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Regional Kreuzbrav: Verdis Melodrama „La forza del destino“
Nachrichten Kultur Regional Kreuzbrav: Verdis Melodrama „La forza del destino“
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20:31 29.04.2018
Christina Bock (Preziosilla), flankiert von Herren des Sächsischen Staatsopernchors. Quelle: Jochen Quast
Dresden

Ein mächtiges, dunkles Eckhaus an der Kreuzung eines weißen und eines schwarzen Weges hat Julia Müer für die Inszenierung von Keith Warner auf die Bühne der Semperoper gebaut. Zwei stumme Figuren, Antonia Bär als weißer Engel und Dennis Dietrich als schwarzer Inka, deuten den Ausgangspunkt des Dramas an, das mit einer ominösen Macht des Schicksals an sich eigentlich gar nichts zu tun hat, aber mit naiver Schwarz-Weiß-Malerei, in denen sich die Inszenierung bald erschöpfen wird, auch nicht.

Diese beiden Symbolfiguren werden immer wieder erscheinen, aber vergebens auf den Grundkonflikt des Werkes verweisen, der in der folgenden Bilderflut gewaltiger Chor- und Genreszenen, im verwirrenden Rache- und Verfolgungskrimi mit üblichen Verkleidungen und Verwechslungen und natürlich einer aussichtslosen Liebesgeschichte, in den dramaturgischen Ungereimtheiten des Librettos dieser Oper unterzugehen droht.

Aber es ist, wie schon der Dresdner Musikwissenschaftler Ernst Krause nachdrücklich bemerkte, eben doch der „überhebliche Rassenstolz der spanischen Herrenkaste“, der, „alles Unheil, Tod und Verzweiflung verursacht.“

Davon ausgehend verzichtet die Dresdner Inszenierung auch darauf, die erst für Verdis zweite Fassung (nach der Uraufführung in St. Petersburg 1862), die italienische Erstaufführung 1886 in Mailand der Oper hinzugefügte Potpourri-Ouvertüre an den Beginn zu stellen. Es beginnt mit einem melodramatischen Vorspiel in jenem herrschaftlichen Haus an der Kreuzung – die Wände öffnen sich und der Konflikt des Ausganges, den die Protagonisten im Folgenden als „Macht des Schicksals“ annehmen werden, ist offensichtlich. Da ist die unentschlossene Donna Leonora aus dem spanischen Adelsgeschlecht, die Don Alvaro liebt, der einem Königsgeschlecht der Inkas entstammt. Die gemeinsame Flucht ist vorbereitet. Leonora jedoch zögert, zu stark ist die Bindung an den Vater, der sich dieser Verbindung mit dem Fremden widersetzt, einig mit seinem Sohn Don Carlo di Varga.

Der despotische Vater, der Fremde, die Tochter – sie treffen aufeinander, der Vater droht mit der Waffe. Alvaro jedoch, der die Gewalt verhindern will, wirft zum Zeichen seine Pistole weg, der Schuss löst sich dennoch, der Vater stirbt. Zwei schuldlos Schuldige treibt es in die Flucht. Der Fluch des sterbenden Vaters verfolgt sie ebenso wie dessen von blinden Rachegelüsten getriebener Sohn.

Und so nimmt diese „Macht des Schicksals“ ihren Lauf. Jetzt setzt das Spiel der Staatskapelle entscheidende Akzente unter der Leitung von Mark Wigglesworth mit Verdis Ouvertüre im klingenden Gegenüber innehaltender, zartester Versöhnungslyrik im fast flehenden, melodischen Gegensatz zu den Motiven vorantreibender Flucht der Menschen vor sich selbst. All das im Spiegel dieses Irrtums in blindwütiger, schmetternder Kriegsbegeisterung und aussichtslosen Frömmigkeitsvisionen, unter und an den vielen Kreuzen, an denen es im sakralen und auch im öffentlichen Raum nicht mangelt in dieser leider kreuzbraven Inszenierung.

Im Verlauf des Abends wird der Dirigent das Orchester immer wieder stark zurückhalten, was schon mal dazu führen kann, dass den Solisten das nötige Maß klanglicher Grundierung fehlt.

In den nun folgenden Bildern erweist sich immer wieder die Grundidee des Bühnenbildes als wesentlichstes Element der Inszenierung.

