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Kreuzkantor Roderich Kreile über das Jubiläumsjahr und die Zukunft

Exklusivinterview Kreuzkantor Roderich Kreile über das Jubiläumsjahr und die Zukunft

Hinter dem Dresdner Kreuzchor liegt das Jubiläum 800 Jahre – mit Aufführungen und Ereignissen, die Beifall, aber auch Kritik fanden. Die Zäsur und das am Wochenende anstehende Gedenkkonzert des Kreuzchors waren Anlass, dem Kreuzkantor Roderich Kreile Fragen zu stellen.

Kreuzkantor Roderich Kreile
 

Quelle: Astrid Ackermann

Dresden.  Hinter dem Dresdner Kreuzchor liegt das Jubiläum 800 Jahre – mit Aufführungen und Ereignissen, die Beifall, aber auch Kritik fanden. Die Zäsur und das am Wochenende anstehende Gedenkkonzert des Kreuzchors waren Anlass, dem Kreuzkantor Roderich Kreile Fragen zu stellen.

Frage: Das Jubiläum 800 Jahre Kreuzchor liegt hinter Ihnen. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Roderich Kreile: Sowohl für die Jungs als auch für das Haus war es ein ganz fulminanter Erfolg. Wir haben Menschen in einer bisher nie erreichten Zahl angesprochen. Und natürlich liegen ganz eindrucksvolle Konzerte hinter uns. Es war ein großes Jahr für uns.

Hat sich durch das Jubiläum die Außenwahrnehmung des Kreuzchors in und außerhalb Dresdens noch verbessert?

Es war erst einmal eine Art Selbstbestätigung: Der Chor hat sich künstlerisch als überaus leistungsfähig erwiesen, er hat Partnerschaften mit bedeutenden Orchestern untermauern können, nicht zuletzt hat er auch ein höheres Maß an Bekanntheit erreicht. Es wissen jetzt einfach noch mehr Leute, dass es in Dresden einen qualitativ hervorragenden Chor gibt, und das ist Gold wert! Auf dem internationalen Musikmarkt nehmen uns unsere Partner nun als eine noch heller leuchtende Marke wahr. Und von unseren Sponsoringpartnerschaften versprechen wir uns auch eine längerfristige Stärkung unseres Tuns.

Glauben Sie, dass es dem Chor angemessen ist, ihn wie Glashütter Uhren, Autos von VW und Meißner Porzellan zu vermarkten?

Man redet ja seit langem von Kulturmarken, das ist weltweit absolut üblich und verbindet uns mit den Berliner Philharmonikern, der Sächsischen Staatskapelle oder der Dresdner Philharmonie. In einem Atemzug mit anderen Marken aus dem Wirtschaftsleben genannt zu werden, ist ein ebenfalls hoher Wert, von dem auch der Dresdner Kreuzchor profitiert.

Ist er also ein sächsisches „Produkt“?

Bleibt man in der Begrifflichkeit des Kulturmarketings: ja! Auf dem großen Musikmarkt platzieren wir uns, so sind letztlich auch wir ein Produkt. Dass natürlich ein Ensemble wie der Dresdner Kreuzchor darüber hinaus viel mehr ist, darf doch als selbstverständlich gelten, darüber braucht man eigentlich nicht zu diskutieren!

Wie kann der Chor in die nächsten
800 Jahre geführt werden?

Das Wesentliche für die Fortexistenz ist natürlich, dass jedes Jahr genug neue Knaben die Tradition des Chores fortführen wollen. Wir müssen als Bildungsinstitut weiterhin sehr attraktiv bleiben, die Unterbringung und Betreuung muss stimmen, die Eltern müssen uns ihre Kinder anvertrauen wollen, und die Kruzianer müssen uns vertrauen. Das Konzept, sie mit der abendländischen Musikkultur vom Mittelalter bis zur Moderne vertraut zu machen, ist dauerhaft stark. Sie sollen auch weiterhin diesen Kanon kennenlernen und bei aller Anstrengung dabei Freude haben. Und was wir aus dem Jubiläumsjahr gelernt haben: Es ist am Ende doch beglückender, vor 20 000 Menschen zu singen als vor 500.

