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Regional Kollektives Freidrehen mit Clueso in der Jungen Garde
Nachrichten Kultur Regional Kollektives Freidrehen mit Clueso in der Jungen Garde
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11:56 04.09.2018
Clueso in der Jungen Garde Quelle: Anja Schneider
Dresden

Auch wenn der Sonntag sich eher grau und ungemütlich präsentiert hatte - pünktlich zum Abend klart der Himmel wieder auf und heißt Clueso und 5.000 Fans in der Freilichtbühne Junge Garde Willkommen. Den Support Act gibt die australische Singer-Songwriterin Kat Frankie, die seit 2004 in Berlin lebt. Sie wird wohlwollend empfangen, so richtig mitreißen kann sie das Publikum aber nicht. Anders Clueso, der samt Band relativ pünktlich die Bühne stürmt und die begeisterten Massen sofort fest im Griff hat. „Love the People“ heißt der Opener, schon nach den ersten Takten sind alle auf den Beinen und die Arme in der Luft. Der Song gleich zu Beginn ist „leider gerade immer noch sehr aktuell“ und damit auch ein klares Statement des Erfurters vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse in Chemnitz.

Es folgt „Neuanfang“ und die Frage, ob die Dresdner Fans genug Energie mitgebracht haben - Clueso selbst mangelt es daran mitnichten, er hüpft und springt über die Bühne und hat ganz offensichtlich mächtig Spaß. Zusätzliche Partystimmung wird durch die beeindruckenden Visuals erzeugt - Glittereffekte wechseln sich ab mit Videosequenzen und einem knalligen Farbenspiel. Dass sich der Abend zur rasanten Fahrt mit der „Achterbahn“ entwickeln wird, macht der gleichnamige Song so auch schon recht zeitig deutlich.

Clueso hat ordentlich Energie im Handgepäck Quelle: Anja Schneider

Aus dem Publikum erklingen bereits erste Sympathiebekundungen, die der Erfurter charmant und witzreich erwidert: „Du bist bestimmt auch geil, ich seh’ dich nur nicht“, antwortet er ins Blaue hinein und erntet freundliche Euphorie, die er zum Anlass für einen kleinen Exkurs zum Thema Ostdeutsche Dialekte nimmt. „Wir Erfurter klingen immer so wie Kippe im Mund und mit Vollbart“, umreißt er den besonderen Charakter seines Heimatschnacks und gibt dann auch direkt eine unverständliche Kostprobe zum Besten, die im allgemeinen Gelächter aber ohnehin untergeht. Dresdens „typischen Singsang“ persifliert er dann durchaus treffend und schiebt noch einen kleinen aber liebevollen Diss an Leipzig hinterher.

Nun wird es aber wieder Zeit für ein paar ruhigere Töne, „Pizzaschachteln“, begleitet nur von Saxofon und Gitarre, zeigt deutlich, dass Cluesos Zuhause durchaus vor allem auch in den leiseren Momenten liegt. Was ihn freilich nicht davon abhält, musikalisch auf fast allen erdenklichen Hochzeiten zu tanzen, wie er später am Abend noch eindrucksvoll zu beweisen weiß. Zuvor sind aber noch seine Entertainerqualitäten gefragt, als ihn diverse Zwischenrufe sichtlich aus dem Konzept bringen. „Was, du willst ein Kind von mir? Hast du mal auf die Uhr geguckt?“, kontert er schließlich launig und kriegt sich gemeinsam mit dem feiernden Publikum eine ganze Weile lang nicht mehr ein. Ein sehr schöner Moment der Nähe zwischen Künstler und Fans, den Clueso nutzt, um ein paar Backstagestories von und mit Udo Lindenberg zum Besten zu geben und den Altrocker dabei täuschend echt zu imitieren. Würde sicher auch als abendfüllendes Programm funktionieren: die Menge liegt vor Lachen und auch „Cluesen“ könnte augenscheinlich noch ewig so weitermachen. Macht er dann irgendwie auch, denn dieses Intro kann selbstverständlich nur eines bedeuten: Cello! Ein Udo-Profil raucht derweil auf der Leinwand im Hintergrund eine Zigarre. Man könnte (!) sagen, dass die Stimmung jetzt auf dem Höhepunkt ist. Das wäre nur deshalb falsch, weil die Highlights wie Perlen auf der Zündschnur aufgereiht sind, die Clueso an diesem Abend in der Jungen Garde abbrennt.

