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Kurt Masurs Zeit bei der Dresdner Philharmonie war Auftakt für seine Karriere

Vertrautheit und Respekt Kurt Masurs Zeit bei der Dresdner Philharmonie war Auftakt für seine Karriere

Zwischen dem Weltbürger Kurt Masur und Dresden hat immer eine sehr enge Verbindung bestanden, die in des Maestros frühen Dirigentenjahren wurzelte. Die Stadt wurde erstmals musikalische Heimat für Masur, als dieser 1955 von Heinz Bongartz als Zweiter Dirigent verpflichtet wurde.

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Kurt Masur leitete das Jubiläumskonzert aus Anlass des 100-jährigen Bestehens der Dresdner Philharmonie 1970 im Kulturpalast.

Quelle: Hans-Joachim Mirschel/aus "125 Jahre Dresdner Philharmonie"

Dresden. Zwischen dem Weltbürger Kurt Masur und Dresden hat immer eine sehr enge Verbindung bestanden, die in des Maestros frühen Dirigentenjahren wurzelte. Die Stadt wurde erstmals musikalische Heimat für Masur, als dieser 1955 von Heinz Bongartz als Zweiter Dirigent der Dresdner Philharmonie verpflichtet wurde. Er blieb zunächst drei Jahre, aber schon in dieser kurzen Zeit lernten das Orchester und das Publikum ihn sehr zu schätzen.

1967 kam er als Chef zurück. Für Masur markierte das den Auftakt für eine Zeit, an die er immer mit einer gewissen Sentimentalität zurückdachte: "Ich habe hier zum ersten Mal erlebt", erinnerte er sich, "dass zwischen Orchester und Dirigent eine solche Harmonie bestehen kann, dass ich nicht Chef sein muss. Die menschliche Verbindung bringt für mich dann erst die Glaubwürdigkeit dem Publikum gegenüber." Und: "Wenn ich wie in New York mit einem Orchester neu beginne, hat auch das mit Rückblick zu tun, mit den Erfahrungen, die ich in Dresden oder Leipzig gesammelt habe, als Chef, als musikalischer Mensch, aber auch als Dirigent, von dem heute verlangt wird, dass er so etwas wie ein geistiger Führer ist."

Mit Kurt Masurs Amtsantritt 1967 habe eine neue Ära des Orchesters begonnen, würdigte ihn gestern die Dresdner Philharmonie. "Er war Profil bestimmend wie wenige vor und nach ihm und prägte binnen weniger Jahre mit seiner vitalen, energiegeladenen Persönlichkeit das künstlerische Schaffen des Orchesters nachhaltig." Masur rief die Philharmonischen Chöre ins Leben und schuf damit die Möglichkeit, die Programmvielfalt des Orchesters wesentlich zu erweitern. Mit ihm auch erfolgte am 7. Oktober 1969 mit Beethovens "Neunter", an deren Interpretation die von ihm neugegründeten Chöre maßgeblich beteiligt waren, die Eröffnung des Dresdner Kulturpalastes als neue Spielstätte des städtischen Klangkörpers.

Wie wichtig Kurt Masur in seinen vielen Positionen gerade der künstlerische Nachwuchs war, belegen z.B. die Erinnerungen Ralf-Carsten Brömsels, des Ersten Konzertmeisters der Philharmonie, der schon als Kind den Dirigenten kennenlernte: "Er war durch eine Talentesendung im Fernsehen auf mich aufmerksam geworden und nahm mich dann sozusagen heimlich zu Bruckneraufnahmen in die Lukaskirche und weiteren Proben mit. Er war für mich quasi ein väterlicher Freund, der mich in einmaliger Weise an die Musik heranführte ... Nicht nur für mich, sondern auch für das Orchester war er ein zugleich liebevoller und strenger Erzieher ... Über schwere Schicksalsschläge hinweg brannte er für die Musik, ich werde immer mit Dankbarkeit und großem Respekt an ihn denken."

Kurt Masur war mit seinen Dresdnern auch eins in dem Bestreben, durch die Gründung einer "Kurt Masur Akademie - Orchesterakademie der Dresdner Philharmonie" für neue, in die Zukunft weisende Impulse zu sorgen. Außergewöhnlich große Vertrautheit und Offenheit, von gegenseitigem Respekt getragen, seien "für jeden jungen Musiker unglaublich wertvoll", schrieb er im Mai 2005. "Musikalisch leistet die Dresdner Philharmonie bis heute Großartiges. Und dass sich dieses Orchester mit seinem Chef Michael Sanderling auch die Aufgeschlossenheit gegenüber jungen Musikern bewahrt hat, ist wirklich ein Glück. Hier ist eine wunderbare Tradition gewachsen ..." "Besonders berührend, gerade aus heutiger Sicht", erklärte gestern Philharmonie-Intendantin Frauke Roth, war der abschließende Besuch Kurt Masurs auf der Baustelle des Kulturpalastes mit einem Blick in den künftigen Konzertsaal. "Das war sein besonderer Wunsch gewesen." Denn als nach 1989 die Diskussionen um den inzwischen auch baulich in die Jahre gekommenen Saal entbrannten, unterstützte Masur rasch die Forderung nach verbesserten Auftrittsbedingungen für sein Orchester. Später zeigte er sich offen für Kompromisse: "Dresden sollte", so der Maestro 2009 auf die Frage nach einem neuen Konzerthaus statt Kulturpalastumbau, "in dieser Richtung im Augenblick aufhören zu träumen". Die von ihm eingesehenen Entwürfe für den Umbau des denkmalgeschützten Mehrzweckhauses am Altmarkt zum akustisch hochklassigen Konzertsaal böten funktional ideale Bedingungen für die Philharmonie, betonte er.

Masur habe seine künstlerischen Intentionen in vollem Umfang in Dresden realisieren können, bilanziert Dieter Härtwig, bis zu seinem Ausscheiden 1997 mehr als drei Jahrzehnte lang Chefdramaturg der Philharmonie. Besondere Aufmerksamkeit habe der Dirigent den traditionellen Zykluskonzerten und der Verpflichtung prominenter Solisten gewidmet. "Masur förderte das zeitgenössische Musikschaffen, sorgte für eine verstärkte Reise- und Schallplattentätigkeit des Orchesters, das er erheblich vergrößern konnte beim Umzug aus dem Hygiene-Museum 1969 in den neu erbauten Kulturpalast."

1994 wurde Masur zum ersten Ehrendirigenten in der Geschichte der Philharmonie ernannt. 2004 erhielt er den ersten "Glashütte Original-Musikfestspiel-Preis Saeculum". Die Stadt als eine der wenigen, die noch "wirkliche kulturelle Traditionen" besitze und bewahre, sei ein "Mutterboden" gewesen, auf dem man gedeihen konnte, sagte er damals. 1972 in die Welt gegangen sei er aus Angst, zu bequem zu werden, und um sich den Wind um die Ohren wehen zu lassen.

Dresden sei in den letzten Jahren sehr dynamisch geworden, verteilte er Komplimente. Die Stadt müsse allerdings ihr Gesicht bewahren, und dessen markanteste Züge seien unbestritten die Künste und darunter vor allem die Musik, schrieb Masur Dresden ins Stammbuch. Sie sollte sich bewusst werden, dass sie eine "Leuchtturmfunktion" habe, mahnte der Maestro mit Blick auf immer wieder drohende Kürzungen im Kulturetat.

Jetzt ist der Mahner verstummt, aber seine Musik und seine Botschaft werden bleiben.

Kerstin Leiße

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