Womit will der Kreuzchor seinen Platz im reichen Kulturangebot der Stadt behaupten?

Der Kreuzchor hat ein über die Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte geschärftes Profil. Wir wären schlecht beraten, das zu verwässern. Kein anderes Ensemble pflegt so intensiv wie wir die großen Oratorien und im Gegenzug die A-cappella-Motettenliteratur. Dieses geistlich-musikalische Zentrum, das in der Kreuzkirche lokalisiert ist, haben wir nie verlassen und werden das auch zukünftig nicht tun. Auch das hat ja das Jubiläumsjahr gelehrt: Auf festem Grund stehen und auf dieser Basis andere attraktive Angebote schaffen, das weist in die Zukunft.
 

Auf dem Prüfstand steht seit langem auch der Vertrag der Stadt mit der Kreuzkirchgemeinde, der unter anderem regelt, wie diese die kirchenmusikalischen Dienste des städtisch getragenen Chores vergütet. Wie ist der Stand der Verhandlungen?

Dieser Vertrag hat seit Jahrzehnten Bestand, eigentlich sogar seit 1972. Wir leben heute natürlich in einer anderen Zeit mit gewiss auch anderen Parametern. Da sich beide Seiten aber zueinander bekennen, geht es letztlich eher um formale Fragen und eine rechtliche Absicherung für beide Partner. Meine Vorstellung ist, dass die liturgischen Dienste weiterhin in der Obhut der Kreuzkirche liegen, während die Konzerte mit dem teilweise recht hohen Anforderungsprofil an Bewerbung, Organisation und Durchführung in unsere Verantwortung wechseln. Obwohl wir schon jahrelang darüber verhandeln, ist bisher keine Einigkeit erzielt worden. Wir könnten in vielen Bereichen freier agieren – ob bei der Bewerbung, bei der Einbeziehung von Sponsoren oder beim Engagement der Solisten. Außerdem haben uns so manche einiges voraus, wenn es darum geht, die Aufführungssituation behutsam etwas sinnlicher zu gestalten, zum Beispiel mit einer angemessenen Ausleuchtung.

Ist die finanzielle Ausstattung des Chores mit 2,4 Mio. Euro jährlich vom Träger, der Stadt Dresden, zufriedenstellend?

Die Landeshauptstadt Dresden ist als Träger ein verlässlicher Partner. Wollen wir höher hinaus, um international ambitionierte Projekte angehen und damit auch den kulturellen Glanz der Stadt polieren zu können, benötigen wir auf jeden Fall externe Geldgeber. Ich glaube aber, das ist in der Kulturlandschaft eine weit verbreitete Situation. Die Stadt weiß genau, was sie für eine Magnetkraft mit ihrem Kulturreichtum entwickelt. Hier sollte sie weiter investieren und nicht den Ast absägen, auf dem sie sitzt. Gerade vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen mit dem Bachfest im letzten Jahr bin ich bei der Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt skeptisch, ob Einigkeit darin besteht, dass man sich so eine Blamage nicht wieder leisten darf.

Sie sind im Jubiläumsjahr mit Kruzianern auch bei der Gala des Männermagazins „GQ“ aufgetreten. Ist das finanziell nötig, wo liegt die Grenze des Vertretbaren?

Die überschreitet, wer Kindern etwas abverlangt, was ihnen nicht gemäß ist. Klare Sache: Es muss seriös sein. Natürlich informiere ich mich immer persönlich vorher darüber, worum es sich bei all diesen Auftritten handelt. Der Auftritt war erfolgreich, das Publikum erlesen, die Jungs hatten Spaß daran, da droht keine Grenzüberschreitung. Warum auch? Es ging dabei gar nicht um Geld, sondern um die Integration in eine neue Kommunikationsebene. Das eröffnet neue Perspektiven.

Nach einem großen Jubiläum muss man sich neu motivieren, wie schaffen Sie das mit Ihren Jungs? Welche Höhepunkte gibt es in diesem Jahr?