Quelle: Anja Schneider

Immer wieder sucht er Kontakt zum Publikum, stellt reihum seine Musiker vor und tobt mit einer Spielfreude über die Bühne, die den Zuschauer die eigene Kondition kritisch überdenken lässt. „Keinen Zentimeter“ lässt er unbetreten und keine Seele unberührt. Als er unter donnerndem Applaus erneut Kat Frankie auf die Bühne holt, um mit ihr im Duett die Ballade „Wenn du liebst“ zu performen, hat die Stimmung den Zenit bereits deutlich überschritten. „Anderssein“ vom Album „Neuanfang“ folgt, bevor sich Clueso als Fan von Bruce Springsteen und mäßig erfolgreicher Englisch-Schüler outet: „Ich hab mal ‚Fire’ ins Deutsche übersetzt. Also ich hab das versucht, mein Englisch ist nicht so prall, ich hatte da meistens ’ne 5“. Spricht’s und brennt mal eben die Bühne ab mit seiner Version des Springsteen-Hits. Die Garde ist inzwischen in ein Meer aus Feuerzeugen und Handylichtern getaucht. Nach „Auf Kredit“ vom neuen Album gibt es mit „Wenn ein Mensch lebt“ eine erneute Coverversion auf die Ohren, die ebenfalls auf „Handgepäck“ zu hören ist - diesmal von den Puhdys. Nach „Du und Ich“ kommt dann die Rapperseite des Tausendsassas zum Vorschein. „Zusammen“ funktioniert auch ohne die Fantastischen Vier vortrefflich. Clueso schmeißt seine gesammelten Rapskillz in den Ring, zitiert gemeinsam mit den Fans die Fanta-4-Hits „Die Da“ und „MfG“, beatboxt und streut zu allem großartigen Überfluss auch noch ein paar Breakdancemoves ein.

Ein guter Moment zum „Freidrehen“ - der Himmel überlegt noch, ob er mitmachen soll und nieselt verhalten vor sich hin. Von einem Wolkenbruch sieht er aber ab, vielleicht wegen der 5.000 Fäuste, die sich ihm auf Cluesos Wunsch nun entgegenrecken: „Eine Faust gegen Rassismus, eine Faust für gute Energie, eine Faust für Dresden und eine Faust für - ach, einfach nur so“, sagt der Sänger, der am Montagabend gemeinsam mit Die Toten Hosen, Feine Sahne Fischfilet, Kraftklub, Marteria & Casper u.a. unter dem Motto #wirsindmehr ein kostenloses Konzert in Chemnitz spielt , um ein klares Zeichen gegen Rassismus zu setzen. „Gewinner“ folgt, vielleicht als kleiner Wink des Optimismus, passend an dieser Stelle.

„Den Kram mit Klatschen und nochmal auf die Bühne kommen, sparen wir uns jetzt mal, würde ich vorschlagen“, leitet Clueso nach rund zwei Stunden Konzert dann die „Zugabe“ ein und die Bühne verwandelt sich unter den Klängen von „Chicago“ in ein bonbonbuntes Spielcasino. „Viel zu schnell“ geht dieser Abend vorbei. Was bleibt, ist tiefe Bewunderung für die unglaubliche musikalische Bandbreite, die Clueso an diesem Abend aus dem Handgepäck gezaubert hat: Die Reise geht von Pop über Reggae, Soul und Rap bis hin zu klassischen Singer-Songwriter-Tracks und Indierock. Eine furiose Show, die getragen wird vom Witz und Charme des Erfurters, immer authentisch und immer mit so viel Spaß an der Sache, dass selbst der Himmel seinen Groll an diesem Abend lieber für sich behalten hat. Das lässt doch hoffen. Auch für den Montag in Chemnitz.

Von Kaddi Cutz

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