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Kunsttherapie im sächsischen Strafvollzug

Buch über Kunst im Gefängnis Kunsttherapie im sächsischen Strafvollzug

„Wenn jemand so verbaut ist, dass er immer nur auf die falsche Taste drücken kann, muss ihm geholfen werden“, sagt Alfred Haberkorn. Seit fast 20 Jahren arbeitet der Endvierziger als Kunsttherapeut im Strafvollzug. Zusammen mit drei Kolleginnen brachte er nun ein Buch heraus, in dem zehn in sächsischen Gefängnissen tätige Kunsttherapeuten Einblick in ihren Berufsalltag geben.

Eine Ausstellung von Inhaftierten des Frauengefängnisses in Chemnitz in einer Zelle der ehemaligen Justizvollzugsanstalt Kaßberg.

Quelle: Susanne Koch

Dresden. „Wenn jemand so verbaut ist, dass er immer nur auf die falsche Taste drücken kann, muss ihm geholfen werden“, sagt Alfred Haberkorn. Seit fast 20 Jahren arbeitet der Endvierziger als Kunsttherapeut im Strafvollzug. Zusammen mit drei Kolleginnen brachte er nun ein Buch heraus, in dem zehn in sächsischen Gefängnissen tätige Kunsttherapeuten Einblick in ihren Berufsalltag geben.

Die zahlreichen Beispiele geben dem Leser eine plastische Vorstellung von den Möglichkeiten und Anforderungen kunsttherapeutischer Arbeit im Strafvollzug. Porträtmalerei kann Inhaftierten helfen, das Verhältnis zu ihren Kindern zu intensivieren und mehr Verantwortung zu übernehmen. Man stellt erstaunt fest, dass manch hartgesottener Krimineller eine Leidenschaft fürs Häkeln entwickelt und erst über das Handarbeiten in der Gruppe sich therapeutischen Gesprächen öffnet. Und es wird klar, warum es manchmal wichtig ist, gerade auch sehr enthusiastisch musizierenden Gefangenen bei der Auswahl der Stücke auf die Finger zu gucken. Gemeinsames Musizieren fördert zwar die Fähigkeit zum sozialen Miteinander, schon weil man gezwungen ist, sich gegenseitig zuzuhören, doch die Kraft der Musik kann auch in die falsche Richtung ausschlagen. Das Spielen von Stücken zum Beispiel, die unmittelbar mit Drogenkonsum verbunden sind, kann derart berauschen, dass Inhaftierte danach kaum mehr in der Lage sind, geradeaus zu laufen. Hier gilt es, positive Kräfte weckende musikalische Alternativen bei den Gefangenen zu etablieren.

Häftlingen fehlt es meistens an Vorbildern jenseits krimineller Subkulturen. Männliche Therapeuten, die eine solche Rolle übernehmen, sind rar. Zwar wollte Haberkorn immer „als Mann mit Männern arbeiten“, doch an das Gefängnis als Betätigungsfeld dachte er dabei zunächst nicht. Als er in der JVA Zeithain die Schwangerschaftsvertretung für die bundesweit erste festangestellte Kunsttherapeutin im Justizvollzug übernahm, war er zunächst skeptisch. „Aber das dauerte nicht länger als einen halben Tag, danach wusste ich, hier bin ich am richtigen Platz“, sagt Haberkorn. Man merkt, er brennt für die Sache, auch nach fast zwei Jahrzehnten Berufspraxis.

2008 gründete er, unterstützt vom Justizminister und der Gefängnisdirektion, das Kreativzentrum Zeithain. Hier bieten vier Kunsttherapeuten auf freiwilliger Basis künstlerische Betätigungen für Inhaftierte an. Beim Malen, Bildhauern, Musizieren oder Theaterspielen werden nicht nur handwerkliche Fähigkeiten vermittelt, Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz erlernt, sondern auch ein besserer Kontakt zu sich selbst und anderen hergestellt. Künstlerische Betätigung hilft, aus festgefügten Rollen auszubrechen und neue Verhaltensmuster zu erproben. Manch einer entdeckt ungeahnte Talente und Fähigkeiten bei sich. Ein Häftling beschreibt das im Buch so: „Auf der Piste (ein Synonym für den Gefängnisflur) gibt es nur diese Profilierungsgespräche: Ich bin geiler, ich bin stärker, ich hab die krasseren Sachen gemacht und so. Beim Malen kann man sich einfach mal auf sich konzentrieren, und beim Theater kann man mal in eine andere Rolle schlüpfen und aus sich rausgehen, ein bisschen abdrehen.“ Dieses sich in positiver Weise „auf sich konzentrieren“ ist leichter gesagt als getan. Für viele Inhaftierte ist das stundenlange Alleinsein in der Zelle während des Einschlusses eine schwere seelische Belastung, die Isolation schürt Grübeleien und Ängste, die allein schwer zu bewältigen sind. Die Kunsttherapie ermöglicht, das eigene Selbst betreffende Emotionen und Wünsche indirekt preiszugeben und über das Werk zu kommunizieren, ohne das Gesicht zu verlieren. Viele Inhaftierte empfinden psychotherapeutische Behandlungsangebote als eine unzumutbare Verletzung ihres Stolzes, denn darauf einzugehen wäre gleichbedeutend mit dem Eingeständnis der eigenen Ohnmacht. Hinter der Kunst hingegen kann man sich verstecken, geht es doch nach außen nicht um die eigene Person, sondern um das Werk. Kunsttherapeuten urteilen nicht, sie wenden sich den Arbeiten und damit den Klienten selbst mit empathischem Interesse zu und halten es aus, gelegentlich zurückgestoßen zu werden. Das schafft Vertrauen.

Im Gefängnis gibt es wenig Gelegenheit zu selbstbestimmtem Handeln. Kunst steht für Autonomie und Auflehnung und wirkt darum als attraktive Gelegenheit, der Langeweile zu entgehen. Die Chance, dass sich die Beziehung zu sich selbst und anderen Menschen durch die Therapie verbessert, erscheint höher als bei von außen auferlegten erzieherischen Maßnahmen. Diese und andere Vorzüge kunsttherapeutischer Arbeit werden in der Publikation ausführlich dargestellt. Nach der Lektüre glaubt man gerne an die besondere Wirksamkeit von Kunsttherapie im Gefängnis, auch wenn es dazu bisher keine wissenschaftlich tragfähigen Studien gibt.

Und man freut sich zu hören, dass Sachsen dabei bundesweit eine Vorrangstellung einnimmt. Lew Tolstoi sagte: Um einen Staat zu beurteilen, muss man sich seine Gefängnisse von innen ansehen.“ In Sachsen arbeiten in sechs von zehn Justizvollzugsanstalten insgesamt 17 diplomierte Kunsttherapeuten. Das ist im Vergleich zu anderen Bundesländern sensationell viel. Tolstoi hätte das gefallen.

Von Kirsten Jäschke

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