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Klangsynthese beim Johannstädter Ballroomtalk

Studiotalk Klangsynthese beim Johannstädter Ballroomtalk

„Johannstadt ist schon ein besonderes Viertel. Hier leben die meisten Menschen mit anderen Wurzeln. Wir wollen beide als Moderatoren immer vier Gäste aus Politik, Gesellschaft und dem Viertel einladen und dann im ruhigen Dialog mit ihnen reden,“ schildert Radiomann Wiegand, der in der Neustadt lebt, das Vorhaben.

Hohe Tonqualität, gute Atmosphäre: Der erste Johannstädter Ballroomtalk, initiiert von Johannes Gerstengarbe (2. v. li.) und Stephan Wiegand (re.) setzte auf Harmonie und hatte mit Konstantin Wecker einen klugen wie rakikundigen Stargast.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Es ging ihnen wie vielen: Stephan Wiegand und Johannes Gerstengarbe befiel das Unbehagen über die abfallende Form der gesellschaftlichen Kommunikation in immer weiter auseinanderfallenden Teilöffentlichkeiten. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Verbalkampfarenen, als politische TV-Talkshows getarnt, sehen sie als Übel in der Not, die die zentralen Sorgen der gespaltenen Bevölkerung nur peripher tangieren und nicht zur friedlichen Koexistenz in der unmittelbaren Nachbarschaft beitragen.

Im Gegenteil: Die Trennung in gefühlte Mehr- wie Minderheit oder Ober- wie Unterschicht, gern mit individuellen Richtungsangaben versehen, aber im Streit oft unterirdisch monologisierend, gefährdet das Zusammenleben und damit das lokale Wohnklima. Ihre Diagnose wie Rezept: Man muss reden – gepflegt mit- statt übereinander und dennoch einigermaßen verbindlich.

Beide wirken unmittelbar im öffentlichen Raum – also mit Schall und Widerhall. Der eine als freier Rundfunkmensch und Öffentlichkeitsarbeiter, vor allem in Sachen Gesundheit und Musik. Ihm eigen ist die gelassene Aura und eine Stimme, der man jedes Problem im Nachttalk angedeihen lassen würde. Der andere macht Musik – gern mit dem Blick samt Ohr gen Nashville gerichtet, wo er auch einst studierte. Seit rund einem Jahr hat er sein Ballroomstudio offiziell vom Hechtviertel in die alte Schokofabrik nach Johannstadt verlegt und sich eine geräumige Basis für gelungene Aufnahmen geschaffen, auch wenn hier Klang wie Optik nicht mehr ganz ballsaalhaft sind.

Während die meisten in gefühlter Agonie oder selbst verschuldeter Alternativlosigkeit genauso weiter dahindümpeln, machen die beiden nun ernst: Im Sinne der mittlerweile etablierten Ballroomsessions, einer musikalischen Videoserie mit knisternd-authentischer Live-Atmosphäre, wollen sie ein Talkformat schaffen, das in mehreren Hinsichten beispielgebend ist und mit dem Ort des Geschehens, der sich hinter der buntesten Schule der Landeshauptstadt, genau gegenüber der legendären Modrow-Kaufhalle befindet, korrespondiert: „Johannstadt ist schon ein besonderes Viertel. Hier leben die meisten Menschen mit anderen Wurzeln. Wir wollen beide als Moderatoren immer vier Gäste aus Politik, Gesellschaft und dem Viertel einladen und dann im ruhigen Dialog mit ihnen reden,“ schildert Radiomann Wiegand, der in der Neustadt lebt, das Vorhaben.

„Lieber Syn- statt Antithese!“

Und verweist auf seinen Kompagnon, der mit dem Studio und der Finanzierung – vor allem des fünfköpfigen Kamerateams – die Hauptlast an der Pilotsendung trägt, die zwei Abende vorm heiligen mit rund vierzig Gästen aufgezeichnet wurde und just als eigener Beitrag zum 13. Februar auf den bewährten Netzkanälen der Ballroomsession auf de facto ewige Sendung gehen. Und wird sich, dank typischer Vernetzungsorgien, sicher ganz schnell nach vorn, also oben spielen, denn bislang führt immer noch Bela B. mit knapp mit knapp 9400 Aufrufen die Ballroom-Hitliste bei Vimeo klar an.

