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"Klaus im Schrank": Ein Kästner-Stück feiert nach 86 Jahren Uraufführung in Dresden

"Klaus im Schrank": Ein Kästner-Stück feiert nach 86 Jahren Uraufführung in Dresden

Sie ist noch Studentin, er im ersten Jahr des Festengagements. Dennoch ist Nina Gummich, Jahrgang 1990 und nun im neuen Dresdner Schauspielstudio, schon viel länger im Geschäft als Jonas Friedrich Leonhardi.

Der Oschatzer, ein Jahr älter und seit 2013/14 fest am Dresdner Staatsschauspiel engagiert, spielt Bruno Mechelke in Hauptmanns "Ratten" und Christopher Boone in "Supergute Tage". Nina Gummich ist schon seit 14 Jahren regelmäßig in TV-Filmen zu sehen und hat auch mehrere Kinofilme vorzuweisen, z.B. "Russendisko" (2011). Beide spielen nun das Geschwisterpaar Kläre und Klaus in der sensationell anmutenden Uraufführung des verschollen geglaubten ersten Dramas von Erich Kästner "Klaus im Schrank oder Das verkehrte Weihnachtsfest". Die DNN sprachen mit den beiden Hauptdarstellern.

Frage: Diese Uraufführung, 86 Jahre nach Entstehung, ist ja eine Novität - wie geht man damit um?

Nina Gummich: Wir haben zuerst die Originalfassung gelesen. Diese hat unsere Regisseurin Susanne Lietzow für die Aufführung natürlich bearbeitet. Aber den Schatz der Sprache Kästners, die eigentümliche Wortwahl, hat sie gut erhalten. Bei uns beiden - ich bin neun, er ist elf im Stück - mussten wir vor allem die Balance finden, nicht in kindlichen Ton zu verfallen und doch das Kind in uns nach außen zu tragen.

Jonas Friedrich Leonhardi: Es gibt aber keinen Unterschied in unserer Arbeitsweise. Es ist egal, ob das Stück nun gestern oder vor einhundert Jahren geschrieben wurde. Mein Klaus ist ein aufmüpfiger, frecher Junge, der eigentlich intelligent ist, aber in der Schule nicht so gut -

N.G.: Er ist faul!

J.F.L.: Ja, er ist wohl faul. Und schludrig. Aber er will unbedingt zum Film. Sein großes Vorbild ist Jackie Coogan, der kleine Junge, der mit Charlie Chaplin "The Kid" gedreht hat. Und weil er dann berühmt wird, braucht er auch nicht zur Schule zu gehen, sondern kann das später nachholen. Sein Leben besteht aus den Übungen für die großen Hollywoodauftritte - alles damals noch in Stummfilmmanier.

Und die Beziehungen zu den Eltern ist gestört?

J.F.L.: Gespannt. Der Vater ist Bankdirektor und geht abends ins Konzert.

N.G.: Die Ehe der Eltern ist schon gestört. Daher ist auch die Beziehung zu den Kindern etwas gefühlskalt. Sie sind auch mit sich selbst überfordert. Meine Kläre ist altklug und ein Korrektiv zu Klaus. Beide kämpfen um die Aufmerksamkeit der Eltern.

Im Untertitel heißt es "Das verkehrte Weihnachtsfest". Können Sie sich eigentlich noch an Ihr erstes Weihnachtsmärchen als Kind im Publikum erinnern?

N.G.: Oh, das ist verdammt lang her. Es war am Opernhaus Halle "Der Nussknacker".

J.F.L.: Bei mir war das "Hänsel und Gretel", auch in der Oper.

Warum wird das neue Stück denn funktionieren?

J.F.L.: Unsere Situation ist einfach nachvollziehbar. Wir sind als Kinder in einer klinischen, weißen Welt - in der alles seine Ordnung hat. Außer in der Schublade von Klaus. Das Dekadente und das Reichsein ist einfach zu langweilig, so dass man sich andere Sachen ausdenken muss.

N.G.: Es ist ein Thema, das alle fesseln könnte und gut zur Weihnachtszeit passt. Wir werden im Stück unter einem riesigen Christbaum mit riesigen Geschenken allein gelassen - und die Eltern fahren zum Wintersport. Dabei hat Weihnachten doch etwas mit Geborgenheit in der Familie, nicht mit der Masse der Geschenke zu tun. Ich hoffe, wir werden das Publikum mit unserer Darstellung ein wenig verzaubern, aber auch zum Nachdenken anregen.

Das ist interessant, denn Sie stammen aus einer Leipziger Schauspielerfamilie. Eigentlich spielen doch Schauspieler zur Weihnachtszeit von früh bis abends -

N.G.: Meine Eltern spielten immer nur Silvester, Weihnachten wurde zu Hause in ganzer Familie gefeiert. Es kam auch jedes Jahr der Weihnachtsmann, dessen Identität bis heute unklar ist. Wahrscheinlich war es der echte. Daran habe ich tolle Erinnerungen.

