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Kein Jahrhundertgenie, aber ein Jahrhundertmensch

Die Rudolf-Belling-Retrospektive in Berlin Kein Jahrhundertgenie, aber ein Jahrhundertmensch

Er kam relativ unbeschädigt durch alle Krisen des 20. Jahrhunderts – pragmatisch und (zu?) geschmeidig. Ein guter Selbstvermarkter war Rudolf Belling auf alle Fälle – vor allem aber ein prägender Kopf der bewegten Kunstszene in den Jahren der Weimarer Republik.

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Rudolf Belling: Skulptur / Holz (1919-24)

Quelle: bpk / Nationalgalerie, SMB

Berlin. Er kam relativ unbeschädigt durch alle Krisen des 20. Jahrhunderts – pragmatisch und (zu?) geschmeidig. Ein guter Selbstvermarkter war Rudolf Belling auf alle Fälle – vor allem aber ein prägender Kopf der bewegten Kunstszene in den Jahren der Weimarer Republik.

1937 gab es in München, in Sichtweite zueinander, parallel zwei große Ausstellungen. Die eine nannte sich auch so – mit dem zweiten, groß geschriebenen Adjektiv „Deutsche“ dazwischen – und zeigte, was dem Regime an bildkünstlerischer Produktion genehm war; die andere war die berüchtigte Präsentation der „Entarteten Kunst“. Rudolf Belling war in beiden vertreten – wohl trotz der enormen Fülle von Namen und Werken, die damals zusammengeführt wurden, ein Unikum.

Bei der Berliner Retrospektive im Hamburger Bahnhof wird nun die ernsthafte Absicht, den ganzen Belling zu zeigen, nicht zuletzt dadurch beglaubigt, dass nicht nur der damals verworfene „Dreiklang“ zu sehen ist, sondern auch jene bulldozerhafte Figur des Boxers Max Schmeling – ganz sehniges Muskelspiel vom Scheitel bis zum Hinterteil –, die Gnade vor den braunen Kunstrichtern gefunden hatte, allerdings auch ohne diese historische Fügung eher beklemmend wirkt. Die Wahrheit ist freilich auch: Was da vereinnahmt wurde, hatte Belling schon Anfang der 30er Jahre und wahrscheinlich reinsten Herzens geschaffen. Er war persönlich ein großer Boxsport- und Schmeling-Fan. Was nun sagt diese zwiespältige Konstellation über den schöpferischen Menschen dahinter – zumal zwischen dem tänzerisch schwingenden, wunderbar im Raum entfalteten „Dreiklang“ und der bei aller formalen Gekonntheit irgendwie plumpen Sportler-Statuette gerade einmal reichlich zehn seiner letztlich fast 60 Schaffensjahre liegen?

Positiv könnte man einräumen, dass sich der gebürtige Berliner, Jahrgang 1886 und nach der Jahrhundertwende mit post-barock verknäuelten Figurengruppen gestartet, ästhetisch nicht vereinnahmen ließ – nicht einmal von der futuristischen Moderne, zu deren deutschem Herold er mit seinen abstrakten Plastiken im Gefolge Archipenkos nolens volens geworden war. Andererseits lässt einen sein oft auftragsgesteuerter Pragmatismus mit dem Menschen nicht recht warm werden, zumal es einige weitere Grusligkeiten gibt: ein (per Video dokumentiertes) machtverherrlichendes Reiterstandbild in Istanbul, wohin er für einige Jahre aus dem Nazi-Reich auswich, ebenso wie ein im Gewerkschaftsauftrag entstandener Monumental-Bergarbeiter, der fraglos von Meunier herkommt, aber leider auch für die NS-Arbeitsfront Bella figura gemacht hätte sein können.

Belling – sachlich-nüchtern, diskret unterkühlt und sich seiner Mittel bis hin zu den glänzend-spiegelnden Oberflächenbearbeitungen in poliertem Mahagoni, Messing oder Silber sehr bewusst – war schlicht da, wo er gebraucht wurde: gern auch in der Gebrauchskunst, Filmszenographie und Werbewirtschaft, bis hin zu konstruktivistischen Architekturentwürfen nah am Bauhaus-Geist.

Im schlimmeren Falle kam dabei pathetische Rhetorik heraus, im günstigeren „konnte“ er sogar – sonst selten bei ihm – Humor wie beim als Kühlerfigur entworfenen „Horch“-Tier für die gleichnamige Automarke mit seinen liebenswert monströsen Löffelohren. Am ehesten bei sich selbst war der Künstler dennoch, wenn er seine Phantasie über die Grenzen des blanken Realismus hinauslaufen ließ – bis hin zur „Schuttblume“ für das Gelände der Münchner Olympiade in seinem Todesjahr 1972. Selbst wenn ein Gebilde wie die „Skulptur 23“ heute in ihrem messingblanken, zu einer abstrakten Kopfform gerafften Mix aus Weckerglocke, Schnellkochtopf und Motorblock einige unfreiwillig komische Züge hat – mit solch abstrakt-futuristischen Kompositionen war Belling ein jede verstaubte Altbürgerlichkeit hinter sich lassender Visionär, dessen Gestaltungen wir zum Beispiel in heutigen Technik-Designs unvermittelt wieder begegnen können: ein Mann des vorigen Jahrhunderts mit all seinen Widersprüchen – aber auch einem intuitiven Blick auf das, was da alles noch kommen könnte.

bis 17.9. im Hamburger Bahnhof Berlin (Nähe Hauptbahnhof), täglich außer Mo 10- (am Wochenende 11-)18 Uhr

Von Gerald Felber

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