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"King Arthur" eröffnet die 100. Saison am Schauspielhaus Dresden

"King Arthur" eröffnet die 100. Saison am Schauspielhaus Dresden

...und jedermann erwartet sich ein Fest. 100 Jahre Schauspielhaus in Dresden, aber nicht mit Goethe, sondern einem poetisch-martialischen Text des Engländers John Dryden, der sich zudem nicht gerade als "Freund der Sachsen" entpuppt, in ein surreal aufklärerisches Licht setzt.

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Benjamin Pauquet (Osmond, ein sächsischer Zauberer), Yohanna Schwertfeger (Emmeline), Nadja Mchantaf (Matilda, Emmelines Dienerin/Sirene/Venus) - und Matthias Reichwald (König Arthur).

Quelle: David Baltzer

Ein solcher Anlass ruft nach einem besonderen Geschenk. Bevor freilich am Premierenabend Tilmann Köhler mit seiner Sicht auf Henry Purcells "King Arthur" zum Zuge kam, sah die zwingende Dramaturgie eines solchen Tages eine Festveranstaltung vor, die sich allerdings im Nachhinein als durchaus ebenbürtig und angemessen erwies, und zwar auch im kritischen Umgang mit Ritualen.

Intendant Wilfried Schulz entwarf in seine Ansprache - bezugnehmend auf 100 Bilder aus der Geschichte des Dresdner Staatsschauspiels - ein differenziertes Bild der "bürgerlichen Sehnsucht", die dieses Theater schuf und bis heute erhalten habe. Er definiert es als einen Ort, der niemandem gehöre und zugleich allen, an dem die Welt als veränderbar, die Geschichte als gestaltbar erscheint und der dadurch Anstöße geben könne zu verantwortungsbewusstem Handeln, zu kritischem Denken und dem Wandel überkommener Wertvorstellungen, der sich auch in seinem Hinweis auf das Folgende ausdrückte: der Anblick kämpfender, von Testosteronüberschuss aufgeputschter Männer sei eigentlich nur im Verein mit Musik zu ertragen. Lea Ruckpaul, nach erfolgreich absolviertem Schauspielstudio neu im Ensemble, und Albrecht Goette, seit 40 Jahren auf dieser Bühne, brachten mit Witz und großer Ernsthaftigkeit auf drei Wünsche zu Gehör, deren erster sich - wieder im Wissen um das Kommende - an ein Publikum richtete, "das sich zur Verfügung stellt", gerade auch in dem Sinne, dass es Ungewohntes nicht gleich ablehnt, sondern erst einmal "nach dem Gedanken dahinter" sucht. Das Theater solle nie vergessen, dass es "ein anderer Ort" gegenüber der realen Welt zu sein habe, und dafür brauche es auch "eine Politik, die Kunst und Markt trennt".

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich hatte zuvor das Staatsschauspiel, das in der zurückliegenden Spielzeit mit 240 000 Zuschauern das beste Einspielergebnis seit dem Zweiten Weltkrieg erreichte, als "so lebendig wie nie" bezeichnet, und auch damit die Unverzichtbarkeit für die Stadt und den Freistaat unterstrichen. Mit seiner Eröffnung habe das Haus am Beginn der Moderne gestanden, auch wenn diese sich zunächst vor alle von der technischen, von der künstlerischen Seite her aber nur ansatzweise habe durchsetzen können.

Beides auf Höhe der heutigen Zeit zu zeigen, scheint ein Anliegen der Aufführung, auch wenn Matthias Reichwald als King Arthur im Prolog (wie der Epilog bearbeitet von Armin Petras) den geistigen Horizont der Sachsen so hoch ansetzt, dass man sich schon sehr bücken muss, um seine Grenzen zu erkennen. Nach dieser Übung öffnet sich der Blick auf ein Podium, das von Lichtleisten gerahmt, den Weg ins unendlich Ungewisse zu weisen scheint. Darüber die überdimensionalen goldbronzenen Schärpen, die analog zu den aktuellen Logostreifen des Staatschauspiels das Rednerpult flankiert hatten und nun vervielfacht als luftig-variables Interieur einer eher märchenhaften Szenerie dienen (Bühne: Karoly Risz). Darüber, gelegentlich sichtbar, die schwankenden Planken des Himmels, aus dem Götter und Geister herabschweben, um den Ausgang des wechselvollen Kampfes zu beeinflussen, der zwischen zwei, nein sogar drei Rivalen tobt. Es geht um nicht weniger als die Gunst des schönen, anfangs blinden, aber von natürlicher Ausstrahlung beseelten Fräuleins Emmeline (Yohanna Schwertfeger) respektive die Krone des britischen Reiches.

