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Regional Kunst- und Wissenschaftspreis KUWI geht an Tänzerinnen und Mathematiker
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14:09 23.12.2017
Annett Gerlach, Projektion "Rise and Set" mit Betrachter  Quelle: Anna Tiessen
Dresden

 Was spricht dafür, sich im Zeitalter digitaler Synchronizität noch live vor Ort in eine Ausstellung zu begeben und Kunst anzuschauen? Anlass und Aufhänger der diesjährigen 4. Auflage des Kunst und Wissenschaftspreises sind mit dem Thema „Echtzeit“ gut gewählt, um an qualitativen Fragen das Thema der Wahrnehmungspräsenz durchzuspielen und mit dem Thema der Effizienz und Schnelligkeit von Übertragungsraten zugleich auch die Frage nach der Rückkopplung zu unserer unmittelbaren Gegenwart und Human- und Individualperspektive zu stellen. „Zwischen Millisekunde und Authentizität“ ist der Untertitel der Ausstellung benannt.

Die sieben künstlerischen Beiträge präsentieren sich in den Technischen Sammlungen in klaren Positionen und in mehr als bloß thematischer Beschreibung, die dem Betrachter auch je Raum genug geben, sie mit seiner eigenen Wahrnehmung zu vervollständigen. Die divergierenden Ansatzpunkte geben vielfältige Anregungen und Gelegenheit, den Fragen von Daten-/ Reiz-Transfers und Prozesslaufzeiten sowie Vergegenwärtigungsvorgängen zwischen Senden und Empfangen im wahrnehmenden und rezipierenden Bewusstsein nachzugehen.

Bemerkenswert konzentriert und reflektiert, aber dennoch spielerisch offen und unterhaltsam zeigen sich die präsentierten Kunstprojekte, die ausgewählt aus 19 Einreichungen seit dem Sommer mit einem kleinen Projektgeld Ideenansätze ausgearbeitet haben, welche sich auch bei eingegangenen Kooperationen mit Wissenschaftlern überzeugend eigenständig darstellen. Die in der ersten Etage im Sonderausstellungsraum sowie in der 5. Etage im Goldberg-Saal und von außen wahrnehmbar auf dem Dach zu sehenden Beiträge sind Arbeiten, in denen - um es mit dem Ansatz einer der Künstlerinnen zu formulieren: „Wahrnehmungen und deren Rolle bei der Konstruktion von Realität eine zentrale Rolle spielen.“ Der Beitrag dieser Künstlerin – Annett Gerlach - kann denn auch paradigmatisch stehen, indem sie die anthropozentrische Sicht - die in der Blickperspektive des einzelnen Menschen zugleich die Grundlage jeder Kunstrezeption ist - zum Thema der Hinterfragung macht. Mit zwei Filmvisualisierungen als Versuchsanordnung bemüht sie sich um die Richtigstellung des von der Erde aus differierend zur wissenschaftlichen Erkenntnis als Auf- und Untergang von Sonne und Mond wahr genommenen täglichen Himmelsschauspiels. Mit diesem Versuchsmodell der Veranschaulichung wissenschaftlicher Erkenntnis vor unseren eigenen Augen macht sich in der Tat nicht nur die Frage nach der Glaubwürdigkeit und Relativierung des individuellen menschlichen Blicks sondern auch die nach der möglichen allmählichen Anpassung von Wahrnehmungseindrücken an Hintergründe optischen Wissens relevant.

