Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Kritischer als gedacht: Arne Retzlaff sucht auf Kuba ein Theater für eine Koproduktion

Kritischer als gedacht: Arne Retzlaff sucht auf Kuba ein Theater für eine Koproduktion

Als ich 2013 nach zwölf Jahren als Schauspieldirektor die Landesbühnen Sachsen verließ, verabredeten Intendant Manuel Schöbel und ich ein gemeinsames Projekt.

Ich sollte in Kuba ein Theater suchen, das an einer Kooperation interessiert ist. Wir fabulierten über Inhalt, Organisation und Ausmaß eines möglichen Projektes und kamen zum Schluss auf das Stück "Die Ritter der Tafelrunde" von Christoph Hein, eines der wichtigsten Theaterstücke am Ende der DDR, das wir einem möglichen kubanischen Partner vorschlagen wollten. Diesen Text nach 25 Jahren auf Spanisch, von kubanischen Schauspielern und Regisseuren auf die Bühne gebracht, stellten wir uns ungeheuer spannend vor. Gleichzeitig sollte ich ein kubanisches Stück finden, das sich auf der Basis einer kubanischen Legende dem Thema: "Auf der Suche nach dem Gral" nähert. Gegenseitige Gastspiele und gemeinsame Aufführungen in beiden Ländern wurden angedacht.

Mit meiner Familie habe ich dann ein Jahr in Kuba, fernab der Touristenrouten im beschaulichen Manzanillo im Südosten der Insel gelebt. Wir hatten diesen Aufenthalt lange geplant. Unser Ziel war, unserem Sohn seine zweite Heimat, Kultur, Sprache erfahrbar zu machen, unser Haus, das wir ein Jahr zuvor gekauft hatten, auszubauen und das Kooperationsprojekt voranzutreiben. Wir hatten José-Alexander konsequent zweisprachig erzogen, und nachdem alle Dokumente beisammen, die Schuluniform, Bücher, Hefte, Stifte organisiert waren, alles kostenlos, eine kleine Schule im Zentrum der Stadt ausgesucht war, konnte er Anfang September 2013 mit der dritten Klasse beginnen. Er musste nur noch die Nationalhymne lernen, mit der jeder Schultag begann. In Josés Klasse gab es fünfzehn Schüler, alles war sehr familiär und neben Spanisch, Mathematik standen auch Englisch, Schach und Umgang mit Computern auf dem Stundenplan. Geschrieben wurde mit Bleistift, Sportunterricht fand auf der Straße statt.

Ich liebe den Osten Kubas und hatte mir vorgenommen, das Projekt einer Kooperation auf diesen zu konzentrieren. Meine Suche beginnt in Manzanillo. Nach einer Aufführung von ATEGUA, einer Theatergruppe der Stadt, nehme ich Kontakt mit deren Leiterin auf, zwei Tage später bin ich zu einer Probe eingeladen. Geprobt wird in einem ehemaligen Kino, die Stuhlreihen sind vorhanden, im Hintergrund die Reste der Projektionswand, die Scheinwerfer aber schon ausgebaut. Der ganze Raum wird nur von einer an der Decke hängenden Neonröhre und durch eine offene Tür erhellt. Der Blick in die Seelen im Halbdunkel, die Lust am Gestalten im Verfall, der Auftritt im Abbruch.

Auf unserer Fahrt nach Havanna, wo ich verschiedene Institutionen besuchen und für unser Projekt gewinnen will, machen wir in Camagüey halt und verabreden uns mit dem Leiter des Teatro del Viento, das mir als das innovativste außerhalb Havannas genannt worden war. Camagüey ist die drittgrößte Stadt Kubas, berühmt für seine wunderschönen Plätze und Parks und die verwinkelte Altstadt. Und für seine lebendige Kunstszene.

Freddys Núñez Estenoz holt uns zu einem Streifzug durch die verschiedenen Cafés ab. Er ist ein aufgeschlossener Mensch, der gleich zur Sache kommt, über die Gründung der Theatertruppe 1999 und die ersten Jahre, als sie noch völlig ohne Subventionen auskommen musste, erzählt. Man merkt in seinen Worten und Gesten, da spricht ein Beseelter, ein Besessener. Er ist nicht nur Autor, Regisseur, Gründer und Leiter des Theaters Teatro del Viento, sondern auch Organisator des Nationalen Theatertreffens, das alle zwei Jahre im September stattfindet. Wir verabreden ein erneutes Treffen in Camagüey, um eine Aufführung sehen zu können, und weiter geht die Reise nach Havanna.