Was Tilmann Köhler liefert, ist nichts Halbes, sondern mehr als eine halbe Oper, was zunächst unterstreicht, dass ernst zu nehmende Dialoge im Stück sich auf einige wenige Szenen beschränken. Ein Sinn des Ganzen ist, wenn überhaupt, nur in einer Durchdringung und im gegenseitigen Kommentar der Mittel zu erschließen. Wobei im Unklaren bleibt, wo die denkbare Ironie des Autors aufhört und die des Interpreten beginnt, um schließlich ein Ergebnis zu zeitigen, das zeitgenössische Einsicht und Erfahrung bestätigt: nicht dem draufgängerischen Helden, sondern dem beinahe unbewusst klugen Bewerber fällt am Ende alles zu. Auf dem Weg des geringsten Widerstands geht es, siehe Programmheft, vor allem darum, dass am Ende die bestehende Gesellschaft gewinnt.

Nur eben nicht in einem Theater, das sich der Entlarvung des schönen Scheins verschrieben hat. Wie weit dazu auch die Musik beiträgt, bleibt natürlich strittig, aber jedenfalls liefern das Prager Collegium 1704 und Instrumentalsolisten auf alten Instrumenten unter Leitung von Felice Venanzoni einen Sound, der lebens- bzw. szenennah, weder vordergründig virtuos noch tändelnd verspielt, sondern sehr griffig daher kommt, mal tänzerisch.

Nun erst ist auch das Schauspieltheater auf der Höhe einer luftigen Transparenz, pantomimischen Ausdeutung und bildhaften Untermalung - nicht zuletzt durch großartig in Szene gesetzte Maschinerie. Auf dem Weg dahin verkörpern die beiden sprechenden und singenden Geister, an denen sich die (Theater-)Welten scheiden, nicht nur Schnittstellen oder Bindeglieder, sondern sie avancieren geradezu zu Hauptfiguren in einem insgesamt eher abstrahierend tableauartig ablaufenden Spiel. Bei Grimbald, dem Erdgeist (Peter Lobert), sind es wohl negative Erfahrungen im Höllenleben, die gewisse Zweifel an seinen Aufgaben wecken, auch wenn er sie scheinbar strikt verfolgt, bei Philidel, dem Luftgeist (Sonja Beißwenger), verstärkt das Mitleid mit den Erschlagenen, die beim vergeblichen Angriff der Sachsen auf der Strecke geblieben sind, einen gewissen Opportunismus. Der ist allemal besser als der blinde Eifer, mit dem die "heidnischen" Sachsen den alten Germanengöttern Menschenopfer darbringen.

Mit solcherlei Szenen hat Köhler nicht viel im Sinn, er entledigt sich ihrer mit einer Ersatzlösung, die immerhin noch einigermaßen brutal wirkt, enthält sich aber ansonsten jeglicher vordergründiger Vorführung von Gewalt, verkleidet derlei Vorgänge vielmehr in symbolische Gesten, überlässt sie den "Masques". Für die sind Chor (Sinfoniechor Dresden - Extrachor der Staatsoper) und Sänger zuständig, aber die Übergänge zu Schauspielszenen sind fließend und werden mit gleichbleibendem Engagement überschritten.

Gesungen wird englisch, meist Texte, in denen es allgemeine Lebensweisheiten sowie um die Liebe mit ihren Freuden und Pflichten geht. Ihre teilweise Fragwürdigkeit kontrastiert, zumal dank der gewissen Verfremdung, in den deutschen Übertiteln mitunter heftig mit den übrigen Sinneseindrücken, wenn etwa davon die Rede ist, wie froh die Frauen sein können, ihre Männer im Krieg zu wissen, oder der schwärmerisch geschilderte Weg zu sinnlicher Lust in der Szene auf gewaltsamem Weg beschritten wird, wie es der (dann doch nicht ganz so) böse, eher an nachvollziehbaren Verklemmungen leidende Zauberer Osmund (Bejamin Pauquet) beinahe tut. Womit er nicht nur seinem eher etwas verträumten als verliebten und eigentlich gar nicht karrieresüchtig erscheinenden Herrn Oswald (Christian Erdmann) in die Parade fährt, sondern auch dem jugendlich naiven und reichlich empathischen Artus. Der kann zwar mit ein paar Spritzern aus Zauberer Merlins Flachmann (Albrecht Goette in einer eloquent ausgefüllten, aber doch recht limitierten Rolle) Emmeline zum Sehen verhelfen, aber er keine rechte Dankbarkeit.

Die Aufführung bestach aber am Ende nicht allein durch ihre formale Eigenart und musikalische Glanzlichter, sondern durch eine kongeniale Interpretation, die sie zu einer höchst gegenwärtigen Kostbarkeit macht. Nicht nur rein äußerlich durch den Austausch der Märchenkostüme (Susanne Uhl) durch noble Gesellschaftskleidung. Vielmehr durch die Art, wie hier jeglichem Fundamentalismus abgeschworen wurde und der eigentlich von der Geschichte bestimmte Sieger unterlag - selbst wenn für mindestens einen Moment nicht klar war, ob nun das Abendland gerettet und/oder eine Herzogstochter Cornwells von einem Sachsen ver- und entführt wurde.

nächste Auführungen: 22. & 29.9.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.09.2013

Tomas Petzold

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