Hechtviertler Gerstengarbe ergänzt: „Wir wollen in erster Linie etwas fürs nachhaltige Zusammenleben im Viertel tun. Und wir wollen – im Gegensatz zum üblichen TV-Talk – das Gespräch aufeinander aufbauen lassen.“ Das erste Thema drehe sich daher rund um die Bedeutung von „Heimat“ für alle Beteiligten, das natürlich um Musik ergänzt wird – beim Piloten trifft Konstantin Wecker auf die Banda Internationale – live und nahezu ungeprobt.

So war bei der Aufzeichnung im warmen und rappelvollen Studio Spannung angesagt – denn mit Konstantin Wecker hatten sie gleich einen klugen Prominenten gebucht, der es verstand, die Diskussion bei Bedarf mit Welt- und Weitsicht zu beleben und sich ansonsten amüsiert zurückhielt. Dadurch kam Sana al Salek die dramaturgische Hauptrolle zu, denn für die syrische Ingenieurin, deren Kinder sie als Johannstädter Klassenbeste stolz machen, bleibt die Heimat als um des Lebens willen zwangsverlassener Sehnsuchtsort weit weg, aber das große Ziel.

Starke Gäste, entspannter Ausklang

Dass bei diesem Konzept die ganz großen, weil harten Schnittstellen außen vor bleiben müssen, ist logisch. Man wünscht den beiden Mediatoren den Mut, auch künftig auf mehr als einen Politiker zu verzichten, um Rivalitäten von vornherein auszuschließen. So bleibt SPD-Bundestagsabgeordnete Susann Rüthrich als Johannstädterin im nachbarschaftlichen Sympathiemodus.

Einen Glücksfall als Gast wie den gebürtigen Karl-Marx-Städter Khaldun Al Saadi, dessen Vater aus Südjemen stammt, der Arabistik und Kommunikationswissenschaft in Leipzig studiert und Sprecher des Islamischen Zentrums Dresden ist, und der mit Wecker über allerlei Philosophen parliert (mehr sei nicht verraten), ist natürlich unersetzbar. So konnten auch die Moderatoren das eine oder andere Bier trinken – oder auch Raki (pur ohne Wasser).

Ganz zum Schluss ist es dann aber auch vorbei mit dem Gebot des Nichtmitfilmens im Publikum: Vor allem jene, die es besser wissen müssten – wie Blogger oder Politiker – sind urheberrechtlich nicht zu halten. Zur Strafe haben sie nur die unreine Variante auf dem Chip, denn Banda-Interimsleiter Wecker lässt das gemeinsame Ständchen – sein Traum vom Teilen mit kleinen orientalischen Einschüben – zweimal mit Korrekturen wiederholen, ehe es ihm gut genug klingt.

Falls hingegen Fotos direkt von Musikerhandys mit allen Beteiligten im Netz auftauchen sollten: Die stammen vom als Selfiestab missbrauchten DNN-Fotografen. Die anschließende Weihnachtsfeier mit viel Lößnitzpils soll noch lange gegangen sein. Der Ton ist zwei Wochen später schon fertig geschnitten – und Gerstengarbe strahlt: „Der ist wirklich gut gelungen.“ Noch wichtiger ist ihm allerdings: „Wir haben von allen ein Feedback, dass die Diskussion sie bewegt und auch weitergebracht hat.“

So auch Wecker, der sich hier im Johannstädter Ballroomstudio bekennend mehr zu Hause fühlt als mit fünf Rechtsradikalen im bayrischen Dorfgasthof, und neben München oft in der Toskana lebt, habe zum Beispiel erstmals über einen eigenen Fluchtzwang nachgedacht – also, wie es denn wäre, wenn die Heimat plötzlich zerstört sei und man fort müsste.

Das alles ist bald filmartig-livehaftig anmutend zu genießen – und die Initiatoren hoffen auf viel Zuspruch, auch seitens von Partnern oder Sponsoren, denn ihr Ziel ist die Produktion einer quartalsweisen Neuauflage, was trotz Ehrenamt nicht ohne Geld geht.

www.vimeo.com/ballroomstudios

Von Andreas Herrmann

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