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Regional Konstantin Wecker über die Macht der Poesie und die Lage im Land
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18:51 17.09.2018
Poet, Träumer, Liedermacher: Konstantin Wecker. Quelle: Foto: Thomas Karsten
Dresden

Er ist ein singender Poet, ein Träumer und ein Humanist. Konstantin Wecker (71) lässt sich von denen, die vorgeben, die Werte des christlichen Abendlandes zu verteidigen, nicht die Bergpredigt aus der Hand schlagen. „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ heißt sein gerade erschienenes Buch. Mit seinem Programm „Poesie und Widerstand“ gastiert er am 22. Oktober im Kulturpalast. Im Interview spricht er über die Macht der Poesie und die Lage im Land.

Frage: Sie sagen seit Jahrzehnten Nein zu Ungleichheit, Krieg und Rassismus. Inzwischen sind Sie 71. Können Sie sich selbst zuweilen als Privatier vorstellen?

Konstantin Wecker: (lacht) Ich bin gerade in Italien. Und immer wenn ich hier bin, kommt ab und an schon mal der kleine Gedanke in mir hoch...

Vielleicht sollten Sie sich nicht allzulange dort aufhalten...

Ich bin hier ja nicht in einer abgeschiedenen Welt. Und gerade in Italien ereignen sich ja zur Zeit auch ganz schreckliche Dinge, wenn ich an die Flüchtlingspolitik des Herrn Salvini denke. Ich hätte noch vor drei Jahren nicht im Traum gedacht, dass das, was jetzt nicht nur in Deutschland passiert, jemals wieder möglich sein könnte. Es ist so schnell gegangen. Noch vor drei Jahren gab es diese Bewegung von unten, von den Menschen her – die Bewegung der Willkommenskultur. Und wie schnell ist diese kaputtgeschlagen worden von gewissenlosen Potentaten und Populisten. Ich werde nie vergessen, wie schon in den ersten Wochen ganz liebe Menschen, die Kuscheltiere für Flüchtlingskinder mitgebracht haben, als „Teddybärenwerfer“ beschimpft wurden. Um zur Frage zurückzukommen: Nein, ich denke nicht daran, mich zurückzulehnen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass sich eines der reichsten Länder der Welt mit der Aufnahme von gut einer Million Geflüchteten so radikalisiert?

Der Neoliberalismus ist so grausam, dass wir zwar den Anschein eines reichen Landes haben, aber es gibt Kinderarmut, viele Menschen bekommen keine Wohnung mehr. In München stehen lauter Luxusbauten, nur kann kaum noch jemand drin wohnen. Die Zahl der Zeitarbeiter ist von 2007 bis 2017 in Deutschland um 40 Prozent gestiegen. Die Schere ist groß geworden zwischen den Reichen und den Armen. Diesen Unmut über den Neoliberalismus spüren viele Menschen. Sie führen ihn aber nicht darauf zurück, sondern übertragen ihn auf die noch Schwächeren.

Und Sie meinen, mit Poesie kann man hier Widerstand leisten?

Der Markt und die Hörigkeit ihm gegenüber hat auch eine Interpretationshoheit über die Worte geschaffen. Aber die Poesie erlaubt keine Interpretationshoheit. Wenn sie mit 17 Jahren ein Rilke-Gedicht gelesen haben und es 30 Jahre später lesen, merken Sie: Es sind die gleichen Worte, aber es ist ein völlig neues Gedicht. Weil sie mit ihrem ganzen Leben die Worte mit Inhalt gefüllt haben. Und deswegen meine ich, dass Poesie die Sprache ist, die man den Herrschenden entgegenhalten muss. Sie rührt etwas an, was sich viele Menschen durch diese Markthörigkeit verboten haben. Ich halte ja die Empathie für die größte Errungenschaft des Homo sapiens. Und diese wird derzeit mit aller Macht hintergangen. Empathie soll man demnach nur noch für sich haben, fürs eigene Volk, die eigene Rasse.