Überall in Kuba wird gebaut. In keinem anderen Sektor ist das Dilemma, aber auch der Transformationsprozess des Landes deutlicher sichtbar. "Man verkauft oder tauscht" ist an vielen Häusern zu lesen. 2011 ist ein neues Gesetz erlassen worden, das den Handel mit Immobilien erlaubt und einen wahren Bauboom ausgelöst hat. Ziel war es, Geld der Exilkubaner und Ausländer ins Land zu holen und so den Verfall der Bausubstanz zu stoppen. Hausbau in Kuba ist ein Spiel mit vielen Unbekannten. Manchmal gibt es genug Material, dann wieder herrscht im Baumarkt gähnende Leere. Bei uns ist Tania, meine Frau, die Bauchefin. Sie organisiert, führt die Verhandlungen. Da alle selbst gebaut haben, gerade bauen oder bauen werden, sind auch alle Fachleute. Familie, Freunde, Nachbarn, alle helfen.

Die letzten Kilometer vor Havanna. Eine herrliche Fahrt über die mehrspurige Nationalstraße, vorbei am Fischerdörfchen Cojímar, bekannt als Ankerplatz von Hemingways Yacht "Pilar" und als Filmkulisse zu "Der alte Mann und das Meer", rechts immer die Wellen des Golfes von Mexiko vor Augen und vor mir die Skyline der Hauptstadt. Dann geht es am letzten Kontrollpunkt vorbei und durch den Tunnel unter der Bucht hindurch. Taucht man wieder auf, ist man schon im Herzen der 2,2-Millionen-Stadt und erblickt die Hafeneinfahrt mit den Festungen.

Zuerst fahre ich zum Verbindungsbüro des Goetheinstituts. Es bietet seine Unterstützung bei der Übersetzung der "Ritter der Tafelrunde" an. Von der Botschaft gehe ich direkt zum Nationalrat für Darstellende Kunst im Ministerium für Kultur, um mit dem Vizepräsidenten, Rafael Pérez-Malo, zu sprechen. Von meiner Überlegung, mit Camagüey zusammenzuarbeiten und die Kooperation auf den Osten Kubas zu konzentrieren, ist er begeistert und verspricht jegliche Unterstützung.

Einige Wochen später fahre ich erneut nach Camagüey, um im Teatro del Viento eine Aufführung des Stückes "Elstern" von Freddys Nuñez Estenoz anzusehen. Ein hartes, ehrliches Stück über den Mord an einem Strichjungen, der in der Stadt passiert war und viel Aufsehen erregt hatte. Ein schwarzer Raum, etwas Licht, vier Schauspieler und ein Text, der von unbedingter Lebensgier spricht, von der Sehnsucht nach Erweiterung, von der alltäglichen Verzweiflung. Verstörend. Gnadenlos. Über das Maß an Offenheit und Gesellschaftskritik bin ich erstaunt.

Der Theaterleiter hat die gesamte Truppe versammelt, stellt mir jeden Mitarbeiter vor, von der Einlassfrau bis zum Hauptdarsteller, und erzählt von der investigativen Probenarbeit. Um die Situationen und die Charaktere der Figuren wirklich zu kennen, mussten sich die Schauspieler als Prostituierte und Strichjunge verkleiden und nachts an die entsprechenden Plätze gehen. Es wurden Interviews in der Szene, auch mit Eltern von betroffenen Jugendlichen, geführt; der Regis- seur wurde gar zwei Mal verhaftet und verhört.

Meine Suche in Kuba hat mich nicht den Gral finden lassen, aber Menschen, die sich intensiv und kritisch mit ihrer Gesellschaft auseinandersetzen, und ein Theater, mit dem eine Zusammenarbeit für beide Seiten nur eine Bereicherung sein kann.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.09.2014

Arne Retzlaff

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr