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Regional „Kein Zutritt / No Entry“: betreuter Zugang ins digitale Grenzland
Nachrichten Kultur Regional „Kein Zutritt / No Entry“: betreuter Zugang ins digitale Grenzland
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19:01 03.05.2018
Einladung zum Start: Paul Oldenburg lädt zum Klolauschtausch, Babette Kuschel in die atomare Partyzone. Quelle: Marco Prill
Dresden

Eigentlich sollte die Uraufführung von „Kein Zutritt / No Entry“ in Konzept, Regie und Choreographie der Britin Jo Parkes schon im Juni 2017 gewesen sein, doch die französischen Entwickler der Anwendung (viele nennen es App) brauchten halt etwas länger, als Theatermacher gewohnt sind, so dass sich das Dresdner Theater Junge Generation (tjg) entschloss, die Premiere im Rahmenprogramm des gegenwärtig hier laufenden sächsischen Theatertreffens anzubieten.

Das passt ganz gut, weil die sächsischen Bühnen nun, einige Jahre nach der Kanzlerin, das Netz für sich entdecken wollen, wobei das nicht ganz korrekt ist: Man entdeckt nur das Digitale – also die logische Entscheidung zwischen Nullen und Einsen – im Gegensatz zu jener Entscheidung im analogen, also echten Leben, für die wir gebaut und trainiert sind.

Zehn verbotene Zonen sollen locken, das mobile Endgerät als Schlüsselloch dienen. Der so genannte Parcours von „Kein Zutritt / No entry“ hat verschlossene Türen, hohe Zäune, weiträumige Absperrungen und unsichtbare Barrieren. Dazu bekommt hier jeder der bis zu 60 Walker einen Tablet-PC mit Kopfhörern, auf das per Knopfdruck Anweisungen sowie Audio- oder Videodateien gespielt werden. So wie anfangs die Erklärung und eine gefilmte Tanzszene als Kampf um den Einlass in die Tür mit der historischen Aufschrift „Lebensgefahr“ gegenüber dem Theatereingang. Das misslingt, denn just zum Filmende kommen dort die beiden echten Darsteller, die Avatare genannt und zum Wegführer werden, also Babette Kuschel und Paul Oldenburg, leibhaftig heraus.

Abgesehen davon, dass jeder sogenannte Touchscreen in Quali- wie Quantität von Keimen wie Bakterien mit Klobrillen gut mithält, entscheidet sich bei der Premiere am Donnerstagvormittag rund die Hälfte der Jugendlichen P14 nach der viertelstündigen Technikverteilung und -einweisung für die Party- statt die Klozone, wo es dort in bester Mittelschulmanier per Geschlechtertausch unerhörte Stories der jeweils anderen geben soll.

Party ist so die richtige Entscheidung, denn so geht es ab in den Bunker, einen rund 15 Quadratmeter großen Technopartyraum, wo erst der Türsteher (Babette Kuschel) zu überwinden ist und man sich dann wie immer benehmen, also den Nachbarn anbaggern soll. Ist das per „Hallo“ erledigt, droht Alarm und Stromausfall, Kuschel kommt im gelben Schutzanzug reingestürmt, tanzt langsam in der Ecke, was keiner beachtet, weil in klaustrophobischer Enge ein Fukushima-Opfer in einer Amateurdoku seinen Weg aus seinem verseuchten Heimatdorf und wieder dorthin zurück schildert.

Dann ist Pegida-Zeit, schließlich sind wir ja in Dresden und alle das Volk. Man hört verfremdete Sprechchöre und eine in lupenreines Hochdeutsch übersetzte Geschichte, wo ein grauer Demonstrant das Kind einer verängstigenden Muslima, die unabsichtlich in die Demo geraten sein will, unerwartet übers Haar streichelt. Die Jugendlichen dürfen – mit dem Bildschirm vor der Stirn, der die bundesrepublikanische Flagge zeigt – mitdemonstrieren. Dann zeigen beide Darsteller eine US-Einreiseszene per peinlicher Befragung einer britischen Iranerin – und wieder folgt die Entscheidung über die zu betretende Zone.

Derweil hat sich schon arge Ernüchterung eingestellt: Denn alles, was man bei dem Mix aus Theaterwalk, Stationenbespielung mit Tanz und Pantomime sowie Filmschnipsel respektive Video- und Hörspiel geboten bekommt, und hier von mindestens zehn Mitarbeitern technisch und aufpassend betreut wird, hat jeder halbwegs kultivierte mitteleuropäische Jugendliche schon einzeln besser erlebt. Hier generiert auch die Summe kein neues Gesamtkunstwerk, zumal das Ziel unklar bleibt: Unterhaltung, Abwechslung, Aufklärung oder gar Teilhabe an echten Euros, die das Kooperationsprojekt mit der Gruppe „Emergency Exit Arts“ finanzieren helfen?

So endet die 70-minütige Premiere mit einem lauten Schnatterschlag: Im Kranfoyer auf Kissen gebettet, was allein rund fünf Minuten dauert, soll man den Bildschirm über sich halten und eine Art Tanztrickfilm schauen, während sich die Schauspieler verdient schlafend stellen. Auch der ist so prickelnd, dass der Beifall und der laute Foyersturm des parallel laufenden tjg-Theatertreffen-Beitrages („Der Junge mit dem Koffer“) als willkommene Abwechslung dient, bis der Bildschirm, der zum Glück nicht oft betatscht werden muss, in die recht schulterzuckende Freiheit entlässt.

Ein Schelm, der das nicht als Plädoyer für echtes Theater deutet. Genau wie die alte Kohlekraftwerksuhr draußen vor der Tür, die nun – für die Ewigkeit auf 5 vor 12 stehend – daran erinnert, dass es schon beim nächsten Mal besser werden könnte.

nächste Vorstellungen: heute sowie 16. & 17. Mai (je 10 Uhr), tjg

www.tjg-dresden.de

Von Andreas Herrmann

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