Das Eckhaus an der Kreuzung, deren Straßen in die dunkle Endlosigkeit der Bühnentiefe führen, wird zum Wirtshaus und zum Kloster, zum Feldlager und zum Lazarett, hier wird gebetet, hier wird lärmend in den Krieg getrieben, hier wanken noch Sterbende in die Schlacht und hungernde Arme drängen sich zum Suppentopf. Das einstmals stolze Haus der Mächtigen verfällt, am Ende wachsen in der Ruine finstere Bäume, keine Spur von keimendem Grün.

Hier treffen die Flüchtigen und die sich Verfolgenden aufeinander. Unerkannt retten Alvaro und Don Carlo einander das Leben und fallen doch immer wieder missgedeuteten Schicksalsmächten zum Opfer.

Hier sucht die herumirrende, als Mann verkleidete Leonora Zuflucht bei Pater Guardiano, der für sie als Ideal eines gütigen Menschen zum Wunschbild des despotischen Vaters wird. Daher lässt der Regisseur zunächst den Vater und dann den Mönch von dem Bassisten Stephen Milling singen und spielen.

Leider aber lässt die Genauigkeit der Personenführung etliche Wünsche offen. Rampenorientiert, Heben der linken oder der rechten Hand, beider Arme, bedeutungsschwere Griffe ans Herz oder an die Brust – damit erschöpft es sich.

Auch die großen Chorszenen der in der Einstudierung von Jörn Hinnerk Andresen ausgezeichnet singenden Chöre – Staatsopernchor, Sinfoniechor und Extrachor – bleiben bei aller museal wirkenden und in Dresden doch längst überwunden geglaubten Opernpantomimik szenisch hinter der musikalischen Präsenz weit zurück.

Tilo Steffens hat die Kostüme entworfen, historisch orientiert, spanisch oder italienisch, Mitte des 18. Jahrhunderts, bis in die Zeit Verdis. Bei den Solistinnen und Solisten gibt es allerdings auch peinliche Ungeschicklichkeiten, etwa wenn sich Emily Magee als Leonora zum Mann verkleidet oder Gregory Kunde als Don Alvaro im Mönchsgewand mit aufgesetzter Tonsur erscheint, als wäre er gerade aus einer Monty-Python-Serie auf die Bühne der Semperoper gekommen.

Und da können eben auch nicht immer Musik und Gesang diese optischen Eindrücke relativieren. Gregory Kunde setzt auf Kraft, da gibt es fulminante Passagen einer eher reiferen als jugendlichen, heldischen Tenorstimme. Auch die Sopranistin Emily Magee kann mit ins Dramatische weisenden starken Aufbrüchen eher überzeugen als mit innigem Melos, da stören dann doch tremolierende Schärfen. Gesangliche Höhepunkte setzen vor allem die Mezzosopranistin Christina Bock als freigeistige, lebenszugewandte Preziosilla, mit weniger dramatischem, dafür natürlich-jugendlichem Klang und voller Temperament im mitreißenden sechsstimmigen Rataplan-Ensemble, wenn sich die Stimme über den Männerchor erhebt. Natürlichkeit des Klanges, gesangliche Noblesse und aufbrausende Rachedramatik, anklingende Zweifel und die tödliche Aussichtslosigkeit des gewählten Schicksals, in Übereinkunft mit glaubwürdigem Spiel, machen auch die besondere Leistung des Baritons Alexey Markov als Don Carlo di Varga zu einem Ereignis der Aufführung. Als Fra Melitone, der die Armen speist, gibt Pietro Spangnoli mit charaktervollem Bass ein buffoneskes Intermezzo, bevor dann alle sterbend darauf vertrauen müssen, dass im Himmel andere Gesetze und Mächte als die des Schicksals herrschen: Alvaro, der fromm gewordene Mönch, wieder nicht beabsichtigt, tötet Carlos. Der Sterbende ersticht mit letzter Kraft seine Schwester, die ihm, ebenfalls sterbend, vergibt. Im Haus an der Kreuzung stürzt sich Alvaro in die Tiefe, also da fällt dann so etwas wie ein geschnürtes Kleiderbündel herab. Ob sich die Erde öffnet, die Hölle ihn (bzw. das Bündel) verschlingt, der Himmel einstürzt, wie er singt mit letzter Kraft, weiß man nicht Die ganze Menschheit geht auch nicht unter.

Beim Publikum in der Semperoper brandet nach fast vier langen Stunden bei zwei Pausen bei einem Teil erlöster, beim anderen euphorischer Beifall auf.

nächste Aufführungen: 2., 5., 8., 11., 16., 19.5.

www.semperoper.de

Von Boris Gruhl

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