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Konstantin Wecker gastierteentspannt im Dresdner Schlachthof

Konstantin Wecker gastierteentspannt im Dresdner Schlachthof

Gut gelaunt, angespannt, aber nicht verspannt, konzentriert und angriffslustig stieg Konstantin Wecker am Sonntag auf die Bühne im Schlachthof, um in erster Linie eines klarzustellen: Auch wenn er selbst langsam altern mag, er hat nichts von seiner Bissigkeit verloren.

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Konstantin Wecker hat seinen Hörern noch einiges zu sagen - so auch im Alten Schlachthof.

Quelle: Patrick Johannsen

"Vor 40 Jahren bin ich angetreten, die Welt zu ändern, und jetzt schau'n Sie sich doch mal die Welt an! Ich war das nicht", sagt er mit einem Lächeln im Gesicht, doch richtig glücklich wirkt er mit dieser Feststellung nicht. Denn von der Friedensbewegung, den politisch Engagierten von damals, denen, die sich gern die Zunge verbrannten und tatsächlich den Kopf hinhielten, um sich einzumischen - von all denen ist heute nicht mehr viel übrig, und sie würden gebraucht.

Da stellt sich ganz klar die Frage, wo sind diese Menschen hin, ihr Anliegen wäre heute gefragter den je, wenn das Kapital den Mund aufreißt und gierig nach allem schnappt, was nur halbwegs verdaulich anmutet. Zum Konzert strömten nicht ganz so viele, die Stuhlreihen waren nur zu drei Viertel gefüllt, das Auditorium im Durchschnitt jenseits der 50. Dafür mag es drei Erklärungen geben: Entweder Konstantin Wecker spricht nicht mehr die Sprache der jüngeren Generationen, die Konflikte wurden aus dem Weg geräumt oder es findet sich niemand mehr, der die verbale Auseinandersetzung nicht scheut.

Wecker verfügt über eine klare Ausdrucksweise, die kaum Klippen kennt, und seine teilweise 40 Jahre alten Texte sind heute aktueller denn je. Somit lassen sich manche Erklärungsversuche nahezu ausschließen. Was offenkundig in Dresden war: Selbst wenn es noch eine Generation gibt, der Konstantin Wecker die Jugend musikalisch geprägt hat und ihr seine Ideen in den Kopf sang, in Dresden blieb sie zu Hause oder war nicht mehr existent. Ein Umstand, der dem Münchner offenkundig ins Auge fiel, nicht nur in Dresden, sondern in vielen anderen Großstädten. Er hat darauf reagiert, nicht seine Inhalte angepasst, sondern die Musik verändert.

Immer wieder betonte Wecker, dass er seine Texte vertone, nicht die Musik in den Vordergrund stellen will. Mit "Wut und Zärtlichkeit" versucht er, der Musik eine etwas neue Rolle einzuräumen. Ihm gegenüber sitzt noch immer Jo Barnikel am Klavier und kommuniziert mit Wecker ähnlich authentisch wie bereits seit vielen Jahren, und Nils Tuxen haucht den tragenden Texten mit seiner Pedal-Steel-Gitarre eine fragile Seele ein. Jenes Zusammenspiel war angenehm homogen, allerdings nicht neu.

Mit zwei weiteren Musikern versuchte sich Konstantin Wecker einer Frischzellenkur zu unterziehen. Am Schlagzeug nahmen abwechselnd Tim Neuhaus und Jens Fischer Platz. Beide kommen aus dem Dunstkreis der Blue Man Group, Tim Neuhaus gehört ebenfalls zur Liveband von Clueso. Beide sind also ganz anders musikalisch geprägt und vor allem sehr ausdrucksstark. Das hat zur Folge, dass beide im Zusammenspiel gern laut werden und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen können - muss aber nicht unbedingt nachteilig sein, in Dresden allerdings war es vordergründig zu laut. Vom Rest der Band war kaum noch etwas zu hören, wenn beide gemeinsame Sache machten und sich die Takte zuwarfen. Eben weil beide auch das Zeug haben, die Show zu einem Selbstläufer zu machen, hätten sie wohl spätestens am Mischpult gedrosselt werden müssen. Ansonsten erfüllten sie ihre Aufgabe gut.

Und sie ließen spüren, dass Konstantin Wecker noch einiges zu sagen hat, seine Worte auch bei jüngeren Hörern noch ankommen dürften. Damit sind jetzt weniger die Geschichten gemeint, wenn er die guten alten Zeiten bemüht, als er in den 70ern noch im Rundfunk gespielt wurde oder seine Parolen "Zieht den Börsianern die Anzughosen aus" - es sind eher die herzlichen Stücke, in denen er mit Worten kämpft und etwas erzählen kann, wenn er sich auf die Suche macht nach einer gewaltfreien Gesellschaft und von Utopia träumt. In den Momenten ist Wecker stark, dann darf er seine Angreifer gern umarmen, Erich-Kästner-Gedichte vortragen und dessen "Ansprache an Millionäre" vertonen. In diesen Kontext passt es auch, wenn er den "Damen von der Kö" den Spiegel unter die Designernase hält und den Kopf schüttelt über deren Handtaschenproblem. Dann ist er dran am "Leben im Leben" und singt wirklich für alle, "die mit ihm auf der Suche sind".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.12.2012

Stephan Wiegand

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