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Kleingartentalk mit Axel Hacke im Staatsschauspiel Dresden

Kleines Haus Kleingartentalk mit Axel Hacke im Staatsschauspiel Dresden

„Samt & Sonders“ heißt die neue Gesprächsreihe im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Cornelius Pollmer, Dresdner Landeskorrespondent der Süddeutschen Zeitung, hatte die Idee dazu, die Intendant Joachim Klement nun aufgriff. Gast Axel Hacke fand sich vor sonderbarer Kulisse wieder.

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Der Schriftsteller Axel Hacke

Quelle: dpa-Zentralbild

Dresden. Eigentlich wollte er politischer Journalist werden: Axel Hacke, Koryphäe der Süddeutschen Zeitung und seit Jahren als humorvoller Autor landesweit erfolgreich und unterwegs: 90 Lesungen im Jahr sind die Norm, am Dienstag eröffnete der schnieke wie eloquente Braunschweiger Jahrgang 1956 eine neue Reihe im großen Saals des Kleinen Hauses in Obhut des Dresdner Staatsschauspiels.

„Samt & Sonders“ heißt jene und wurde als Idee von Cornelius Pollmer, Dresdner Landeskorrespondent der Süddeutschen Zeitung, die alle nur SZ nennen, schon zu Schulz-Zeiten (SZ) vorgetragen, jetzt hat sie der neue Intendant Joachim Klement aufgegriffen. Dabei begrüßt der Gastgeber seinen mehr oder prominenten Gast – egal ob Schriftsteller, Psychoanalytikerin oder gar Homo politicus („Hauptsache, sie oder er kann reden!“) – vorm roten Vorhang. Was dahinter erscheint, wenn dieser aufgeht, bleibt konzeptionelle Überraschung. Ausstatter Thilo Zürn bekommt das Thema (heuer: Axel Hacke und Anstand) plus freie Hand und gestaltet dazu passend die Bühne, wovon beide Darsteller vorher nichts wissen und sich damit dann live zurecht finden müssen. Diesmal eine Kleingartenidylle mit 25 Quadratmeter umzäunter Kunstrasen voller Häschen und nicht allen Latten am Zaun. Dahinter unbeachtet das Gewächshaus aus der misslungenen Küspert-Uraufführung „Das Ende der Menschheit“.

„Die Idee ist natürlich kompletter Irrsinn – konstruktives Chaos ist gewollt, alles ist möglich und erlaubt“, erklärt Pollmer, dem geläufige Gesprächsformate zu langweilig erschienen, den neuen Ansatz. Mit Axel Hacke, der gerade mit seinem jüngsten Werk namens „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ unanständig oft tourt, nachdem er „Das kolumnistische Manifest“ aus 1000 und einer Arbeitsnacht kreierte und ein paar Tage mit Gott verbrachte. Er gestand, bei normalen Lesungen schon mal von Müdigkeit übermannt zu werden, und wurde so zum dankbaren Gesprächspartner.

Beide verbindet zudem noch die Institution SZ, für die Hacke immer noch „Das Beste aus aller Welt verfasst“, aber einst bei seiner „Wunschzeitung“ als Sportreporter (weil da eine Stelle frei war) begann, obwohl er unbedingt in die Politik wollte – um einmal im verräucherten und trunkenen internationalen TV-Frühschoppen mitreden zu dürfen. Und zwar, um als Loriot-Fan – mit dem edlen Behufe, eigentlich tragische Hintergründe zu lustigen Pointen zu veredeln – seinen Vater mal eine empathische Reaktion zu entlocken, die jener sonst nur der sonntäglichen Sendung zur Gottesdienstzeit widmete.

Schnell kam die Rede aufs legendäre „Streiflicht“, wobei Hacke in bildhafter Sprache sein erstes Erlebnis beim Schreiben schilderte, als er – eine halbe Stunde vor Lieferung – erst 20 von 80 Zeilen hatte. Da half nur – begnadete Leipziger Diplomjournalisten können das vermutlich aus ihrer Uni bestätigen – „eine große Runde Paternoster“ zur Inspiration, wie ihm ein erfahrener Kollegen riet. Nach zwei Runden mit Doppelwende in den Zahnrädern an beiden Scheitelpunkten gelang das Ding. Und ein Mythos war geboren – jener, dass Hacke durch diese Art von Leitglosse berühmt geworden sei. Zu Unrecht, wie er selbst befand, denn keiner da draußen weiß, wer es wirklich schreibt.

Diese Lustigkeit verflog, als es um den Ernst der Lage und das Ableben von Anstand in den Umgangsformen ging, hier fehlte ein wenig Stringenz bei der Einordnung in den gesellschaftlichen Zusammenhang – den das Format aber nicht leisten kann. Auch verfing undankbarerweise keine der vorbereiteten Fallen: Der Gast trank sein Bier – Pilsner Urquell – zivilisiert aus dem Plastebecher, während Pollmer sich ein zweite Flasche (diesmal Lübzer – so viel Korrektheit muss sein) hinter der Bühne holte. Auch die echten Grillwürstchen wie die typisch sächsischen Spezialitäten aus dem Rotkäppchenkorb, die Minister heute gerne in Westpäckchen medienwirksam versenden, kamen nicht durch. Einzig der echte Dresdner Stollen nach dem Rezept von Pollmers Großmutter mundete.

Das Format „Samt & Sonders“ wird sich bewähren müssen – ein wenig mehr Aktion und eine genauer eingebaute Wechselwirkung mit dem garantiert belesenen Publikum würden den Unterhaltungswert noch erhöhen. Die nächste Folge der im Vierteljahresrhythmus avisierten Serie findet am 7. Februar statt, der Gast steht noch nicht fest, wobei Pollmer eine Frau favorisiert.

Von Andreas Herrmann

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