Im Vorwort Ihres Buches schreibt Gerald Hüther, die Poesie sei Ihr Zauberschwert. Was kann es ausrichten?

Es ist die einzige Waffe, die ich akzeptiere. Die Poesie kann einen vor allem zu sich selbst führen und erkennen lassen, dass wir mit der Ratio nicht alles erfassen, erklären und deuten können. Wenn die Ratio nicht ans Herz gebunden ist, dann kann sie in den Untergang führen.

Liegt in der Wut, die sich in Teilen Sachsens und anderswo zeigt, am Ende nicht auch eine Chance?

Ich habe mal ein Lied geschrieben, das „Wut und Zärtlichkeit“ heißt. Da fehlt mir hier die Zärtlichkeit. Die Wut allein bringt genauso wenig wie der Verstand allein. Ja, wir brauchen die Wut, wir müssen sie in uns auch zulassen, aber Handeln müssen wir aus Liebe, nicht aus Wut und Hass.

Sie haben sich nach längerer Überlegung entschieden, bei der linken Sammlungsbewegung nicht mitzumachen. Warum nicht?

Ich will dieser Bewegung nicht schaden, es ist eine ganz persönliche Entscheidung. Es hat zu tun mit manchen laschen Aussagen zur Integration und zur Willkommenskultur. Das stimmt mit meinen Wünschen von einer grenzenlosen Welt, in der ich leben will, von der ich bei jedem Auftritt singe, nicht überein. Ich möchte als Künstler meinen absoluten Utopien treu bleiben können.

Wie kann Ihre poetische Absolutheit gegen den Hass bestehen, gegen Leute, die Ihnen vorhalten, Sie seien verrückt, wenn Sie sich eine Welt wünschen, die so ist, wie sie die Astronauten von oben sehen: ohne Grenzen?

Ich bin gerne naiv und ein Träumer und unter anderem deswegen kein Politiker geworden. Wir Poeten und Künstler müssen und dürfen nie diplomatisch sein. Und vielleicht haben die Träumer schon immer mehr die Wirklichkeit erfasst als die sogenannten Realisten.

Werden Begriffe wie Heimat und Identität gerade umdefiniert und aus der Hand gegeben?

Das Wort „Heimat“ kann überhaupt nichts dafür für das, was mit ihm angestellt wird. In dem Lied „Vaterland“ habe ich geschrieben: „Heimat ist doch überall,/ wo man sich damit segnet,/ dass man, für Augenblicke nur,/ sich endlich selbst begegnet.“ Und Identität ist ja nicht teilbar, ich kann sie nur in mir finden. Und wem das nicht gelingt, der sucht sie bei den Identitären, in Nationalismus und im Völkischen.

Sie treten normalerweise vor ähnlich Gesinnten auf. Wie können Sie die erreichen, die ganz andere Vorstellungen von Humanität haben?

Es gibt einen großartigen Satz von Robert Musil: „Wenn sie in der Vorstandsetage eines Konzerns ein Gedicht vortragen, dann ist das Gedicht sinnlos. Aber die Vorstandsetage wird es auch.“ Kunst vermag denjenigen Mut zu machen, die vielleicht das Gefühl haben, sie seien alleine, die vielleicht aufgeben. Ich habe in den letzten Wochen neben den ganzen Hassmails auch unheimlich viele Nachrichten bekommen, die mich sehr berührt haben. Ein älterer Herr schrieb – okay, er ist jünger als ich (lacht) –, er wollte nun den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, weil es sowieso keinen Sinn mehr habe, für eine bessere Welt zu kämpfen. Dann sei er in meinem Konzert gewesen, schrieb er, und: „Wissen Sie was, Herr Wecker, ich mache jetzt weiter.“

Konstantin Wecker tritt am 22. Oktober im Dresdner Kulturpalast auf, Karten (ab 47 Euro) an allen bekannten Vorverkaufstellen, unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181050 sowie auf www.ticketgalerie.de

Buchtipp: Konstantin Wecker: Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Gütersloher Verlagshaus, 143 Seiten, 15 Euro

Von Jürgen Kleindienst

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