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Kreuzfahrt mit Hindernissen zu Donizettis Oper „L’elisir d’amore“ in Görlitz

Schiffbruch in seichten Gewässern Kreuzfahrt mit Hindernissen zu Donizettis Oper „L’elisir d’amore“ in Görlitz

In Görlitz wird „L’elisir d’amore“ von Gaetano Donizetti aufgeführt.

„L’elisir d’amore“ in Görlitz.

Quelle: Marlies Kross

Görlitz. Noch bevor das kurze Vorspiel des Orchesters beginnt, hat es schon einen Schiffbrüchigen samt kleinen Erinnerungsstücken, ein Traumschiff in der Flasche, eine Muschel, einen roten Damenschuh und ein Barbie-Püppchen in Görlitz an die Rampe gespült.

Dann öffnet sich der Vorhang und man könnte denken, jetzt beginnt das Spiel, wie es im Textbuch steht. Geputzte Landarbeiterinnen und Landarbeiter zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts, wahrscheinlich im französischen Teil des Bakenlandes, machen Mittagspause und lauschen der Geschichte von Tristan und Isolde und dem verhängnisvollen Liebestrank, die ihnen ihre reiche Pächterin Adina vorträgt. Einer lauscht besonders aufmerksam. Das ist der mittellose Nemorino. Für ihn wäre so ein Zaubertrank die einzige Chance, bei der geliebten aber unerreichbar scheinenden Chefin Gehör zu finden.

Weit gefehlt. Wenn der zunächst noch mit grünem Tuch verhüllte massive Bühnenaufbau sichtbar wird, ist das Geheimnis gelüftet, hier steigt gerade eine Verkleidungsparty auf einem schlichten Kreuzfahrtschiff.

Nemorino ist einfacher Arbeiter an Bord, die angebetete Adina ist Schiffsoffizierin, der Sergeant Belcore, dem sie zum Schein die Ehe in Aussicht stellt, ist der Security-Chef, und aus dem Quacksalber Dulcamara, der hier Glückspillen hochprozentig aufmischt und geschäftstüchtig für Nemorino auch zum Liebestrankverkäufer wird, ist ein billiger Entertainer in Begleitung leicht bekleideter Animiermädchen geworden.

Willkommen auf diesem Schiff der Träume, mit dem Regisseur Christian Papke schlingernd auf die Gegenwart zusteuert – oder doch schon auf die Zukunft? Denn bezahlt wird schon wieder in Lira.

Sicherheitskräfte im Zuschauerraum bedienen dabei nur eines von etlichen inzwischen abgenutzt geglaubten Klischees des sogenannten Regietheaters. Schon Vera Nemirova als Matadorin desselben verlegte das Stück ins luxuriöse Wellnessambiente.

Verklemmt und bieder geht es in Görlitz zu auf diesem angedeuteten Luxusliner in Klaus Werner Noacks Ausstattung mit dem ironischen Charme der Unvollkommenheit einer Bauprobe.

Auch wenn Statistinnen immer wieder mit dem Po wackeln, Chorsängerinnen Trunkenheit vortäuschen – oder das Gerücht die Runde macht, dass dieser schlichte Nemorino eine große Erbschaft gemacht habe und jetzt eine steinreiche Partie sei, und sie ihre Strümpfe ausziehen.

Mag sein, der Regisseur meint das alles ironisch, dann fehlt es aber leider zu oft an Genauigkeit und Schärfe der Personenführung, ausgestellte Klischees erledigen sich schnell.

Zudem wird auch der Eindruck immer stärker, da war eine Idee: Landvolk aufs Luxusschiff. Nur müsse das Stück noch entsprechend angepasst und zudem an Bord gehievt werden.

Aber immerhin, es geht gut aus. Auch wenn am Ende Adina und Nemorino in der berühmten Hollywoodpose auf den Untergang der Titanic anspielen, keine Katastrophe, keine Konsequenz, oder doch, woher kam denn nun eigentlich der Schiffbrüchige zu Beginn? Eine Denkaufgabe im Hinblick auf des Erinnerungsvermögen?

Vergessen. Die Liebenden sind vereint, Liebestrank oder Erbschaft, wer will das so genau wissen, der Gesang geht zu Herzen.

Security-Chef Belcore geht leer aus, macht nichts, Sicherheit geht vor, die Show geht weiter, der nächste Dampfer wartet schon, der Hubschrauber für Entertainer Dulcamara und seine Pillen auch. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie den Beipackzettel oder das Programmheft von Ronny Scholz.

Musikalisch gibt es weniger Risiken. Der Dirigent Andrea Sanguinetti versteht es nach verhaltenem Beginn dann doch, die pikanten Allegro-Rhythmen herauszuarbeiten. Er weiß auch um das nötige Maß an Sentimentalität, lyrischer Schmelz des Klanges besiegt die Tücken der trockenen Akustik des Theaters.

Durch angemessene Wahl der Tempi und immer wieder höchst kollegiale Zurücknahme des Klangvolumens kommt er besonders den stimmlichen Möglichkeiten der Sänger so weit als vertretbar und möglich entgegen.

Die Sopranistin Cristina Piccardi hat nicht nur mitunter ganz im Sinne ihrer Rolle als Adina im Spiel die Nase oben, auch stimmlich steht ihre Leistung ganz weit obenan.

Das ist die Leistung des Abends, klar und sicher in allen Lagen, harmonisch im Verlauf der Gesangslinien gesetzte helle Höhen, ganz selbstverständlich klingende Verzierungen. Mag sein, Momente von lyrischer Grundierung könnten nicht schaden, aber mit diesem Gesang sind die Maßstäbe gesetzt.

Thembi Nkosi als Nemorino kann mit einer sehr angenehm klingenden Tenorstimme aufwarten. Allerdings bleibt das Volumen für diese Partie, die für einen lyrischen Tenor mit Ausflügen in die jugendlich-heldischen Gefilde der Gesangskunst gedacht ist, noch begrenzt. In den Höhen wird es etwas eng und fahl im Klang. In Ensemblesätzen hört man ihn kaum.

Hat er die Bühne für sich, wie in seiner berühmten, von Holzbläsern und Harfe begleiteten Arie „Una furtiva lagrima“, kann er aber das Publikum mit innigem Cantabile im Maß seiner Möglichkeiten gewinnen, und sicher singt er nicht nur von der verstohlenen Träne.

Der Bariton Ji-Su Park als Belcore gelangt nach anfänglichen Unsicherheiten zu stärkerer stimmlicher Präsenz, an solcher aber mangelt es mitunter schon Federico Sacchi für die buffoneske Basspartie des Dulcamara.

Musikalisch gelungen hingegen sind die Leistungen des Chores in der Einstudierung von Albert Seidl.

Am Ende herzlicher Applaus des Premierenpublikums, vornehmlich im Takt der Einheit. Die Sopranistin Patricia Bänsch in gewohnter Zuverlässigkeit als Gianetta, hier als „Maître de Plaisir“, also als Oberanimateuse, kann den Beifall leider nicht entgegen nehmen. Sie war nach unsinnigem Geplansche im öffentlichen Schaumbad arg gestürzt. Kunst kann gefährlich sein.

Nächste Aufführungen: 09., 24.04.; 07., 29.05.

www.g-h-t.de

Von Boris Gruhl

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