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Regional Kleine Krieger und große Träume bei „Fluchtwege“
Nachrichten Kultur Regional Kleine Krieger und große Träume bei „Fluchtwege“
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08:44 10.01.2018
Riva (Julia Rani) muss sich von ihrem Bruder Andrea (Johannes Krobbach) erklären lassen, dass die Deutschen böse Menschen sind.  Quelle: Hagen König
Radebeul

 Das Übersetzen von englischsprachigen Film- oder Theatertiteln ins Deutsche ist oft umstritten, und letztlich bleibt immer die Frage, wie viel von den ursprünglichen Intentionen des Autors noch übrig geblieben sind. So auch bei Nick Woods „Fluchtwege“, dem neuen Stück im Jungen Studio an den Landesbühnen Sachsen, das im Original „Warrior Square“ heißt – was in der Nachbetrachtung viel mehr über die Protagonisten des Stückes aussagt als der deutsche Titel. Denn Andrea (Johannes Krobbach) und Riva (Julia Rani) sind echte Kämpfer, echte Krieger.

Mit ungeahnter Wucht auf die Schattenseite des Lebens gezogen, schlägt sich das Geschwisterpaar durch unvorstellbar schwierige Zeiten – in Furcht und Hoffnung. Als Andrea und Riva in ihrer alten Heimat von einer Lehrerin plötzlich mitten im Unterricht nach Hause geschickt werden, ahnen die beiden noch nichts vom drohenden Unglück. Kurze Zeit später ist der Vater der Familie tot – er starb, um Riva, Andrea und Mutter Eva die Flucht zu ermöglichen. Warum genau sie ihre Heimat verlassen mussten, was sie falsch gemacht haben, wissen die Geschwister auch nach drei anstrengenden Fluchtjahren nicht. Falsch waren sie, anders – so, dass sie weg mussten.

Angekommen sind sie in Deutschland, im Asylheim einer Kleinstadt an der Ostsee. Und hier beginnt das Jugendstück zur Premiere auf der Studiobühne, als sich Riva und Andrea gegenseitig Geschichten aus der Heimat erzählen und die Flucht unweigerlich ein Thema wird. Johannes Krobbach und Julia Rani schlüpfen dabei immer wieder in verschiedene Rollen, wechseln von der Erzählerperspektive in die Darstellung und umgekehrt. Temporeiche 70 Minuten müssen die Schauspieler so meistern, da bleibt die ein oder andere Schweißperle nicht erspart.

So muss Krobbach sein schauspielerisches Repertoire abrufen, um Vater, Lehrerin, Onkel Stefan und letztendlich auch den aufbrausenden und ständig unverstandenen Einzelgänger Andrea zu spielen, der sich nicht nur daran stört, dass sein Name im Deutschen wie der einer Frau klingt, sondern auch am Umgang der örtlichen Bevölkerung mit den Flüchtlingen. Auch die Rolle der Riva ist mit der trotz aller offensichtlichen Widrigkeiten vor Lebensfreude strotzenden Julia Rani perfekt besetzt.

Und obwohl Regisseurin Esther Undisz in ihrer zweiten Landesbühnen-Inszenierung auf so manches – und aufgrund der großen Medien- und Bühnenpräsenz dieser Thematik in den vergangenen Jahren auch berechtigten – Stereotyp zurückgreift, wird der Kern der Botschaft schnell deutlich. Bei „Fluchtwege“ geht es nicht darum, die Geschichte einer geflüchteten Familie nachzuerzählen. Das Stück soll dem Zuschauer zeigen, wie sehr Kinder in der Lage sind, Gräben, Grenzen, Hass und Ablehnung zu überwinden und immer wieder ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen und positiv zu gestalten.

Dabei braucht es auf der Bühne nicht mehr als zwei Fässer und einen alten Spind, der wahlweise zu einem Versteck, einer Bank oder einer Düne umfunktioniert wird. Während Riva – stets mit einem Lächeln auf den Lippen – schnell Freunde findet und Deutsch lernt wie eine Besessene, sieht Andrea nur Feinde um sich herum. Jedes Wort, das er nicht versteht, ist eine Beleidigung, jeder Fremde „einer von denen, die Papa getötet haben“. Statt sich dem örtlichen Fußballclub anzuschließen, verbringt er seine Tage voller Zorn und allein mit dem Ball seines Vaters am Strand. Dank seiner renitenten und immer selbstbewusster auftretenden Schwester gelingt es dem Jungen schließlich, sich zu öffnen und Rivas positive Energie zu teilen.

Bereits 2001 schilderte der britische Autor Nick Wood jenes Szenario an der Küste Englands, das seither als Grundlage für Jugendtheaterstücke in vielen europäischen Ländern dient. Umso erstaunlicher und trauriger ist es, dass sich dieses Szenario scheinbar eins zu eins ins Deutschland dieser Zeit übertragen lässt. Kinder sind es, die am Ende die Scherben kaputter Gesellschaften aufkehren und wieder zusammenpuzzeln müssen und die es sich nicht leisten können, ihre Träume aufzugeben, obwohl diese ständig wieder zerstört werden.

Und auch das offene Ende zeigt, wie eng Furcht und Hoffnung für die jungen Krieger Riva und Andrea beieinander stehen. Das BAMF, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, schickt einen Brief, die Familie steigt in einen Bus und wird erneut hunderte Kilometer weiter in einer fremden Gegend in Mitteldeutschland ausgeladen. Zwar stehen diesmal die eigenen vier Wände bereit und damit die Chance auf eine neue Heimat, doch der Kampf beginnt erneut. Denn für nicht wenige Flüchtlinge heißt es: Ist das Schwierigste gemeistert, steht das Schwierigste bevor.

nächste Vorstellungen: 12. Januar Landesbühnen Sachsen, Studiobühne; 16. März, Kulturhaus Böhlen

Von Sebastian Burkhardt

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