Anderen als visuellen Sinneseindrücken widmet sich Wolfgang Georgsdorf im oberen Goldbergsaal, indem er mit Gerüchen auf die am frühesten und tiefsten übermittelten Sinnesreize referiert, die ohne intellektuelle Übersetzungsleistung direkt in unserem Bewusstsein ankommen und dieses an-sprechen. Gewissermaßen auf der Suche nach der verlorenen Zeit können wir hier unsere Nasen in unterschiedliche Töpfe halten und ihrer Wirkung nachfolgen. Die Preisjury, die aus Vertretern des Dresdner Zentrums für Wissenschaft und Kunst u.a. der Kuratorin Sabine Zimmermann-Törne sowie Roland Schwarz, dem Direktor der Technischen Sammlungen und Stephan Hoffmann vom Kulturhauptstadtbüro, das das Preisgeld stiftete, bestand, hatte am Eröffnungsabend die als Lecture Performance vorgeführte Arbeit Georgsdorfs sowie auch die Tanzperformance der go plastic company im Sinne der Vollständigkeit des künstlerischen Präsentationsformates für die Preisbewertung abzuwarten. Aber auch die Arbeit von Matthias Reindel hing insbesondere mit dem aktuellen Abendgeschehen nämlich einer weiteren Ausstellungseröffnung seiner Plastiken an der Dresdner HfBK zusammen, mit der seine Präsentation interagierte. Sie rückte die dort von den Besuchern besonders beachteten Kunstobjekte in den Fokus seiner Monitorprojektionen und nutzte damit Selbstbespiegelung, um Wahrnehmungs- und Beobachtungspraktiken analog zu heutigen digitalen Marktanalysestrategien zu thematisieren. Das kann man Selbstbezogenheit nennen oder auch nicht…. Was Kunst im Vergleich mit der Wissenschaft leistet, ist nicht diese zu illustrieren oder in ästhetische Prozesse zu übersetzen, vielmehr liegt ihr ureigener Ansatz und Mehrwert genau in der Verhandlung individueller gegenüber einer verallgemeinerten Wahrnehmung. Die Stoßrichtung des von der Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch in ihrer Einführungsrede eingangs und ausgangs zitierten Wortes von Durs Grünbein, dass „Kunst in ihrer Autonomiebewegung als Reflexionsprozess mit der Selbstbezüglichkeit an Interesse verliert“ ist ein haltloser Pauschalvorwurf gegen heutige Kunstpraxis. Denn der Fokus und die Thematisierung von Wahrnehmungsfragen in der Kunst, auch kritisch ihren eigenen Bedingungen gegenüber, ist gerade in der Konsequenz auch ihr Potenzial.

Offen und leicht vermag die Ausstellung bestehende Vorhaltungen und Ressentiments aufzulösen und die Sinnfälligkeit der Perspektiven von Kunst und Wissenschaft nebeneinander zu beglaubigen. Ganz spielerisch und in l‘art por l‘art Manier lässt Matthias Lehmann die Schriftskulptur „Bling!“ weithin sichtbar auf dem Ernemannturm aufblinken, die mit öffentlich nutzbarem „Schalter“ unter www.bling.jetzt zu aktivieren ist, wie am Eröffnungsabend sogar von Neuseeland aus ohne Zeitverzögerung und als AHA-Effekt von Gegenwartserfahrung vorexerziert.

In der musealen Präsentation weniger als im mobilen Objekt und seiner Nutzung selbst, löst sich der Ansatz Lion Hoffmanns ein, mit dem Eigenbau eines Gefährts die medialen Steuerungsleistungen selbstfahrender Autos zu „erfahren“. Mit einem etwas starren Pyramidenobjekt warten Benjamin Hummitzsch und Robert Richter auf, um ihr Gedankenspiel einer futurologischen Brutkammer zu beschreiben. Bei dieser Spannbreite der künstlerischen Ansätze erschien die Preisträgerentscheidung für „Phase2Phase“ von Cindy Hammer, Susan Schubert (go plastic company) und Florian Stenger und Axel Voigt (TU Dresden) doch etwas eindimensional. Wie schon auf Dutzenden von Cynet Art Durchgängen wiederholt, arbeitet sich der Beitrag daran ab, die Körpererfahrung und Spurensicherung von Bewegungssequenzen in einem virtuellen Strukturgerüst in im Grunde sehr eng vordefinierten Rahmen und Bildmustern sowie damit individuelles Verhalten in hochtechnologischen Strukturen zu erfassen und aufzuzeichnen, und darüber hinaus qua Proklamation auch auf Fake Technologien und Sonstiges zu reagieren…. Dass Kunst im Bewusstsein ihrer Zwiesprachefunktion zwischen individuellem und gemeinschaftlichem Erleben ihr genuines Potenzial neben dem wissenschaftlichen Ansatz der Wissenschaft zu behaupten versteht, kann die Ausstellung insgesamt vielfältig deutlich machen, und erlaubt die öffentliche Debatte auch mit dem bis zum März noch zu kürenden Publikumspreis.

„Echtzeit. Zwischen Millisekunde und Authentizität“, bis 11.3.2018, Technische Sammlungen, Di-Fr 9-17Uhr, Sa/ So/ Feiertage 10-18Uhr, 24./25. Und 31.12 geschlossen, Neujahrstag 14-18Uhr

Von Lydia Hempel

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