sich nicht reimt, ist keine Stilblüte" erstellt. Beweise gefällig? "Im Paradies sein ist halb so schön / wie in Paris sein mit seiner Seine." Doch lang bevor die Chose zum Finale nach Paris zieht, gibt es in Florenz ("In Firenze / gibt's Feste und Tänze") zum Auftakt das Stadtfest einer Hinrichtung. Viel Pöbel ist anwesend, also Plebs, Politik und auch Pfaffen, Cellini jedoch kann seinen Kopf in letzter Minute aus der Schlinge ziehen.

Das soll dem Künstler - im realen Leben auch dreifachen Mörder - noch mehrmals gelingen. Wozu ist man so be- und geliebt, wenn nicht, um dem Hass zu widerstehen, der einem von Neidern entgegengebracht wird? Der Broadway-Weill hat freilich kein Politikum daraus gemacht, sondern eine Schmonzette. Darin klingt die klassische Operette mit an, sogar Ballettmusik gibt's, der verwegene Weill ist zu hören, aber auch biedere Zugeständnisse zum schnellen Dollar in der Nacht von New York. Im musikalischen Zugriff von Chefdirigent Andreas Schüller sieht das so aus, dass hauseigene Ensembles wie Orchester und Chor bestens präpariert und sich auch nicht zu schade sind, eher verruchte Themen ganz verrucht klingen zu lassen.

All dies nun in Elbflorenz! Da steckt viel Sarkasmus und Parodie in der Partitur, die zum Blühen gebracht wird. Da ist aber auch jede Menge Banalität mit von der Partie. Dramaturgisch geht es neben oft fader Wortwahl flott durch den Abend. Cellini meißelt, flirtet und intrigiert sich zum Liebling am Hofe der Medici, bis er just seinen Gönner Alessandro als Rivalen um die Gunst von Angela auf den Plan ruft. Daraus könnte sich nun eine simple Dreiecksgeschichte entspinnen, doch erstens hat Cellini vorrangig Interesse an der Schönen als Modell für sein Bildwerk, zweitens geilt der Herzog nur um eine Mätresse auf Zeit, drittens bleibt Angela in ihrer Liebe zum Künstler konsequent - und viertens begehrt auch die Herzogin den stolz schönen Mann. Obendrein gibt es noch die Intrige zwischen Alessandro und seinem schlitzohrigen Vetter. Da liegt viel Zeug zum Slapstick drin, keine Gelegenheit dazu wurde verpasst.

Das Personal hat mit enormem Engagement agiert und ohne Makel gesungen, ob Elke Kottmair als draufgängerische Herzogin mit Hang zum Vamp, ob Isabell Schmitt als gescheite Gesellin Emilia, ob Dietrich Seydnitz als verwegener Vetter. Dazu gibt es auch überzeichnete Charaktere, etwa des Grafen Maffio, und biedere Beamte sowie eine Horde von Zombies als Wachmannschaft. Auch Bryan Rothfuss treibt Blüten als vollkommen dämlicher Herzog (obwohl doch gerade die Medici sich vom dümmlichen Adel sehr abhoben). Aufrichtig geradeaus liebt die schöne Angela von Olivia Delauré durch alle Verwicklungen und überzeugt ihr Idol Benvenuto von Kunst und Liebe als durchaus vereinbaren Faktoren. Dieser Held wird von Miljenko Turk charaktervoll selbstbewusst dargestellt - man gönnt es ihm, dass er nicht am Strick hängt, dafür aber die Geliebte an ihm.

Die Inszenierung hat Schwung und wird vom Schmiss der Musik mitgerissen. Gediegen fügen sich Hauers Regie und die Ausstattung von Christoph Weyers ineinander, Kostüme und Bühne haben Pep, das Ballett (Choreografie Christopher Tölle) flutscht agil durchs Geschehen. Broadway-Melange à la Leuben.

nächste Aufführungen: 5., 6.11., 18., 19.12.

www.staatsoperette-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.10.2013

Michael Ernst

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