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Knallbunt und teuflisch gut: "Schwanda, der Dudelsackpfeifer" in Dresdens Semperoper

Knallbunt und teuflisch gut: "Schwanda, der Dudelsackpfeifer" in Dresdens Semperoper

Dieses Geschenk war überfällig. Endlich dürfen wir uns wieder gefangen nehmen lassen von der so herzlich zarten wie herzhaft kräftigen Musik des Prager Komponisten Jaromir Weinberger in seiner Oper "Švanda dudák/Schwanda, der Dudelsackpfeifer", 1927 in Prag uraufgeführt, bald schon weltweit erfolgreich, auch in Dresden.

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Michael Eder (Teufel), Mario Weigel (Komparse) und Christoph Pohl (Švanda).

Quelle: Matthias Creutziger

Weil aber der jüdische Komponist vor den Nazis über Paris in die USA fliehen musste, gerieten er und seine Werke in Vergessenheit.

Nach der bejubelten Wiederaufführung an der Sächsischen Staatsoper nun ist die Freude über diese fulminante Rückkehr in die Semperoper umso größer. Weinbergers Volksoper ist ein genialer Wurf. Da klingt die Melancholie der Melodik Janáceks ebenso an wie der musikantische, tänzerische Überschwang Smetanas, zur deutschen Romantik à la Humperdinck kommt die raffinierte Fugenkunst Max Regers, bei dem Weinberger in Leipzig studiert hat. Das alles kann man, muss man aber nicht heraushören, denn nichts erscheint als vordergründiges Zitat, als Masche oder gar Plagiat, es fließt zusammen in einer raffinierten Märchenoper über den Zauber der Musik. Vereiste Herzen tauen auf, dem Teufel wird ein gewaltiges Schnippchen geschlagen, das Höllentor öffnet sich für eine abenteuerliche Reise auf dem fliegenden Koffer in den Himmel, zum Mond und zurück zur Erde, wo am Ende mit bezaubernder Ironie im melodischen Volkston das kleine Glück am Küchentisch im trauten Heim beim Schrei der Gänse im Hof ad absurdum geführt wird. Das lässt sich nur ertragen, wenn etwas Höllenfeuer im Herzen brennt und jener Ton nicht verklingt, dem sich kein noch so hart vereistes Herz versagen kann.

Für die Sächsische Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Constantin Trinks gibt es kein Halten, gleich in der Ouvertüre wird mit Lust und Hingabe musiziert, werden die tänzerischen Rhythmen voll ausgekostet und wird dem sanften Melos immer wieder weiter Raum gegeben. Ja, manchmal muss es feurig und ganz kräftig zugehen, das Zarte, die nachdenklichen Passagen kommen nicht zu kurz, mögen die Funken schon gewaltig sprühen, dieses Orchester findet unter seinem Dirigenten immer wieder zurück ins Maß und bringt die schöne Melancholie aus Sehnsucht und Märchenträumen zur Entfaltung.

Als Regisseur gibt Axel Köhler sein Semperoperndebüt, endlich, möchte man sagen nach dieser Premiere. Er erzählt mit schelmischer Lust die schöne Geschichte vom Räuber Babinský als charmantem Herzensräuber, der doch diese und andere Schätze nicht für sich behalten kann. Ladislav Elgr singt und spielt diesen bezaubernden Charmeur mit freundlichen Anleihen beim Gestus von Max Raabe und der Tristesse des kleinen Prinzen, der andern hilft, selber einsam bleibt und weiter reisen muss.

Köhler erzählt vom bodenständigen Schwanda, dem Dudelsackpfeifer, dessen Ton stärker ist als Hölle und Eismeer, und seiner von Marjorie Owens gefühlsstark gesungenen Frau Dorota, die ihn am Ende, alt und grau geworden, doch nur lieben kann, weil sie des schönen Räubers Bild so im Herzen trägt wie ihr Schwanda die Erinnerung an seine Eisprinzessin und den Höllenspaß mit allem ausgeflippten Teufelsvolk. Diesen Schwanda gibt Christoph Pohl im Spiel und Gesang mit zutiefst berührenden Tönen der Wahrhaftigkeit, wie sie selten geworden sind auf der Opernbühne. Es sind die Details, etwa sein Tanz und seine Überraschung ob der Wirkung seines Spiels und Zaubertons. Genannt seien auch Tichina Vaughn als Königin mit dem vereisten Herzen, Tilmann Rönnebeck als intriganter Magier oder Michael Eder als "gehörnter" Teufel, Simeon Esper als Höllenhauptmann oder Richter, Ilhun Jung als Landsknecht oder Timothy Oliver als Scharfrichter und Großmutter des Teufels.

Köhler greift als Regisseur auch mal mit Lust und Übermut in die großen Kisten der Klischees, bedient sich bei der Ästhetik des Films der Entstehungszeit der Oper und wohl auch bei der des tschechischen Märchenzaubers aus den legendären Prager Studios Barrandov, bei deren Streifen einst Generationen der grauen Tristesse des sozialistischen Realismus entflohen. Henrike Bromber hat die Unmengen von Kostümen entworfen, in denen die Damen und Herren des schlagkräftig von Christof Bauer einstudierten Chores ihrer großen Lust am Spiel in vielen Varianten Raum geben können. Köhlers Fantasie der großen Bilder im Eispalast oder in der Hölle, wo arme Seelen erst geschreddert, dann verbrannt werden, und der vielen Feinheiten in der Personenführung, die den Herren mehr zutraut als den Damen des Solistenensembles, wird choreografisch verfeinert oder, wenn es sein muss, in den puren Übermut getrieben durch Gaetano Posterino und eine bestens aufgelegte Gruppe von zwölf Tänzerinnen und Tänzern.

Das aber ist nur möglich, weil Arne Walter einen riesigen Glaspalast vergangener Industrieromantik gebaut hat, dessen durchscheinende gläserne Begrenzung jene Räume für die Fan- tasie freigibt, in denen Innen- und Außenwelt einander durchdringen, die Kälte des Mondes ebenso eindringt wie die Hitze der Hölle, Gewalt mit einem Augenzwinkern entzaubert wird und die Wärme der Musik mächtige Kunstblumen erblühen lässt. Das ist ein Abend der großen Lust am Spiel, an der Musik, ja auch am Überschwang und dem kribbelnden Liebäugeln mit der Gefahr, ganz hart vorbei zu schrammen am Rande, kurz vor dem Absturz in den Abgrund der Klamotte.

Allein, und das ist letztlich doch die große Kraft des wunderbaren Werkes, die Musik hält allem Stand, vielleicht weil Weinbergers klingende Weisheit dort, wo es heiß her geht, wo Höllenqual und Höllenspäße sich verbünden, ihre feinsinnigsten und raffiniertesten Passagen hat. Ein großer Spaß, ein großer Abend und ungeteilter Beifall für ein großartiges Ensemble.

Nächste Aufführungen: 27. und 30.3.; 7.,14. und 29.4.; 2. und 17.5. in der Semperoper

www.semperoper.de

Die Premiere ist von MDR Figaro aufgezeichnet worden und wird am 7. April, 20.05 Uhr, ausgestrahlt. Über die Europäische Rundfunkunion wird der Mitschnitt außerdem international von 18 Rundfunkanstalten gesendet, darunter der Tschechische, Schwedische, Finnische, Norwegische und Österreichische Rundfunk, Radio Télévision Suisse, die Australian Broadcasting Corporation, das National Public Radio in USA sowie in Deutschland der Bayerische, Westdeutsche und Hessische Rundfunk und Deutschlandradio Kultur.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.03.2012

Boris Michael Gruhl

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