J.F.L.: Bei uns war es auch toll. Ich lebte auf dem Dorf und habe vier Geschwister. Es lag auch oft Schnee. Heute ist schon komisch, wenn man zu Hause beim ersten Nachschlag der Klöße aufstehen muss, weil die Maske fürs Weihnachtsmärchen wartet. Aber auch im Theater herrscht Weihnachtsstimmung, die Kollegen beschenken sich untereinander, und die Kantine hat Leckereien parat.

Sie haben schon etliche Filmrollen gespielt und könnten es einfacher haben. Nun studieren Sie noch einmal Schauspiel von der Pike auf. Woher kommt der Drang auf die Bühne - hier ist doch stets volle Konzentration gefragt?

N.G.: Beides verlangt hohe Konzentration. Das Tolle am Theater ist: Man muss jeden Tag auf den Punkt genau agieren. Ich mag dieses Live-Gefühl und diesen Adrenalin-Schub, wenn Du weißt: Jetzt gilt es, Du hast nur diese eine Chance. Außerdem hat man auf der Bühne bei der Arbeit ein Gefühl für die Entwicklung der Geschichte. Beim Film fängt wiederum man irgendwo an, in der Mit-

te oder am Ende, und dreht einzelne Szenen 27 Mal. Das hat auch seinen Reiz, aber hier auf der Bühne hat es für mich mehr mit dem Leben zu tun.

Nun ist es ja eine besondere Situation: Es könnte sein, das Stück wird ein Erfolg und Sie sind die Erstbesetzung -

N.G. (lachend): Die werden alle versuchen, uns nachzumachen. Aber sicher werden wir es unseren Kindern noch erzählen. Für mich ist ja auch die erste große Rolle auf der großen Bühne.

J.F.L.: Ich dachte, als ich von meiner Besetzung hörte, auch: Hui, jetzt geht es hier richtig zur Sache - nach Christopher Boone schon die nächste Hauptrolle. Bei "Supergute Tage", meiner ersten großen Rolle im Festengagement, fühlte ich mich hier angekommen. Mit dieser Energie konnte ich gut in die Proben für diese nächste Hauptrolle reingehen. Beides ist schon noch etwas ganz anderes als zuvor, einfach ein Entwicklungsschritt. Jetzt spiele ich wieder so einen jungen Kerl, der ist aber ganz anders als Christopher, viel freier. Auch in der Körperlichkeit. Ich freue mich zudem auf die vielen Vorstellungen hintereinander - und auf den Saal voller kreischender Kinder. Ich habe noch nie vor so vielen Kindern gespielt.

Kann man diese Situationen denn proben?

N.G.: Eigentlich nicht. Wir werden warten müssen, bis man uns wieder versteht. Aber wir rufen bei den Proben manchmal an den möglichen Stellen einfach rein, wo wir lautstarke Hinweise vermuten.

Sie stehen am Anfang Ihrer Karriere: Was erhoffen Sie sich von der mittleren bis ferneren Zukunft - zum Beispiel an Traumrollen?

N.G.: Ich spiele in der nächsten Produktion des Schauspielstudios mit: "Corpus delicti" von Juli Zeh. Da beginnen Ende Januar die Proben, Regie führt wie jetzt Susanne Lietzow. Filmdrehs sind derzeit etwas schwierig, das geht erst in den Sommerferien wieder. Traumrollen kann ich Ihnen noch nicht nennen, das wäre als Studentin wohl ein wenig anmaßend. Ich bin einfach sehr gespannt, was auf mich zukommen wird.

J.F.L.: Auch für mich ist das zu früh, es gibt da so viele. Ich bin jetzt erst einmal sehr zufrieden mit dem Start. Außerdem gibt es ja viele tolle Nebenrollen oder spannende Stückentwicklungen.

Warum hat ist man eigentlich schon in den Zeiten als Schauspielstudent bei einer Vermittlungsagentur gelistet?

J.F.L.: Bei mir war das ganz simpel. Nach dem dritten Studienjahr gibt es ein Abschlussvorspiel vor Intendanten. Man fährt dafür an verschiedene Theater. In Berlin saßen da Agenturen mit drin - und ich habe mich für eine entschieden. Dabei geht es fast immer um Filmproduktionen - die regeln die Kontrakte und die Termine, wofür wir keine Zeit haben.

N.G.: Ich war acht Jahre alt, als ich meinen ersten Film gedreht habe, der Agent meines Vaters hat mich zum Casting geschickt, und ich habe die Rolle bekommen. Daraus haben sich dann weitere Projekte ergeben.

Premiere: Sonntag 17 Uhr, Schauspielhaus (noch Restkarten)

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.11.2013

Andreas Herrmann

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