Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Kugelschreiberzeichnungen von Nadine Wölk
Nachrichten Kultur Regional Kugelschreiberzeichnungen von Nadine Wölk
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:48 18.07.2017
Die Kugelzeichnerschreibung „Woodland III“ aus dem The Delft Project von Nadine Wölk. Quelle: Kreative Werkstatt

„The Delft Project heißt die aktuelle Ausstellung der Dresdner Malerin Nadine Wölk in der Kreativen Werkstatt. Ein Titel, der mehr verheißt als offenbart, ein Code, den man zunächst vergeblich anhand der vorzufindenden Bilder und Titel zu entschlüsseln versucht.

Die Wände des Raumes sind flankiert von blauen Kugelschreiberzeichnungen auf weißem Papier. Auch ein paar Leinwände im gleichen, reduzierten Farbspektrum finden sich darunter. In der Mitte Solitäre mit vermeintlichen Porzellanengeln und ja, einer Dose Grünkohl. So unprätentiös die Auswahl ihrer bildnerischen Mittel ist, so erhaben ist sie über die Wertigkeit der Motive ihrer Arbeiten. Da möge man meinen, die Ausstellung besticht durch Reduzierung, tatsächlich ist es aber die unkonventionelle und von Traditionen unbefangene Herangehensweise der jungen Künstlerin.

Ein Zufall wollte es, dass Nadine Wölk vor etwa zwei Jahren beim Arbeiten nicht an Ihre Acrylfarben kam und stattdessen zum Kuli griff. Und so einfach es klingt, diesen gewöhnlichen Schreibgriffel eben auch mal zum Malen zu benutzen, umso erstaunlicher ist die Wirkung, die diese Arbeiten erreichen. Sie ziehen an, sie saugen hinein, in die Stadt, in die Tiefe, ins Wasser, ins Dunkel der Nacht, in die blauen Stunden. Zeigen uns feinlinige unmittelbare Porträts und mehr oder weniger komplexe Bildsituationen des Alltags.

Je stärker sich die Linien verdichten, sich einzelne Striche zu einer glänzenden Fläche zusammenziehen, umso intensiver wird es: das Blau. Ultra ist es – das Marineblau! Man blickt auf Arbeiten, die Szenerien der Gegenwart zeigen – der Jetzt-Zeit. Nadine Wölks Sujet ist mit dem unmittelbar Zeitgenössischen zu beschreiben, mit Momentaufnahmen des Augenblicklichen. Sie kollaboriert mit dem kollektiven Gedächtnis der Generation und Kultur, der sie angehört. Sie bildet das Leben ab wie es ist, ohne Schnörkel, ohne Schönfärberei, aber auch ohne Zynismus und Kritik. Der Mensch und sein Beiwerk spielen die Hauptrollen in den Szenerien des Alltäglichen und ihren gewöhnlichen Momenten. Das Davor und Danach scheint offenbar und im dargestellten Augenblick enthalten. Die Arbeit „Woodland III“, die als Coverbild der Einladungskarte ausgewählt wurde, zeigt einen Mann beim Fotografieren. Von hinten. Es ist Nacht. Der Betrachter blickt ihm über die Schulter. Vermutlich versucht er den Lichterschwarm einer Stadt, die vor ihm liegt, einzufangen. Und da auch sein Rücken beleuchtet ist, steht der Betrachter da, von wo aus er selber fotografiert wurde. Durch den Blitz leuchtet ein weißer Vogel auf, der als Patch seine Weste schmückt. Mit der Bestimmtheit eines Ornithologen denkt man: das ist ein Twitter!

Aber wissen tut man das nicht, weil man sich uns mit Vogelarten so gut auskennt, sondern weil man Zeitgenosse ist. Dennoch sind Nadine Wölks Arbeiten keine bloße Übertragungen von Fotografien, es sind Arrangements aus Situationen und Fragmenten des Alltäglichen. Sie sind Transformationen und nicht die Wahrhaftigkeit, es ist Kunst, keine Dokumentation. Den sehr aufwendigen und mühselig hergestellten Werken liegt eine unbedingte Willenserklärung zu Grunde, eine feste Absicht in der Wahl des Mittels. Nadine Wölks Bilder sind eine Ansage! Und zwar an die Kürze der Momentaufnahme, der ein langer künstlerischer Prozess gegenübergestellt wird. An traditionelle Kompositionen und Techniken, die unkonventionell interpretiert werden. An die 140 Zeichen eines Tweets, denen mit tagelanger Arbeit, vielen hunderten Stiften und Tausenden Linien begegnet wird.

„The Delft Project“ zeigt den Arbeitsstand eines noch nicht abgeschlossenen Zyklus, gibt einen Überblick über die in den vergangenen zwei Jahren entstandenen Werke und ist ein Versuch innerhalb ihres Oeuvres mit nur einer Farbe zu probieren, was geht.

Die Delfter Keramik war eine erfolgreiche holländische Imitation des hochgeschätzten Chinesischen Porzellans. Und so sind auch die Engel nicht aus Porzellan, sondern Ton, tragen blaue Jogginghosen mit drei weißen Streifen und sind tätowiert. Aber warum sollten sie das in der Jetzt-Zeit auch nicht sein?!

Nadine Wölk. The Delft Project. Malerei, Grafik, Objekt, bis 30.7., Werkgalerie Kreative Werkstatt, Bürgerstraße 50, Galvanohof. Di-Do 10-16 Uhr, Fr 14 - 18 Uhr

www.kreative-werkstatt.de

Von Verena Andreas

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die beiden Hegenbarth-Künstlerstipendiaten des Jahres 2014 sind vorgestellt, deren vielversprechende Portfolios sich aus über 40 Bewerbungen hervorgetan hatten.

25.06.2018

Am morgigen Sonntag wird sie 85 Jahre, trotzdem strahlt Ursula Rzodeczko mit jugendlich wirkendem Gesicht, als sie über ihr Künstlerleben spricht. Es gibt noch Reibungen, die sie jung erhalten.

19.06.2018

Wer vor sieben Jahren daran gedacht hätte, dass in der so frisch wie mutig gestarteten Veranstaltungsreihe Feature-Ring einmal das 50. Konzert ausgerichtet werden würde, wäre vermutlich ungläubig belächelt worden.

09.02.2018
Anzeige