Die Belastungsdichte ist in diesem Jahr tatsächlich stark reduziert, die Motivation ist aber im Blick auf die nächsten Höhepunkte kein Problem. Ich denke da zum Beispielan das Gedenkkonzert zum 13. Februaran diesem Wochenende, dann an dieMatthäuspassion oder auch an die szenisch und musikalisch überarbeitete Ostermette. Mendelssohns „Paulus“ im Herbst führen wir im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum auf. Nach China fahren wir dieses Jahr inzwischen zum dritten Mal.

Wird es nun in jedem Jahr ein Adventskonzert im Fußballstadion geben?

J

Ganz anderes Thema: Im Leipziger Thomanerchor gab es jüngst einen Fall von Missbrauch unter den Jungen. Gibt es beim Kreuzchor ein Präventionskonzept?

Ganz klar: ja. Wir haben eine Gruppe von spezialisierten Mitarbeitern, die sich im Krisenfall solcher Fälle annehmen würde. Wir alle, auch ich, sind in diesen Fragen geschult, denn natürlich kann man nie ganz sicher sein, dass solche Dinge nicht geschehen. Wir sind auf diesem Gebiet gut aufgestellt und haben natürlich auch vor dem ganzen Chor darauf Bezug genommen. Letztlich können aber überall dort, wo Menschen zusammenleben, Dinge passieren, die man sich nicht wünscht.

Wegen der Doppelbelastung der Kruzianer ist zwischen Schule und Chor eine Arbeitsgruppe gebildet worden. Was sind die dringlichsten Probleme, die dort besprochen werden?

Das Thema begleitet uns schon eine Zeit lang, denn immer schon bedeutet Kruzianer zu sein ja auch, besonderen schulischen Anforderungen gerecht zu werden. Wir bemühen uns ja schon bei der Auswahl, das Gesamtpotenzial eines Jungen abzuschätzen. Manchmal stellt sich heraus, dass er den Aufgaben trotzdem nicht gewachsen ist, dann muss man im Einvernehmen mit den Eltern reagieren. Insgesamt kehrt jetzt wieder Normalität ein. Es wird aber nicht ausbleiben, dass es immer mal wieder Probleme geben wird. Dann gibt es mehrere Möglichkeiten, zum Beispiel die zeitweise Befreiung von der Chorarbeit oder Nachhilfeunterricht. In einer gemeinsamen Arbeitsgruppe wird jetzt das Bildungsprofil der Kruzianer dahingehend analysiert, ob Verbesserungen möglich sind. Grundsätzlich ist es aber schon so: Ein Kruzianer muss härter arbeiten als vergleichbare Kinder seines Alters.

Hat das Jubiläum zu einer größeren Zahl von Bewerbern für den Kreuzchor geführt?

Ja, die Zahlen sind um 20 Prozent gestiegen. Wie sich die Jungen entwickeln, sehen wir natürlich erst, wenn sie dem Grundschulalter entwachsen.

An diesem Sonnabend dirigieren Sie das traditionelle Konzert zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens. Welche Werke und warum diese haben Sie dafür ausgewählt?

Seit einigen Jahren wollen wir mit diesem Konzert ganz allgemein die Mahnung und Bitte um Frieden unterstreichen, abseits der Nabelschau des Dresdner Opfergedankens. Frieden ist eine Aufgabe für die gesamte Menschheit vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die Dresden gemacht hat. Mauersbergers „Wie liegt die Stadt so wüst“ ist als Trauermotette der Klage ein guter Ausgangspunkt, bevor Arnold Schönbergs spätromantisches Frühwerk „Friede auf Erden“ eine wunderbare Vision beschwört. Diese große Hoffnung auf das Einssein der Menschheit ist grandios und mit großer Kraft dargestellt, ein hoch anspruchsvolles Werk, vielleicht eines der schwersten der A-cappella-Literatur. Zum Abschluss führen wir mit den Dresdner Kapellsolisten, Vocalconcert Dresden und Solisten Frank Martins Oratorium „In terra pax“ von 1944 auf, zugespitzt auf die klare Haltung, dass ein Friedensschluss nur möglich ist, wenn man sich mit seinem Nächsten zu versöhnen bereit ist. Das ist gerade in Dresden eine ganz wichtige Botschaft.

 Fragen: Kerstin Leiße

Von Kerstin Leiße

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