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Kein reiner Schwachsinn, sondern verweigerter Sinn - Otto in der Messe Dresden

Kein reiner Schwachsinn, sondern verweigerter Sinn - Otto in der Messe Dresden

Es ist nicht so, dass die Zuschauer in den ersten Reihen nicht gewarnt worden wären. Dass die Benutzung der Sitze ganz vorn auf eigene Gefahr erfolge, wurde schon vor dem Erscheinen des Stars per Live-Ticker verklickert.

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Otto Waalkes begeisterte seine Fans in der Dresdner Messe.

Quelle: Patrick Johannsen

Und in der Tat, es wird zuhauf Wasser in die ersten Reihen gespritzt, macht der eine oder andere Bekanntschaft mit Stücken eines Weißkohlkopfs, der auf offener Bühne wie ein Teenager in einem Slasher-Movie regelrecht zerhackt wird. Auf diese Nummer, in der er auf Chefkoch Louis Flambé macht und Pommes de Bordell, also Kartoffelpuffer à la Otto zubereitet, verzichtet Otto eben nie. Das scheint so sicher wie das Amen in der Kirche.

Ja, er war nach langer Pause mal wieder da. Und füllte locker die Messehalle. Ein Blick ins Publikum zeigt: Der Otto-Kult wird wie eine humoristische Tradition weitervererbt, zuhauf finden sich Kinder in den dicht besetzten Reihen, die mit und über Otto lachen, wenn auch manchmal an anderen Stellen als die Erwachsenen. Als Otto zwei Dutzend seiner Ottifanten verschenkt, stürzen die Kinder nach vorne. Ein paar werden glücklich, der Rest lernt eine Lektion fürs Leben: Mal gewinnt man, mal verliert man.

Am Konzept wurde nichts geändert. Wozu auch, es funktioniert schließlich nach wie vor. Klar, die Grimassen hat man oft gesehen, aber vielleicht ist es genau das, was Otto seit über 45 Jahren auf der Bühne so erfolgreich macht: Er schafft es als einer der Großen der Unterhaltungsbranche, die Menschen mit einfachsten Mitteln und seiner Liebe zum ureigenen Humor zum Lachen zu bringen. Seine Witze verletzen nicht wirklich (nur als er beteuert, das H an der Tür eines gewissen Örtchens stehe für Hunde und D "für besonders dumme Hunde", liegt Entsetzen in der Luft, herrscht für einen Moment geradezu Totenstille), sind nicht anstrengend, selten tiefgründig, sondern in dem Moment einfach nur komisch, ja sogar um Welten anregender und vor allem lustiger als die erlebnisentkernte Bachmannpreis-Prosa, die angeblich so toll sein soll, letztlich aber rasch gelangweilt wieder zur Seite fliegt.

"Geboren um zu blödeln" ist der Titel des neuen infantilen Befreiungsschlages. Und in der Tat, Waalkes - zwar sichtlich zum Senior gealtert, aber Clown von Beruf und Berufung wie einst im Mai seines Lebens - scherzt, albert und hampelt (er ist und bleibt eben "von der Hampelmuse geküsst") mit einem bestechenden Gefühl fürs Timing in bekannter Weise herum, nimmt vor allem sich und seine Zuschauer auf die Schippe. Er macht sich einmal mehr über sächsische Ortsnamen in der Region lustig, scheint sich also diesbezüglich sachkundig gemacht haben. Wie gewohnt überschreitet der hippelig-anarchische Blödel-Barde - von jeglichem Schamgefühl unbelastet - bei seinen Kalauern und Wortspielen gerne die Grenzen des (vermeintlich) guten Geschmacks. Mit geradezu diebischer Freude leitet der Grimassen-Künstler seine Gesichtszüge auf immer neue Gleise. Paradebeispiel: seine Mimik-Show zum "Kleinen grünen Kaktus".

Immer wieder blitzt auf, dass Otto wieder Single ist. Als solcher achtet er wieder auf die Figur, wenn auch "nicht die eigene", wie er hinterher schiebt. Definitiv ist er kein Mann für eine Nacht, wie er beteuert. So viel Zeit hat er nicht.

Alles Nonsens? Ja, aber auch kein reiner Schwachsinn, sondern verweigerter Sinn. Zwischen wendigen Wortwitzen spielt der Bühnen-Veteran, der nicht nur Hamburg versaute, sondern auch den Rest der Republik, auf einer seiner vielen Klampfen und parodiert allerlei Kollegen, ob nun Peter Maffay, Heino, Wolfgang Petry, Udo Lindenberg und und und. Dass das Publikum jederzeit in der Lage ist, textmäßig einzusteigen, verblüfft wie entzückt Otto gleichermaßen. Der Saal tobt endgültig, als der Zwerchfellkitzler aus Friesland in absurder Perücke und blauem Sakko zu seiner ganz eigenen Version des "Gangnam Style" über die Bühne galoppiert. Und dann Ottos legendäre Rotkäppchen-Versionen, die eindeutig Kult-Charakter besitzen. Wieder hat er völlig neue Varianten eingespielt, mal auf die Melodie von "An Tagen wie diesen" von den Toten Hosen, mal geht es frei nach Sirene Fischer "Atemlos durch den Wald". Wer nun fragt, ob wir tatsächlich über so etwas gelacht haben, dem sei versichert: Ja, haben wir. Vier alle.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.05.2014

Christian Ruf

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